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Sanierungsarbeiten nach Vorgabe des Amtes übersteigen finanzielle Möglichkeiten der Eigentümer

Denkmalschutz beim Fachwerk sorgt für Frust

Aerzen (sbr). Ein bisschen erinnert das Fachwerkensemble im Aerzener Goldschlag an das Märchen vom Aschenputtel. Auf der einen Seite herausgeputzt die Stiefmutter mit ihren beiden Töchtern und auf der anderen Seite das Aschenputtel in zerrissenen und dreckigen Kleidern.

veröffentlicht am 01.02.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 19:21 Uhr

Die denkmalgerechte Sanierung des Hauses rechts würde einen hohen sechsstelligen Betrag verschlingen.
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Drei der vier Fachwerkhäuser, die aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, wurden liebevoll restauriert und bilden als ansehnliches Trio ein vielfotografiertes Postkartenmotiv. Gleich daneben reiht sich das drittälteste der insgesamt vier Häuser mit seinen brettervernagelten Fenstern und maroden Gefachen als wahrer Schandfleck in das antike Quartett in Aerzens Altdorf. So unterschiedlich sie auch von außen auf den Betrachter wirken mögen, haben doch alle vier Gebäude eine Gemeinsamkeit: Sie stehen bereits seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz.

„Wir würden es lieber heute als morgen verkaufen oder abreißen lassen“, erklärt Birgit Keese, gemeinsam mit ihrem Mann Axel Eigentümer des betagten und bereits sehr baufälligen Hauses. Einem ersten Kostenvoranschlag zufolge würde die Restaurierung des 330 Jahre alten Gebäudes einen hohen sechsstelligen Eurobetrag verschlingen. Allerdings dürfte im Hinblick auf den Denkmalschutz die vorhandene, sehr geringe Deckenhöhe nicht verändert werden, gibt die Besitzerin zu bedenken. „Das können wir uns, trotz Zuschüssen, einfach nicht leisten“, so Birgit Keese.

Trotzdem ist das Ehepaar verpflichtet, Jahr für Jahr in den ungewollten Erhalt des Gebäudes zu investieren, um so für eine recht zweifelhafte Sicherheit des Hauses zu sorgen. Gerade wegen der immer strenger werdenden Auflagen des Denkmalschutzes sieht das Ehepaar keinen möglichen Verwendungszweck für die Immobilie, die sich weder im jetzigen noch im herausgeputzten Zustand gut verkaufen lässt, wie auch die Nachbarfamilie Fischer erfahren musste. Rudolf Fischers Elternhaus steht gleich nebenan im Goldschlag Nummer 3. Für seine eigene Familie kaufte er 1961 das Fachwerkhaus mit der Hausnummer 1 und später auch das baufällige Nachbargebäude zwischen beiden Häusern, um durch einen Abbruch Freiraum für sich und das Elternhaus zu schaffen. „Wir haben einfach zu lange gezögert. Die Abbruchgenehmigung lag bereits vor, doch dann wurde uns plötzlich mitgeteilt, dass die Genehmigung mit sofortiger Wirkung zurückgezogen wurde und alle unsere drei Gebäude unter Denkmalschutz stehen“, erinnert sich Rudolf Fischer.

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Und damit begann für die Aerzener Familie eine echte Gratwanderung zwischen Wünschen, Möglichkeiten und Bestimmungen. Jeder Umbau, jede Sanierungsmaßnahme – und sei es nur ein Eimer Fassadenfarbe – muss mit dem Amt für Denkmalpflege abgestimmt werden. „Das Haus darf beispielsweise nicht in jedem Ton gestrichen werden, sondern nur so, wie es die Behörde vorgibt“, erzählt der Hausbesitzer. Auch bei der Verkleidung der Wetterseite wollten die Denkmalschützer mitreden. „Da zählen die jahrzehntelangen Erfahrungen der Anwohner mit dem Schlagregen sowie durchgeweichte Fassaden und aufgequollene Fußböden nicht, wenn sich die Tatsachen nicht mit den Vorstellungen des Amtes für Denkmalpflege decken“, ärgert sich Rudolf Fischer und denkt an die Giebelverkleidung gen Westen.

Das mittlere Haus des Gebäudetrios konnte der Aerzener übrigens nur an die Gemeinde verkaufen, denn für den Erhalt von drei alten Häusern fehlte der Familie Fischer das Geld und alle anderen Interessenten – einer war sogar extra aus Bremen angereist – sahen nach einer Besichtigung der maroden Immobilie von einem Kauf ab. Die Gemeinde wiederum konnte beim Wiederverkauf auch nur einen symbolischen Verkaufspreis für das denkmalgeschützte Gebäude erzielen.

„Zwar können wir uns nicht vorstellen, in einem ‚normalen Haus‘ zu wohnen, aber alles in allem steckt mehr Frust als Freude in dem alten Haus“, ziehen Rudolf und Hildegard Fischer eine ernüchternde Bilanz ihres Wohnens in einem Denkmal. Und altengerecht ist das in die Jahrhunderte gekommene Fachwerkgebäude, das aus dem Jahr 1744 stammt, schon gar nicht, wie die beiden jeden Tag aufs Neue feststellen müssen.

Die aus den Jahren 1744, 1675, 1678 und 1681 stammenden Gebäude (v.l.) bilden ein denkmalgeschütztes Fachwerkensemble im Goldschlag.



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