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Ein Besuch in der Straße Langes Feld

Dewezet-Käfer landet im Industriegebiet Kirchohsen

KIRCHOHSEN. Zwischen den Bäumen hindurch, hinter dem Feld, aus dem Bürofenster heraus, von der Raucherecke aus: Das Atomkraftwerk Grohnde ist an vielen Plätzen entlang des Langen Felds in Kirchohsen sichtbar. Dorthin führt die vierte Tour der Sommerserie „Der Dewezet-Käfer trifft“. Auf der Straße wiederum jemanden zu treffen, am Vormittag, während alle arbeiten, ist gar nicht so leicht. Zum Glück gibt’s Rauchpausen und Klingeln.

veröffentlicht am 12.07.2018 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 09.08.2018 um 10:46 Uhr

Birte Hansen

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Reporterin zur Autorenseite

Grau, von oben und rundherum, nach wochenlangem Sonnenschein. Zum Glück funktionieren die kleinen Scheibenwischer und kämpfen tapfer gegen den Regen an. Der richtige Moment, sie auszuschalten, damit sie einem nicht direkt vor der Nase stehen bleiben, ist auch irgendwann gefunden. Das Wetter lässt die Straße „Langes Feld“ noch trister erscheinen als sie als Hauptstraße des Industriegebiets Süd eh schon daherkommt.

Leuchtende Ausnahme: die beiden grasgrünen Lkw der S&W-Spedition, deren Fahrer gerade dabei sind, Anhänger umzusatteln. „Ich bin leer“, sagt Bernd Hubmann (47), sein Kollege hat jetzt Kalk geladen. Gary Olbrich (38) ist seit 4 Uhr auf den Beinen und auf dem Bock, kam schon aus dem Emsland und muss jetzt Richtung Norden. Dass es ein bisschen kühler ist als in den vergangenen Tagen, kommt den Männern entgegen: In der Sommerhitze wird es nämlich in der Schlafkabine trotz Standklimaanlage knackig warm. Wer wie die beiden bis zu 3000 Kilometer in der Woche auf den Straßen runterreißt, hat dann gerne kühlere weil erholsame Nächte.

Am Langen Feld reiht sich ein produzierendes Unternehmen an das nächste, Hunderte Menschen haben hier ihren Arbeitsplatz. Von hier aus werden Augentropfen, Holzschränke, Fußbodenheizungen oder Badezimmerteppiche in die Umgebung und in die Welt geschickt. Zum Beispiel die flauschigen Badewannenvorleger von Rhomtuft, die schon im Eingangsbereich vor einer dort installierten Badewanne liegen, flankiert von Sektgläsern und Schampusflasche. Sandra Schindler arbeitet seit etwa einem Jahr als Assistentin der Geschäftsführung bei Rhomtuft und ist leidenschaftlicher Autofan – da kommt der alte Käfer gerade recht.

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Der Friedhof Kirchohsen liegt ebenfalls im Industriegebiet Süd in Kirchohsen. Foto: BHA

Sie fährt auch einen, den „New Beetle“, in dem sie sich allerdings nicht mit 120 Stundenkilometern begnügen muss. „Es darf gerne schneller sein“, verrät die Bad Pyrmonterin, die mit ihrem Mann schon auf einer Rennstrecke unterwegs war und hinterm Steuer schnelle Runden gedreht hat. Mulmige Gefühle kennt sie nicht bei hohem Tempo, aber, wenn sie ihren Arbeitsplatz ansteuert: Das Firmengebäude liegt unmittelbar gegenüber dem Atomkraftwerk, der Blick dorthin geht über das freie Feld, auf dem zurzeit noch hellbrauner Weizen darauf wartet, geerntet zu werden.

„Vor allem, wenn die Sirenen gehen“, habe sie ein mulmiges Gefühl, sagt auch Maren Franz, die ein paar Meter weiter bei Lomapharm eine Pause in der Raucherecke einlegt, das AKW vor Augen. Das war vor etlichen Jahren noch anders: „Früher konnten wir noch inner Werkstatt rauchen“, erzählt Jürgen Müller, der, wie alle anderen Anwesenden auch, für seine Zigarettenpause ausgestempelt hat. Müller ist so etwas wie ein Lomapharm-Urgestein: Seit sechsunddreißigeinhalb Jahren arbeitet er dort, macht Blech- und Schlosserarbeiten in der Werkstatt und hat noch acht Monate bis zu seinem Ruhestand.

Entdecken Sie alle Teile der Käfer-Serie (Für die Storys klicken Sie auf die Spots in der Karte oder öffenen Sie das Menü rechts unten)

Diese Beständigkeit, Jahrzehnte am selben Platz zu arbeiten, kennt Simone Warnecke-Schöbel beim Unternehmen gegenüber nicht. „Ich bin zum dritten Mal dabei“, sagt sie lachend über ihre wechselhafte Vergangenheit bei Athe-Therm. Zwischendurch gab es andere Jobs, seit acht Wochen ist die gelernte Bauzeichnerin wieder zurück, empfängt Besucher, Kunden und Kollegen und ist überzeugt: „Jetzt bleibe ich bis zur Rente.“

Etwa einen Kilometer lang ist die Straße „Langes Feld“, gesäumt von zig Autos, deren Fahrer und Fahrerinnen – es gibt Parkplätze eigens für Frauen – hier irgendwo am Band stehen, Kundenanfragen bearbeiten, die Qualität von Verpackungen prüfen, Möbel tischlern, für ihr täglich Brot sorgen. Fast am Ende Richtung Hauptstraße hält das von Grau geprägte Industriegebiet unverhofft grüne Oasen bereit. Hinter hohen Hecken erstrecken sich Schrebergärten teils mit großen Beeten und üppig gedeihendem Gemüse – die Frau, die zum Tor kommt, hat leider keine Zeit für einen Plausch –, bevor ganz am Ende der Friedhof Kirchohsen die schönsten Plätze für die längste anstehende Ruhepause nach getaner Arbeit bietet. Übrigens auch mit Aussicht aufs AKW.



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