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Zwischenlager bleiben offenbar länger erhalten / Experten erwarten noch erhebliche Probleme

Bleibt Atommüll länger als geplant im Weserbergland?

Grohnde/Hannover. Bundesweit und im Weserbergland könnte eine neue Debatte um die Zukunft der Zwischenlager für hoch radioaktive Abfälle wie am Atomkraftwerk Grohnde drohen. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass die ursprünglich für 40 Jahre genehmigten Lager noch wesentlich länger benötigt werden.

veröffentlicht am 26.02.2016 um 19:25 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:59 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Emmerthal/Hannover. Die Frage schwang immer mit, ob die hoch radioaktiven Abfälle, die in Castorbehältern im Zwischenlager am Atomkraftwerk Grohnde lagern, länger vor Ort bleiben als geplant. 40 Jahre – dann sei Schluss, hieß es aber bislang gebetsmühlenartig von den verantwortlichen Behörden. Nun mehren sich die Stimmen, dass das Zwischenlager über das Jahr 2046 hinaus bestehen bleibt – und damit zu einer Zeit, wenn das AKW nach dem Aus voraussichtlich Ende 2021 schon längst zurückgebaut ist. „Die optimistische Schätzung, dass im Jahr 2050 mit der Einlagerung in tiefe geologische Formationen begonnen werden kann, steht in Zweifel“, heißt es in einer Einladung des niedersächsischen Umweltministers Stefan Wenzel (Grüne) zu einem Fachgespräch am Montag in Hannover. Und ihm schwant: „Die Probleme der Zwischenlagerung werden die Debatte über den Umgang mit dem Atommüll in den nächsten Jahrzehnten immer stärker bestimmen.“

Die Suche nach einem Standort für eine dauerhafte Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe ist neu gestartet worden – das Thema Gorleben zunächst vom Tisch. 2031 soll ein neuer Standort für ein Endlager festgelegt sein. So lautet der politische Wille. Aber kann dann 2046 das Zwischenlager aufgelöst werden? Die genehmigte Dauer der Castorlagerung könnte nicht ausreichen, meint der Minister vorsichtig im Konjunktiv in der Einladung, die ausgerechnet unter dem Motto „Bis in alle Ewigkeit …“ steht. Gleichwohl sollen sich am Montag Experten mit der Frage befassen, welche Folgen und Probleme sich ergeben könnten, wenn der Atommüll länger als vorgesehen in Zwischenlagern aufbewahrt würde. Was bedeutet das für Grohnde? Konkret werden will das Umweltministerium als Atomaufsichtsbehörde auf Nachfrage allerdings nicht. Nicht einmal vage will es sich äußern, an welche Zeiträume dabei gedacht werde. „Bislang gibt es keine Entscheidung über längere Lagerzeiten“, heißt es zur Begründung. „Die Diskussion über Konzepte und Zeiträume wird derzeit in der Atommüllkommission des Bundes geführt.“

Ganz offiziell heißt sie „Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“. Die Endlager-Kommission, der 33 Mitglieder angehören, ist beim Bundestag angesiedelt. Bis Mitte des Jahres 2016 wollen die Experten einen Bericht erstellen. Darin untersuchen und bewerten sie die für das Auswahlverfahren relevanten Grundsatzfragen, erarbeiten Vorschläge für die Entscheidungsgrundlagen der neuen Standortsuche des Endlagers und geben entsprechende Handlungsempfehlungen für Bundestag und Bundesrat ab.

Natürlich sind Äußerungen aus dem Gremium längst nicht offizielle Linie, sie geben allerdings Tendenzen wieder. „Die Zwischenlagerung an den heutigen Kernkraftwerkstandorten wird auch nach dem Rückbau der Kernkraftwerke noch viele Jahrzehnte andauern“, sagt Prof. Dr. Bruno Thomauske, der als einer von acht Wissenschaftlern der Kommission angehört. Ein Endlager werde auf Grundlage des entsprechenden Gesetzes „nicht vor 2080 zur Verfügung stehen“. Auf Nachfrage unserer Zeitung fügt der Physiker hinzu: „Eher dauert es noch länger.“ Immerhin war Thomauske einst beim Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter auch zeitweise Leiter des Projektes Gorleben und der Projektgruppe Genehmigung von dezentralen Zwischenlagern. Vertritt er eine – pessimistische – Einzelmeinung? Thomauske: „Ich stehe nicht allein mit meiner Meinung.“

Niedersachsens Minister kennt dessen Argumente: Wenzel gehört als Vertreter der Landesregierungen ebenfalls der Endlager-Kommission an. Und kennt damit auch die Einschätzung von Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Die Sozialdemokratin war im Dezember zu Gast bei der Kommission. In den über 170 Seiten umfassenden Wortprotokollen des zweitägigen Treffens finden sich nicht nur quälend lange Passagen über Begrifflichkeiten und Definitionsfragen, sondern konkrete Aussagen. Bei den meisten Zwischenlagern müssten die Genehmigungen verlängert werden, sagte die Ministerin. Bis das Endlager befüllt sei, müsse, „wenn alles glattgeht“, bis gegen Ende des Jahrhunderts gerechnet werden, „vielleicht bis 2080“. Hendricks: Es werde noch lange dauern, „bis die Zwischenlager wirklich alle aufgelöst sind“. Das habe sie immer schon der Öffentlichkeit gesagt, „was aber den Menschen vor Ort doch manchmal Sorge bereitet oder Angst macht“. Die Ministerin: „Aber es hilft ja alles nichts.“

Zurückhaltend gibt sich Eon, Betreiber des AKW Grohnde mit dem Zwischenlager, solange die Kommission noch tagt. „Unseres Wissens werden dort noch mehrere Konzepte diskutiert und auch solche, die nicht zu einer verlängerten Zwischenlagerung an den Standorten führen“, teilt Eon-Sprecher Volker Raffel mit. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das für die Genehmigung der Zwischenlager zuständig ist, will sich nicht auf eine Debatte über mögliche verlängerte Zeiträume einlassen. Die Genehmigungen seien vom BfS „gegen den Willen der Betreiber auf 40 Jahre befristet worden, damit aus ihnen keine Endlager werden“, kommentiert Monika Hotopp. „Das ist nach wie vor richtig und wird durch die aktuelle Debatte nur unterstrichen.“



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