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Was Autofahrer dazu bewegt, weiterzufahren, obwohl Hilfe benötigt wird / Vorfälle auch in Emmerthal

Die Angst davor, Ersthelfer zu sein

OHR. Ist es Unsicherheit, Angst oder gar Unkenntnis? Die Gründe, warum immer wieder Autofahrer bei einem Verkehrsunfall keine Erste Hilfe leisten, sind vielfältig. Zwei Fälle, die sich vor kurzem in Emmerthal ereigneten, sorgten für Aufsehen – und auch für Unverständnis.

veröffentlicht am 13.03.2019 um 17:18 Uhr
aktualisiert am 14.03.2019 um 18:22 Uhr

Die Unfallstelle in Ohr war als solche zu erkennen. Foto: fn
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Am vergangenen Sonntag war ein VW Transporter bei Ohr gegen einen Baum gefahren. Der Fahrer war im Fahrzeug eingeklemmt. Ein Emmerthaler kam auf den Unfall zu, stoppte seinen Wagen und kümmerte sich um den verletzten Fahrer. Andere Helfer? Fehlanzeige. Viele Autos waren zu der Zeit – es war kurz nach 7 Uhr – nicht auf der Bundesstraße 83 unterwegs. Dennoch: Acht, neun Autofahrer seien vorbeigefahren, erzählte der Ersthelfer. Angehalten und zumindest Hilfe angeboten habe nur einer, sagte der Emmerthaler.

Wenige Wochen zuvor hatte ein Autofahrer 30 Minuten lang in seinem unter einer Brücke stehenden Auto gesessen. Obwohl die Straße bei Kirchohsen, wo der Wagen am Fahrbahnrand stand, stark befahren ist, hielt zunächst niemand an. Bis eine Frau auf den Wagen aufmerksam wurde und den Rettungsdienst informierte. Für den Mann kam die Hilfe zu spät. Er verstarb in einem Krankenhaus.

Es ist ein Phänomen. Während Hilfe oft ausbleibt, greifen Gaffer zu ihren Handys und machen Fotos von Unfallorten. Es scheint so, dass bei vielen Menschen der Gedanke, helfen zu können, hinter das Bedürfnis, durch aufsehenerregende Bilder Aufmerksamkeit zu erhalten, in den Hintergrund tritt. Dabei ist rasches Handeln am Unfallort dringend notwendig, da es häufig auf die ersten Sekunden und Minuten nach einem Unfall ankommt. Woran liegt‘s?

„Eine Hilfeleistung ist immer noch mit der Angst verbunden, irgendetwas falsch machen zu können. Oder einer Situation ausgesetzt zu sein, die man nicht jedes Mal erlebt und nicht kennt“, weiß Christine Rettig vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC). Der Verkehrsklub hatte bereits vor Jahren eine Umfrage zum Thema durchgeführt. Das Ergebnis – das heute ähnlich ausfallen dürfte – klingt ernüchternd: Die meisten Befragten hatten Bedenken, selbst Erste Hilfe zu leisten. Viele würden abwarten, ob nicht ein anderer hilft oder hielten Erste Hilfe für eine Sache von Profis.

Handelt es sich bei solchen Fällen um eine unterlassene Hilfeleistung? „Nein“, heißt es von der Polizei. Das sei es nicht, wenn – wie in diesem Fall – bereits offensichtlich ein Ersthelfer vor Ort war, meint Oberkommissarin Stephanie Heineking-Kutschera. „Wenn der Ersthelfer allerdings anderen Verkehrsteilnehmern signalisiert hätte, dass er noch weitere Hilfe benötige, sehe die Sache anders aus“, so die Polizeisprecherin.

Dennoch rät die Polizei, trotz bereits aktiv tätigen Helfern kurz an der Unfallstelle anzuhalten, um zu fragen, ob weitere Hilfe benötigt wird. „Beim Vorfall in Ohr war es ja schon hell. Die Vorbeifahrenden konnten die Situation gut erkennen und einschätzen. Anders ist es nachts. Wenn man sich nicht traut, anzuhalten und auszusteigen, dann sollte man aber wenigstens die Polizei oder den Rettungsdienst informieren“, sagt Heineking-Kutschera.

Die Angst mancher Menschen, wegen falscher Erster Hilfe angezeigt zu werden, sei unbegründet. „Man wird niemals in irgendeiner Art und Weise dafür verantwortlich gemacht. Das Entscheidende ist, dass man in dem Moment da ist, und hilft“, betont ADAC-Sprecherin Rettig.

Der Verkehrsklub appelliere schon seit längerem an die Bürger, alle fünf Jahre die Erste-Hilfe-Kennnisse aufzufrischen. „Einfach schon deshalb, um die Scheu zu verlieren, etwas falsch zu machen. Aber das machen ja die wenigsten“, meint die ADAC-Sprecherin.

Nach einem Kurs sei man routiniert und verliere die Hemmungen, sich mit der fremden Situation auseinanderzusetzen, so Rettig.



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