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Rübenernte im Weserbergland leidet unter dem Wetter der vergangenen Wochen

Das harte Geschäft mit der Rübe

Die Rübenkampagne in diesem Jahr ist das reinste Abenteuer, leider“, sagt Sebastian Binder. Ein viel zu feuchter Sommer und jetzt auch noch ein nasser Herbst lassen vernünftige und vorausschauende Planungen in Sachen Roden, Verladen und Abtransport der Zuckerrüben nicht zu.

veröffentlicht am 16.10.2017 um 16:24 Uhr

Die Rübenernte ist im Gange – hier eine sogenannte Lademaus im Einsatz –, doch läuft die Ernte ganz anders als geplant. Das Wetter der letzten Wochen macht den Landwirten zu Schaffen. Foto: tis
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Friedrich-Wilhelm Thies Reporter
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Vielmehr heißt es jeden Morgen aufs Neue schauen, wo kann überhaupt auf den durchnässten Böden gerodet werden. Danach müssen Verladen und Abtransport koordiniert werden. Und nicht nur das Roden überhaupt macht Probleme. Auch, wie die Frucht aus dem Boden kommt, ist derzeit nicht optimal, sorgt für zusätzliche Probleme und schlägt sich auch auf den Erlös, den der Anbau der süßen Frucht den Landwirten bringen soll, nieder.

Unter normalen Bedingungen wird bereits schon im Frühjahr nach der Aussaat der Rüben das Abernten der Felder geplant. Landwirte geben vor, ob sie gleich zu Beginn der Kampagne ihre Rüben gerodet haben möchten, mehr in der Mitte oder zum Ende. Dann wird frühzeitig ein Plan erstellt, damit alles in einer geordneten Reihenfolge abgearbeitet werden kann. Dabei spielt auch die räumliche Nähe eine Rolle, damit die großen Erntemaschinen möglichst kurz Wege zwischen den Einsätzen auf den Rübenflächen haben. „Das haben wir natürlich auch in diesem Jahr so gemacht. Aber diese Planung mussten wir komplett über den Haufen werfen“, sagt Binder – und er muss es wissen, schließlich ist er der Einsatzleiter der Zuckerrüben-Rodegemeinschaft (ZRG) und der Lade- und Reinigungsgemeinschaft (LRG) Deister-Weser.

Derzeit müsse man täglich aufs Neue schauen, auf welchen Äckern man zum Ernten mit den Maschinen überhaupt fahren kann. Groß sei die Auswahl nicht und die Flächen lägen dann oft nicht dicht zusammen, also müssten die Rübenroder teilweise längere Strecken zum nächsten Einsatz zurücklegen. Zudem können längst nicht so viel Rüben geerntet werden, wie geplant. „Und das bedeutet, wir müssen dort verladen, wo überhaupt Rüben liegen. Also können wir die Lademäuse nicht wie sonst in einer Gegend zusammenhängend einsetzen. So ist eine etwa zunächst im Raum Kirchohsen im Einsatz, wo es aber nur einen Acker mit einer Rübenmiete gibt, und dann geht es weiter bis in den Raum Börry“, erklärt Binder.

Einsatzleiter Sebastian Binder zeigt eine Rübe, der beim Roden wegen der starken Reinigung die Wurzel abgetrennt wurde. Foto: ti
  • Einsatzleiter Sebastian Binder zeigt eine Rübe, der beim Roden wegen der starken Reinigung die Wurzel abgetrennt wurde. Foto: ti

In der Nähe des Umspannwerks bei Kirchohsen steuert Mauritz Harland eine solche Lademaus auf einem abgeernteten Rübenacker und trägt dabei eine große Verantwortung für die 360-PS-Maschine. Zwar kann er in seiner Fahrerkabine auf viel Elektronik als Hilfe zurückgreifen. Dennoch muss er darauf achten, dass er vor der Rübenmiete die Spur hält, der Überladearm auch die Lkw-Ladefläche trifft und nicht etwa in Bäumen am Wegesrand hängen bleibt. So wird ein 40-Tonnen-Lastzug nach dem anderen beladen. Einsatzleiter Binder merkt an: „Hier bei Kirchohsen haben wir zwar asphaltierte Wege, was bei dem Wetter nicht zu verachten ist. Dafür stehen an diesem Acker wie so oft aber viele Obstbäume, auf die der Fahrer immer wieder reagieren muss.“ Seit diesem Jahr wird der Rübentransport zudem durch die Arbeitsgemeinschaft Weserbergland organisiert. „Dazu kooperieren wir mit der LRG Ahleswede & Kollegen, um die Umsetzzeiten der Fahrzeuge möglichst gering zu halten, was ja gerade in diesem Jahr eine besondere Herausforderung ist“, bemerkt der Einsatzleiter Deister-Weser. Bei dem Personal greift die ZRG und LRG Deister-Weser mit ihren fünf Rübenrodern und drei Lademäusen, zu denen noch die landwirtschaftliche Transportgesellschaft Weserbergland (LTW) gehört, die über 21 eigene Lkw zum Abtransport der Rüben verfügt, auf Mitarbeiter von landwirtschaftlichen Betriebe oder Landwirte selbst zurück.

