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Revision im Kernkraftwerk Grohnde: Atomaufsicht, unabhängige Sachverständige und 1500 externe Fachkräfte vor Ort

Beim Sicherheitscheck bleibt nichts dem Zufall überlassen

Grohnde (cb). Noch steigt kein Wasserdampf aus den Kühltürmen auf dem Kraftwerksgelände, wo zahlreiche Container das Bild bestimmen. Vorübergehend besteht eine regelrechte Containersiedlung mit mobilen Büros, teilweise in vier Etagen, Werkstätten, Materiallagern oder Aufenthalts- und Sozialräumen für die rund 1500 externen Mitarbeiter von rund hundert Fachfirmen, die rund zwei Wochen lang die Belegschaft des Kernkraftwerkes in Grohnde ergänzen. Seit Monaten generalstabsmäßig vorbereitet, überprüfen sie die komplette Anlage auf Herz und Nieren. „Eine Revision ist nie Routine“, sagt Walter Böwing, Technischer Geschäftsführer des Kernkraftwerkes, am Montag kurz vor dem Ende der aufwendigen Inspektions- und Instandhaltungsarbeiten. Ihm steht nun das Abschlussgespräch mit Vertretern des niedersächsischen Umweltministeriums als Atomaufsichtsbehörde und des TÜV Nord Ensys als unabhängige Gutachter bevor. Böwing nennt den weiteren Fahrplan: Um 14.43 Uhr will er am nächsten Tag wieder Strom liefern. „Ein Wunschtermin“, meint er und begründet: Exakt um 2.43 Uhr sei das Kraftwerk am Samstag, 9. Mai, vom Netz gegangen – dann betrage die Dauer der Revision exakt 17,5 Tage.

veröffentlicht am 29.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 04:21 Uhr

Auf Kontrollgang: Anika Thieme hat noch eine alte Dichtung gefun
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Leistung

erhöhen

Damit hätte der Stillstand eineinhalb Tage länger als geplant gedauert, obwohl es keine bedeutenden Pannen oder Probleme gegeben habe. Der Einbau der mächtigen Teilturbine im Maschinenhaus hätte für Verzögerungen gesorgt. Mit einer Investition von zehn Millionen Euro gilt diese Modernisierung „als größter Brocken“ der Revision, so Böwing. Die e.on Kernkraft GmbH als Betreiberin will die thermische Leistung der Reaktoranlage von 3900 auf 4000 Megawatt erhöhen. Noch ist der Antrag mit dem Ziel, die Stromproduktion zu erhöhen, längst nicht genehmigt. Die bei Kritikern umstrittene Aufrüstung bedarf eines umfangreichen Verfahrens. Vielleicht in einem Jahr sei mit einer Genehmigung zu rechnen, hofft Böwing.

Trotzdem steht dem Umbau im Maschinenhaus nichts im Wege. Manfred Voss von der Firma Siemens ist einer der 1500 Fachkräfte, die in Grohnde arbeiten. „Eine Revision jagt die andere“, sagt Voss, der zuvor im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld am Main im Einsatz war, dann von Grohnde aus nach Gösgen in die Schweiz reist. „Von März bis September sind wir nur unterwegs – weltweit“, so der Montageleiter des Siemens-Teams mit 50 Mann. In 13 Tagen hätten sie den kompletten Hochdruckteil der Dampfturbine umgebaut, und zwar rund um die Uhr. Hier strömt der rund 280 Grad heiße Dampf in die Turbinen, die den Generator antreiben, der den Strom produziert. 70 Tonnen wiegt das Gehäuse, das sie einbauen, rund 68 Tonnen der neue Turbinenläufer, der über die thermische Energie ins Rotieren kommt und den Generator in Bewegung bringt.

