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Seltene Spezies: Männliche Erzieher in deutschen Kindergärten immer noch Mangelware

„Das Basteln überlasse ich meiner Kollegin“

Aerzen (sbr). Sie gelten immer noch als Exoten in deutschen Krippen, Kindergärten und -tagesstätten: Männer, die den Beruf des Erziehers gewählt haben. Etwa 12 000 männliche pädagogische Fachkräfte arbeiten in ganz Deutschland in Kindertageseinrichtungen. Das sind etwas mehr als drei Prozent des dort beschäftigten pädagogischen Fachpersonals. Um über ihre Rolle in dem von Frauen dominierten Beruf zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen, trafen sich unlängst 170 Erzieher in Hannover. Einer der Teilnehmer der von der Gewerkschaft ver.di veranstalteten Tagung war Marco Friedrich aus Aerzen. Seit 2002 arbeitet der 30-Jährige als Erzieher im evangelischen Kindergarten „Unter dem Regenbogen“ in Aerzen. „Mittlerweile ist es mein Traumberuf“, erzählt Marco Friedrich offen. Da für den Aerzener nach der Schule feststand, dass weder im Handwerk noch in der Verwaltung seine berufliche Zukunft liege, entschied er sich für das Freiwillige Soziale Jahres (FSJ) in einem Altersheim in Bad Pyrmont.

veröffentlicht am 05.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 19:21 Uhr

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„Meine Entscheidung, einen sozialen Beruf zu ergreifen, wurde durch meine FSJ-Erfahrungen bestärkt. Allerdings wusste ich danach auch, dass ich nicht mit alten Menschen arbeiten wollte, die das, was Kinder noch vor sich haben, bereits erlebt und hinter sich gelassen haben“, erklärt der Erzieher seine Entscheidung für die Ausbildung. Bereut hat er diese noch nicht, obwohl er bereits während seiner schulischen Ausbildung zu einer Minderheit gehörte. „Von den wenigen Männern, die mit mir zusammen ihren Abschluss gemacht haben, sind der überwiegende Teil in die Jugendpflege gewechselt“, berichtet der Aerzener. Denn in der Jugendpflege gibt’s etwas, was für Angestellte in Kindertageseinrichtungen nur sehr bedingt zur Verfügung steht: Vollzeitstellen. Doch nicht nur die Arbeitszeit und die damit verbundene geringere Bezahlung schrecken viele junge Männer ab, den Beruf des Erziehers zu wählen. Das tief verwurzelte Rollenklischee unserer Gesellschaft mache die Berufsausübung auch nicht unbedingt einfacher, ist der Tenor unter den Erziehern. Marco Friedrich hat in dieser Beziehung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Er wurde von seinen Kolleginnen weder in die Hausmeisterrolle gedrängt, noch wurden Vorbehalte seitens der Eltern gegen ihn laut, als Fälle von Kindesmisshandlungen in Deutschland durch die Medien gingen. Im Gegenteil: Kinder, Eltern und Kolleginnen sind froh über die Bereicherung durch die offene und unkomplizierte Art des Aerzeners. „Mit seiner coolen Gelassenheit gleicht er in der Frauendomäne Kindergarten manches aus und hilft Situationen zu entspannen“, so die Erfahrung von Kindergartenleiterin Doris Volkmer. Allerdings bedient Marco Friedrich dann doch ein bisschen das typische Klischee vom Erzieher, als er mit den Mädchen und Jungen einen Baumstamm entert und offen zugibt: „Ich gehe viel mit den Kindern nach draußen, um dort mit ihnen zu spielen. Das Basteln überlasse ich gerne mal meiner Kollegin.“

Auch Michael Strathmann hat seine Liebe für den Beruf bereits früh entdeckt. Seit seinem 16. Lebensjahr engagiert sich der 38-Jährige mit großer Begeisterung ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit. Da lag die Entscheidung nah, aus dem Hobby den Beruf zu machen. „Ich bin der Faszination Kindergarten erlegen, mit all ihren Höhen und Tiefen“, erklärt er.

Mittlerweile ist er Leiter des Kindergartens der evangelischen St. Johannis-Gemeinde in Groß Berkel. „Während meiner Ausbildung wurde ich durch eine damals allgemeine und häufige Berichterstattung mit dem Thema Kindesmissbrauch konfrontiert. Eltern haben mir deutlich zu spüren gegeben, dass man einem Mann einen Übergriff viel eher zutraut als einer Frau. Ich habe daraus meine ganz persönlichen Konsequenzen gezogen und achte auch heute noch immer auf größtmögliche Transparenz bei all meinem Tun“, erklärt der Erzieher, der es durchaus bedauert, durch seine Leitungsposition auf die Verwaltung des Kindergartens festgelegt zu sein und nicht mehr so häufig an der Basis mit den Kindern arbeiten zu können.

Noemi erobert den Arm von FSJ-ler Jan Hendrik Gebbe.
  • Noemi erobert den Arm von FSJ-ler Jan Hendrik Gebbe.
Michael Strathmann, Leiter des St. Johannis-Kindergartens in Gro
  • Michael Strathmann, Leiter des St. Johannis-Kindergartens in Groß Berkel.

Schade findet Strathmann auch, dass „der Erzieherberuf gerade von anderen Männern nur mitleidig belächelt wird. Das Ansehen innerhalb der Gesellschaft ist nicht unbedingt riesengroß. Die Begrifflichkeit Kindergartenleitung hingegen wirkt da schon ganz anders, und würde die Position gar als ‚Kindergartenmanager‘ beschrieben – schließlich führt man ein kleines mittelständisches Unternehmen – würde das dem Ansehen des ganzen Erziehungswesen eventuell noch einen gewaltigen Schub nach vorn geben“, ist sich Michael Strathmann sicher, der damit auch unterstreicht, dass das Erziehungswesens unter einem veraltetem öffentlichen Bild leidet.

Im Gegensatz zu Michael Strathmann, steht der 20-jährige Jan Hendrik Gebbe erst am Anfang seiner beruflichen Laufbahn. Nach seinem Abitur hat er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Krippe des Groß Berkeler St. Johannis-Kindergartens begonnen. „Ich möchte hier viele pädagogische Erfahrungen sammeln. Mein Ziel ist es, Lehramt zu studieren, aber die positiven Erfahrungen, die ich bisher hier im Kindergarten sammeln konnte, lassen doch einige Zweifel in mir aufkommen, ob ich wirklich nur Kinder ab der fünften Klasse auf dem Gymnasium unterrichten möchte“, berichtet Jan Hendrik Gebbe von seinen bisherigen Erfahrungen. Sein Arm wird aber sogleich wieder von Noemi erobert, die ein Buch vorgelesen bekommen möchte und nun seine ganze Aufmerksamkeit braucht.

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