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Bürger und Kommune streiten über Umgang mit einem psychisch Kranken – keine Lösung in Sicht

Aussprache sorgt für noch mehr Wut im Dorf

Brockensen. Sitzplätze sind keine mehr frei. Die Gesichter sind schon nach wenigen Minuten rot – nicht nur aufgrund der Temperatur, sondern vor allem wegen des Themas, um das es gehen soll. Die Atmosphäre ist von aufgebrachten Stimmen und lauten Unterhaltungen bestimmt. „Keine Ahnung, wann mein Mann dort rüber geht und das regelt …“, sagt eine Einwohnerin. Pünktlich um 18 Uhr treffen auch die Verantwortlichen von Gemeinde, Landkreis und ein Vertreter der Polizei ein.

veröffentlicht am 12.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 01:21 Uhr

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Autor:

Jobst Christian Höche
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Im Versammlungsraum des Feuerwehrgerätehauses Brockensen fand am Montagabend ein Treffen von besonderer Brisanz statt. Nach ungezählten Anrufen und Schreiben an Gemeinde und Polizei, in der die Brockenser ihre Ängste vor einem bereits mehrfach durch den Amtsarzt eingewiesenen psychisch kranken Einwohner des Dorfes zum Ausdruck brachten, hatte der zuständige Bürgermeister Andreas Grossmann aus Emmerthal reagiert und zu dem Treffen eingeladen. Nicht nur, um zusammen mit Experten aus den jeweils zuständigen Fachabteilungen Verfahren und Regularien darzulegen, sondern vor allem auch, um die Gemüter der Versammelten zu besänftigen.

Diese waren jedoch nicht gekommen, um sich den Verwaltungsweg einer Zwangseinweisung erklären zu lassen, oder Berichten über die rechtlichen Grundlagen derartiger Verfahrensweisen zu lauschen. Zusätzlich aufgebracht durch den Umstand, dass der Mann, dem in der Vergangenheit einige Straftaten im Dorf zur Last gelegt wurden, just an diesem Tag wieder aus der Psychiatrie entlassen wurde, wollten sie Taten sehen.

Geklaut, eingebrochen, geschlagen und Dorfbewohner mit seinem Hund bedroht haben soll er, so die Vorwürfe der aufgebrachten Teilnehmer der Runde. Angeklagt wurde er bisher wegen keiner der Vorwürfe. Mehr als die Hälfte der 102 Einwohner war gekommen. Viele von ihnen nicht, um nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, sondern um ihrer aufgestauten Wut freien Lauf zu lassen. Eine 82-jährige alleinstehende Frau berichtet, dass sie sich in ihrem Haus nicht mehr sicher fühle, ein Familienvater, dass er seine Kinder aus Angst vor dem Hund nicht mehr am Haus des psychisch Kranken vorbeilaufen lasse. Geduldig nahmen die Vertreter der Institutionen die verschiedenen Punkte auf, und versuchten – immer unterbrochen von Zwischenrufen – Stellung zu der schwierigen Situation und den möglichen Handlungsspielräumen zu nehmen. Spätestens der Hinweis darauf, dass auch der frisch aus der Klinik Entlassene Grundrechte besitze und deshalb nicht ohne Weiteres weggesperrt werden könne, brachte die Stimmung im Raum vollends zum Kippen. „Was ist mit unseren Grundrechten, haben wir kein Recht auf Schutz“, tönt es aus den hinteren Reihen. „102 Leute lassen sich nicht terrorisieren, damit einer sein Unwesen treiben kann“, ruft ein anderer. Bemüht, wieder Ordnung in die aufgebrachte Menge zu bringen, versuchen Grossmann und der Rechtspfleger des entlassenen Mannes ein letztes Mal deutlich zu machen, dass sie sich um eine einvernehmliche Lösung bemühen. Ein Wegzug aus der Gemeinde sei nur mit dem Einverständnis des Mannes möglich, um den es geht. Die Entscheidung darüber, ihn aus der Zwangsmaßnahme zu entlassen, habe darüber hinaus nicht bei ihnen, sondern beim behandelnden Arzt sowie dem Richter, der die Einweisung angeordnet habe, gelegen.

Die Straßen blieben leer, während im Feuerwehrhaus hitzig debattiert wurde.

Am Ende der eineinhalbstündigen Veranstaltung waren die Fronten nicht weniger verhärtet als zu Beginn. „Wir fühlen uns verarscht“, sagt eine Bewohnerin. „Diese Form der Ohnmacht ist auch für uns unbefriedigend“, sagt Bürgermeister Andreas Grossmann.

Persönlich zeigten sich die Vertreter aus Gemeinde und Kreis mitfühlend, was die Ängste und Befindlichkeiten der Bewohner angeht. Dies ändere aber nichts daran, dass ihnen von rechtlicher Seite her die Hände gebunden seien, so Grossmann. Zumindest eine der Forderungen der Brockenser soll kurzfristig umgesetzt werden: Die Straßenlaternen sollen die ganze Nacht über eingeschaltet bleiben, um allen ein größeres Gefühl der Sicherheit zu geben.



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