Weniger spektakulär sind die Aufgaben der heimischen Firma Emmerthaler Tiefbau. Während des Stillstands des Reaktorbetriebs reinigen die zehn Mitarbeiter die sogenannten Kühlturmtassen. Dort, wo sich sonst unterhalb der beiden 146,5 Meter hohen Bauwerke das versprühte Kühlwasser sammelt, entfernen sie beispielsweise in den entleerten Becken Muscheln und Sandablagerungen, dichten aber ebenso in anderen Bereichen Fugen aus oder übernehmen Estricharbeiten. Joachim Dörries aus Lüntorf, dessen Bruder Chef der Emmerthaler Tiefbau ist, sieht die Firma eng mit der Geschichte des Kernkraftwerks verbunden. „Wir gehören fast dazu“, kommt er ins Erzählen. Unter der früheren Leitung seines Vaters sei das Unternehmen am Bau des Kraftwerks beteiligt gewesen. „Vom ersten bis zum letzten Tag, teilweise mit 50 Leuten“, erzählt der Junior, der selbst schon mit 13 Jahren auf der Baustelle half. Joachim Dörries: „Für meinen Vater war das sein Leben, sein größter Auftrag.“

Ausgemustert: Walter Buck (li.) und Manfred Voss von Siemens mit
  • Ausgemustert: Walter Buck (li.) und Manfred Voss von Siemens mit dem ausgebauten Turbinenläufer im Maschinenhaus. Foto: cb
Eng mit der Geschichte des Kraftwerks verbunden: die Firma Emmer
  • Eng mit der Geschichte des Kraftwerks verbunden: die Firma Emmerthaler Tiefbau mit Joachim Dörries (li.). Foto: cb
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Inzwischen haben die meisten Fremdfirmen das Gelände verlassen. Anika Thieme, zuständig im Bereich Instandhaltung Maschinenbau für den Wasserdampfkreislauf, unternimmt Kontrollgänge. Allein 700 sicherheitstechnisch wichtige Armaturen – ob Ventile oder Absperrorgane – sind in ihrem Bereich gecheckt worden, erzählt die studierte Verfahrenstechnikerin, die seit drei Jahren in Grohnde arbeitet und dort eine der wenigen weiblichen Führungskräfte ist. Sie überprüft noch einmal die Temperaturen, schaut nach, ob alle Gerüste abgebaut sind. Dann klettert sie im Maschinenraum die Leiter zum Hochdruckvorwämer herunter – Arbeiter haben dort eine große alte Dichtung vergessen.

Ausgeklügeltes Kontrollsystem

Für Dr. Peter Schnur vom Umweltministerium in Hannover handelt es sich um seine letzte Revision in Grohnde, bevor er in den Ruhestand tritt. Seit zehn Jahren war der „Techniker von Haus aus“, wie der 65-jährige Ministerialrat sagt, als Vertreter der atomrechtlichen Aufsichts- und Genehmigungsbehörde für die Anlage im Weserdorf zuständig. Eine interessante wie faszinierende Aufgabe, sagt der Diplomingenieur über den Reaktor, der im Sommer seit 25 Jahren Strom produziert. „Nicht aus Kernkraftbegeisterung“, schafft Dr. Schnur Distanz zu seiner Kontrollfunktion, „sondern aus technischer Sicht“.

Ein ganzes Bündel an Maßnahmen listet er auf, mit dem das Ministerium in bestimmten Intervallen das ganze Jahr über – zwei- bis dreimal pro Woche vor Ort in Grohnde, einmal monatlich beim großen Gespräch aller Beteiligten – die Anlage intensiv überwacht. Der Umgang mit Radioaktivität – „wir wissen, dass das potenziell gefährlich ist“, macht er deutlich. Und das Atomgesetz gebe deshalb das Ziel vor, Bevölkerung und Mitarbeiter vor gefährlicher Strahlung zu schützen. Für jedes der drei Kernkraftwerke in Niedersachsen bestünden im Ministerium Teams mit drei bis vier Experten. Ständig gelte es, ein „tiefgreifendes Programm abzuarbeiten“, was zur Revision „nochmal verstärkt und verschärft wird“, so Dr. Schnur.

Als wichtig bezeichnet er dabei die Unterstützung durch unabhängige Sachverständige, besonders durch den TÜV Nord Ensys als Experten für Strahlenschutz und Sicherheit. Zeitweise mehr als 50 Mitarbeiter von ihnen seien bei der Revision vor Ort.