In diesem Jahr sind die Früchte stark mit Erde verunreinigt, weil der nasse Boden stark haften bleibt.

Sebastian Binder, Einsatzleiter

„Es gibt aber auch viele Fahrer, die aus ganz anderen Berufen kommen, sich was dazu verdienen wollen und sogar Urlaub nehmen, um bei diesem Abenteuer, was es dieses Jahr ja wirklich ist, dabei zu sein“, verrät Binder, der selbst Landwirt in Aerzen ist. Gearbeitet wird rund um die Uhr, mit Ausnahme von Samstag ab 21 Uhr bis Sonntagabend wegen der Lenkzeitenregelung für Lkw-Fahrer.

Beim Verladen wird die Rübe übrigens noch mal gereinigt, weshalb die korrekte Bezeichnung für eine solche Lademaus auch Reinigungslader ist. Das geschieht bereits in der neun Meter breiten Aufnahme, wo die Frucht aus diesem Grund erst mal über die ganze Breite nach außen verteilt wird. Dann geht es weiter durch den Bauch der Maschine auf die Überladearm, eine Art Förderband. Sebastian Binder: „In diesem Jahr sind die Früchte stark mit Erde verunreinigt, weil der nasse Boden stark haften bleibt. Trockene Erde fällt viel besser ab. Allerdings können wir die Rübenmieten auch nicht längere Zeit zum Abtrocken liegen lassen, weil wir gar nicht so viele Rüben haben. Das, was geerntet wird, muss auch zeitnah abtransportiert werden, damit alles am Rollen bleibt.“ Also muss mit allem gereinigt werden, was die Maschine hergibt. Doch darunter leidet die Frucht, es geht etwas Masse verloren.

„Das fängt schon beim Roden an, wo die Maschinen anders eingestellt werden müssen. Da kommt es immer wieder vor, dass etwa Bruchstücke der Wurzel auf dem Acker bleiben. Das sieht bei der einzelnen Frucht nicht nach viel aus, macht sich aber – auf die gesamte Ackerfläche gerechnet – schon bemerkbar. Und es kommt schließlich auf jede Rübe an“, so der Rübenfachmann. So hat etwa die Lademaus ein kleines Räumschild, mit dem auch die letzte Rübe von Acker gekratzt wird.

Die starke Verschmutzung der Früchte setzt sich dann bis in die Zuckerfabrik fort, wobei rund 95 Prozent der in der Gemeinde Emmerthal geernteten Rüben ins Werk im nordrhein-westfälischem Lage gefahren werden. Derzeit liefere man bei 10 bis 15 Lkw-Ladungen Rüben eine Lkw-Ladung Erde mit an, sagt Binder: „Das ist auch eine zusätzliche Belastung für die Fabriken, die in ihren Schlammteichen die angelieferte Erde ablagern müssen. Sowohl in der Fabrik als auch beim Landwirt ist daher mit höheren Kosten zu rechnen“, so der Einsatzleiter.

Beim Erlös für den Landwirt müsse man in diesem Jahr eh schauen, wie sich der Zuckerpreis bei dem nunmehr freien Handel im Weltmarkt entwickele, nachdem die EU-Zuckermarktordung weggefallen ist. Mit dem Ertrag pro Hektar liege man in diesem Jahr „wohl wieder im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre“.

Allerdings wird der Zuckergehalt mit 16,5 Prozent wahrscheinlich etwas geringer ausfallen, als der Fünfjahresdurchschnitt von 17,8 Prozent, meint Binder. Dies sei wiederum auf die nasse Witterung und die fehlende Sonne zurückzuführen. „Das macht sich schon beim Erlös bemerkbar, denn wir werden nach dem Zuckerertrag bezahlt, nicht nach dem Rübenertrag“, sagt der Aerzener. Der Einsatzleiter hofft nun auf endlich beständig trockenes Wetter, damit die Zuckerrübenernte so richtig in Gang kommt – und stellt ernüchternd fest: „Solch ein Wetter wie in diesem Jahr hatten wir seit 20 Jahren nicht mehr.“

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