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Symposium in Hannover mit Experten und Vertretern aus Emmerthal / Minister sieht Konsens

Bückeberg – der Denkmalschutz rückt näher

Emmerthal/Hannover (cb). Der Bückeberg in Emmerthal, Veranstaltungsort der Reichserntedankfeste als Propagandaveranstaltung der Nationalsozialisten, soll unter Denkmalschutz gestellt werden. Das bekräftigten mehrere Experten bei einem Symposium in Hannover auf Einladung des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, die oberste Denkmalbehörde des Landes ist. Allerdings: Am Zustand des Geländes, für die Reichserntedankfeste nach Plänen des NS-Architekten Albert Speer gestaltet, soll sich nichts ändern. Das betonten die Teilnehmer vor den Gästen aus Emmerthal, darunter Bürgermeister Andreas Grossmann und Vertreter der Politik. Minister Lutz Stratmann hatte in einem Grußwort das Symposium als Einladung zum Dialog verstanden. Es solle nichts über die Köpfe der Entscheidungsträger vor Ort hinweg gemacht werden. Doch, so der Minister: „Es ist an der Zeit, jetzt in der Frage einer Denkmalausweisung des Bückeberges auf einer gesicherten Grundlage weiterzukommen.“

veröffentlicht am 01.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 20:41 Uhr

Inszenierte Propaganda: Mehr als eine Million Menschen kamen zu
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Denn das Ziel bleibt gesteckt, wie Dr. Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, zu verstehen gab: „Es bleibt aus fachlicher Sicht keine andere Möglichkeit, als den Bückeberg als Kulturdenkmal unter Schutz zu stellen.“ Er verwies darauf, dass das Gelände in Hagenohsen fast in vollem Umfang erhalten sei. „Die geschichtliche Bedeutung der Reichserntedankfeste als eine der großen Festveranstaltungen der Nationalsozialisten ist unbestritten“, sagte Dr. Winghart.

Reichserntedankfeste als Inszenierung

Die Referenten, darunter Bernhard Gelderblom, verdeutlichten in ihren Beiträgen die historische Bedeutung des Bückeberges, auf dem die Nationalsozialisten in den Jahren 1933 bis 1937 die Volksgemeinschaft inszeniert hatten, wobei bis zu über einer Million Menschen den Führer feierten. Die Experten waren sich einig: Der Bückeberg sei vom Rang her gleichbedeutend mit dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und dem Tempelhofer Feld, dem Ort der Feiern des 1. Mai in Berlin. In weiteren Referaten ging es um die Voraussetzungen für den Denkmalschutz, aber auch um die Frage, wie andere Kommunen mit Orten umgehen, bei denen es nicht um Opfer, sondern um Täter und „Zuschauer“ gehe. Kirsten John-Stucke stellte deshalb das Beispiel Wewelsburg bei Paderborn vor, die von Heinrich Himmler als Reichsführer der SS zum ideologischen Zentrum der Schutzstaffel ausgebaut werden sollte. Die stellvertretende Leiterin des Kreismuseums machte gleichzeitig deutlich, wie mit rechten Kreisen, angelockt durch die Germanenmystik der Burg, umgegangen wurde. Ein offensiver Umgang mit dem Thema hat dort die Probleme mit Neonazis nahezu beseitigt.

Für die Vertreter der Gemeinde war es zunächst wichtig, überhaupt in die Diskussion einbezogen zu werden. Bürgermeister Grossmann sprach von großen Vorbehalten in der Gemeinde, da ein Dokumentationszentrum am Bückeberg befürchtet werde, es in Emmerthal Sorge gebe vor rechten Kreisen, die diesen Ort für sich entdecken könnten. Er erinnerte daran, wie das ehemalige Kino in Hameln, in Besitz des NPD-Mannes Jürgen Rieger, zuletzt „mit Flaggen zugepflastert“ gewesen sei.

„Das lässt uns schon schaudern“, meinte Grossmann. Er hoffe, dass das Land nach dem Symposium mit klaren Aussagen auf die Gemeinde zukomme. Einige Hinweistafeln und die Zusicherung, dass keine Fundamente ausgegraben werden – „die Diskussion dürfte am Ende ruhiger werden“, sagte der Bürgermeister.

Skepsis äußerten weitere Emmerthaler, die am Symposium teilnahmen, allen voran Fritz Saacke und Wolfgang Jürgens. Beruhigend zumindest fand Dr. Ekkehard Lohmann das Ergebnis der Diskussionen: „Denkmalschutz bedeutet also nicht, ein Denkmal zu errichten. Da sind wir schon einen Schritt weiter.“ Und um es plastischer auszudrücken, legte Jürgen Lohmann nach, ob die Fläche weiterhin landwirtschaftlich genutzt und im Winter Schlitten gefahren werden dürfe – was von den Experten ausdrücklich bejaht wurde. Jürgen Lohmann selbst konnte sich gut eine Ausstellung über die Erntedankfeste auf dem Boden der Gemeinde vorstellen.

Eine systematische Erforschung des Bückeberges forderte Prof. Dr. Inge Marszolek von der Universität Bremen. Während andere Orte stärker die Opfer in den Blick nehmen würden, könnte dort ein anderes Phänomen dargestellt werden: Wie die Nationalsozialisten es geschafft hätten, die Volksgemeinschaft zu inszenieren, gleichzeitig durch die damit verbundenen Gefechtsübungen versucht hätten, Akzeptanz für die zunehmende Militarisierung zu bekommen. Und dies sei propagandistisch genutzt worden. „Die Bilder wirken weiter in der Form, wie sie vom NS-Regime gewünscht waren“, so Marszolek. Sie empfahl, über einen „Geschichtspfad“ auf dem Gelände nachzudenken.

Weitere Schritte werden folgen

„Es geht darum, den Bückeberg in seiner damaligen Wirkung zu entzaubern, ihm die Faszination zu nehmen und einen unbefangeneren Umgang mit dem Ort zu ermöglichen“, sagte Dr. Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Dabei handele es sich um einen wichtigen historischen NS-Ort, bei dem noch nicht alle Facetten beleuchtet seien. Das Symposium könne zeigen, dass es Erfahrungen gebe mit vielen unbequemen Orten. Der Denkmalschutz bedeute nichts anderes, als das Gelände in seinem bisherigen Zustand zu erhalten. „Was dann folgt, muss in weiteren Schritten beraten werden“, sagte Dr. Knoch.

„Als oberste Denkmalschutzbehörde des Landes wollen wir die Bürger Emmerthals und ihre Bedenken nicht einfach übergehen, sondern zielen auf eine Entscheidung im Konsens mit ihnen“, so Minister Stratmann, der im Anschluss an die Veranstaltung erklärte: „Dazu hat unser Experten-Symposion unter Beteiligung lokaler Entscheidungsträger einen wichtigen Beitrag geleistet.“ Durch den sachlichen Dialog hätten Bedenken ausgeräumt werden können, dass die Ausweisung als Denkmal negative Folgen für Emmerthal mit sich bringe. Stratmann: „Ich bin sehr optimistisch, dass wir diesen Weg des Konsenses weitergehen und damit der geschichtlichen Bedeutung des Bückebergs wie auch den Interessen der Gemeinde Rechnung tragen.“

Inszenierte Propaganda: Mehr als eine Million Menschen kamen zu den Reichserntedankfesten zum Bückeberg.

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