Die Atomaufsicht lässt Gebäude wie das Maschinenhaus aus, beschränkt sich auf sicherheitstechnisch bedeutsame Bereiche der Anlagen. Schon drei Monate vor der Revision müssen die Kraftwerksbetreiber ein Prüfprogramm vorlegen, das dann abgestimmt wird. Dr. Schnur nennt für dieses Jahr allein 400 wiederkehrende Prüfungen beispielsweise an Armaturen oder Schweißnähten, an denen der TÜV beteiligt ist und wobei jedes Ergebnis dokumentiert und bewertet wird; hinzu kommen 500 Inspektions-, Wartungs- und Änderungsmaßnahmen. Das Ministerium listet in dem Prüfkatalog auch Röntgen- und Ultraschallprüfungen an Komponenten des nuklearen Dampferzeugungssystems auf.

Als „sehr diffizile Sache“ beschreibt Dr. Schnur den jährlichen Brennelementewechsel. 48 der insgesamt 193 Brennelemente mit dem Uran müssen ausgetauscht werden. „Der Reaktorkern ist die Mutter der Energiegewinnung, aber auch die Mutter der Gefahren“, bringt der Diplomingenieur es knapp auf den Punkt. Die Kraftwerksbetreiber legen für die frischen und die übrigen im Reaktor verbleibenden Brennelemente einen exakt berechneten Beladeplan vor, um den Kernbrennstoff optimal zu nutzen. Und der TÜV überprüft den Plan seinerseits – mit einem 135-seitigen Gutachten. Nach dem Brennelementewechsel folgt ein weiteres – „noch bevor der Reaktordeckel wieder draufkommt“, so der oberste Wächter des Landes über das Grohnder Kernkraftwerk, der seine Weisungsbefugnisse hervorhebt. „Je besser der Betreiber, umso weniger müssen wir anordnen“, sagt Dr. Schnur – wie etwa in Grohnde, fügt er hinzu.

Mit diesem ausgeklügelten Kontrollsystem aus Atomaufsicht, TÜV und Betreiber hat der Technische Geschäftsführer des Kraftwerks keine Probleme. Im Gegenteil, wie Walter Böwing ungefragt meint. „Das ist sogar gut so“, sagt er am Montag kurz vor der Abschlussbesprechung mit den Vertretern des Ministeriums und den unabhängigen Sachverständigen. „Jeder kann Fehler machen – das ist eine wichtige Kontrolle für uns.“ Vom TÜV gibt es ein weiteres Gutachten, die Expertenrunde arbeitet eine Checkliste mit 16 Punkten ab. Die Entscheidung: Der Reaktor darf am gleichen Tag wieder angefahren werden, die Revision, von e.on Kernkraft mit Kosten in Höhe von 30 Millionen Euro ohne die Investitionen angegeben, gilt als abgeschlossen.

Defektes Ventil sorgt für Zwangspause

Von der Leitwarte aus steuern die Kraftwerksmitarbeiter den komplexen Vorgang, um die nukleare Kettenreaktion zu starten und allmählich zu steigern – auch hier überwacht vom TÜV. Dann entscheidet sich Walter Böwing zum Stopp: ein undichtes Ventil. Der Reaktor wird wieder heruntergefahren, benötigt Zeit, um abzukühlen, bevor die Reparatur der außerhalb des sicherheitsrelevanten Bereiches liegenden Armatur beginnen kann. 48 Stunden Zwangspause. „Nicht ungewöhnlich“, sagt der Technische Geschäftsführer, der diesen Schritt in früheren Jahren schon mehrfach angeordnet hat. Böwing: „Wir wollen mit einer technisch einwandfreien Anlage starten.“

Ein neuer Versuch am Donnerstag – und alles klappt reibungslos. Nach und nach wird die Leistung des Reaktors erhöht. Aus den Kühltürmen steigt am Abend wieder der charakteristische Wasserdampf auf. Das Kernkraftwerk ist am Netz.

Arbeiten im Hochsicherheitsbereich: der Blick in die Reaktorgrube mit dem angrenzenden Abklingbecken für Brennelemente. Foto: KWG

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