weather-image
12°
Status quo des Bückebergs bleibt erhalten / Buchpräsentation: Ergebnisse des Symposiums

Denkmalschutz ja – aber keine Gedenkstätte

Emmerthal (cb). Der Denkmalschutz für den Bückeberg als Ausrichtungsort der NS-Propagandaveranstaltung Reichserntedankfeste hat keine Konsequenzen für das Gelände. Das hat Dr. Josef Lange, Staatssekretär im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur als oberste Denkmalbehörde, gestern in Emmerthal betont. Die Ausweisung als Denkmal bedeute nichts anderes, als den Status quo des heutigen Geländes zu erhalten. Weder Rekonstruktionen früherer Bestandteile des Veranstaltungsortes noch eine Gedenkstätte seien geplant, sagte der Staatssekretär und bekräftigte damit erneut Aussagen des damaligen Ministers Lutz Stratmann gegenüber der Gemeinde vor gut einem Jahr. „Es gibt keine derartigen Absichten“, sagte Lange.

veröffentlicht am 03.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 23:41 Uhr

270_008_4396205_lkae106_0411.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Anlass war die Präsentation des Buches „Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln“, das die Ergebnisse eines Experten-Symposiums auf Einladung des Ministeriums im September vergangenen Jahres dokumentiert. „Das Urteil der Experten war eindeutig“, fasste der Staatssekretär gestern noch einmal zusammen. Der Bückeberg sei neben Nürnberg und Berlin einer der drei Orte, an denen das NS-Regime seine reichsweit bedeutenden Massenveranstaltungen inszeniert habe. Es wäre nicht überzeugend begründbar, bei dieser unbestreitbaren geschichtlichen Bedeutung eine Denkmaleigenschaft abzulehnen. Dr. Lange erinnerte dabei auch an die Meinung der Fachleute, die teils selbst langjährig in Gedenkstätten tätig seien: Das wirksamste Mittel gegen Mythenbildungen sei es, die Geschichte öffentlich zu verarbeiten.

„Wir in Emmerthal verleugnen keinesfalls die historische Bedeutung des Bückebergs, und wir stehen hierzu“, sagte Bürgermeister Andreas Grossmann. Allerdings erinnerte er erneut daran, dass die Gemeinde die Aussagen des früheren Ministers Stratmann, dass der Denkmalschutz nicht mit baulichen Veränderungen verbunden sei, schriftlich hätte haben wollen. Nachdem dies nicht geschehen sei, habe er in der Vorwoche die neue Ministerin Johanna Wanka in einem Brief um die entsprechende schriftliche Zusage gebeten, so Grossmann.

In dem Buch allerdings geht die Ministerin ausdrücklich auf die Bedenken der Gemeinde ein, dass eine Gedenkstätte oder Dokumentationsstelle vor Ort abgelehnt werde, die Bedenken gegen eine Aufnahme des Bückeberges in das Verzeichnis der Baudenkmale aber hätten zerstreut werden können. „Diese Haltung bildet die Grundhaltung eines Konsenses, zumal die Einrichtung einer solchen Stätte ohnehin nicht beabsichtigt war und ist“, schreibt Prof. Dr. Johanna Wanka in dem Geleitwort. Ihr Staatssekretär selbst sagte dann gestern in Emmerthal, dass es in der Verantwortung der örtlichen Entscheidungsträger liege, wie der Bückeberg vor Ort angemessen behandelt werden könnte. „Sie haben selbst darüber zu befinden, ob beispielsweise erklärende Tafeln vor Ort aufgestellt oder das Thema in einem örtlichen Museum deutlicher dargestellt werden soll“, sagte Lange. Das Buch sei nicht nur eine gute Grundlage für eine vertiefte Diskussion vor Ort, sondern auch darüber hinaus für den Umgang mit solchen historischen Anlagen, äußerte der Staatssekretär als seine Hoffnung.

Auf Einladung des Landesamtes für Denkmalpflege fand vor der Buc
  • Auf Einladung des Landesamtes für Denkmalpflege fand vor der Buchpräsentation eine Exkursion mit Schülern zum Bückeberg statt.

Über den schwierigen Umgang mit dem Bückeberg als Zeugnis monumentaler Landschaftsarchitektur und gestalteter Kulturlandschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus sprach Dr. Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Den Bückeberg stuft er dabei als „unbequemes Denkmal“ ein. Doch: Die Denkmalpflege dürfe die öffentliche Auseinandersetzung mit den architektonischen Hinterlassenschaften der NS-Zeit nicht scheuen. Sie müsse zu einem historisch fundierten, eindeutigen Votum für den Erhalt eines unbequemen Erbes gelangen. Und auf diese Weise müsse auch mit dem Gelände der Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg verfahren werden, so Dr. Winghart.

„Der Bückeberg als Kulturdenkmal führt uns die Geschichte immer wieder vor Augen“, sagte Landrat Rüdiger Butte. Er stellte die Buchpräsentation in Zusammenhang mit der jüngst angelaufenen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin mit dem Titel „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“. „Beides sind Veranstaltungen gegen das Vergessen“, sagte Butte bei der Präsentation, zu der auch ein Kurzfilm von Aerzener Schülern gehörte.

Der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom schlug vor, den Bückeberg als „Lernort“ mit einem Informationsweg über Tafeln mit Bildern und Texten an den markanten Stellen auszustatten. Als zweiter Punkt sei eine ständige Ausstellung vorstellbar – das Bückeberg-Gelände komme dafür aber nicht in Frage. Organisiert würden diese Schritte voraussichtlich durch die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. In der Diskussion mit den Gästen wurden erneut Vorbehalte deutlich, aber auch Unterstützer meldeten sich zu Wort. Habbo Knoch von der Gedenkstättenstiftung warb für ein besseres Verständnis, dass man mit der Begrifflichkeit vom Denkmal an die Grenzen komme. Beim Bückeberg, so Knoch, gehe es aber nicht um den Gedenkwert im Sinne des Erhabenen, sondern um den Aufklärungswert.

„Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln“; Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege 2010. ISBN 978-3-8271-8036-0. 80 Seiten, gebunden. Zahlreiche Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen; 14,90 Euro; erhältlich im Buchhandel und bei CW Niemeyer Buchverlage GmbH.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt