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Im Irak war er beim Barbier tätig – jetzt ist Bibi Abdo Yousf Praktikant im Friseursalon

Auch die Meisterin lernt dazu

Groß Berkel. Mit der Unterbringung von Flüchtlingen werden die Kommunen seit nunmehr 18 Monaten vor eine riesige Aufgabe gestellt. Die Integration der Zuwanderer liegt nach wie vor größtenteils in den Händen von Bürgern vor Ort. Ein Beispiel für die praktische Hilfe ist das Angebot für ein Praktikum im Friseursalon.

veröffentlicht am 10.02.2016 um 13:12 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:50 Uhr

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Autor:

Sabine Brakhan
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Während viele Vereinsvorstände über die abnehmende Bereitschaft ihrer Mitglieder klagen, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist das Engagement Ehrenamtlicher für die Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft Deutschlands ungebrochen groß. „Wir schaffen das“, sagt die Kanzlerin. Ein Beispiel von vielen für dieses „Wir“ ist die Initiative „Groß Berkel hilft“. An ihren Aktivitäten wird deutlich, wie breitgefächert sich diese Hilfe gestaltet. Sehr früh hat sich ein Team um Reinhard Burdinski darum bemüht, bereits die ersten in Groß Berkel ankommenden Neubürger nicht nur mit dem Nötigsten zu versorgen, sondern sie auch in die Dorfgemeinschaft aufzunehmen. Bereits Anfang letzten Jahres wurde damit begonnen, Begegnungen, Spendenaktionen, Sportangebote und niederschwellige Deutschkurse zu organisieren. Im Sommer des vergangenen Jahres hat eine Gruppe von Neubürgern unter Anleitung von Burdinski die Pflege der öffentlichen Grünanlagen im Hummeort übernommen. Zum Teil für ein kleines Taschengeld, zum Teil aber auch ehrenamtlich, wenn beispielsweise der Dorferneuerungsausschuss zur Pflege des öffentlichen Platzes „Kathers Hof“ aufrief. Die Flüchtlinge wurden von den ehrenamtlichen Helfern bei Arztbesuchen und Amtsgängen begleitet und unterstützt. Als dem Iraker Jameel Maalah die Abschiebung drohte, wurden im Ort Hunderte von Unterschriften für seinen Verbleib in Groß Berkel gesammelt. Letztendlich verhinderte aber ein spontan von außen über soziale Netzwerke organisierter Protest, dass Jameel Groß Berkel verlassen musste. Die Zuwanderer nahmen am Bouleturnier sowie am Brennetrogrennen teil, saßen ganz selbstverständlich zu Heiligabend in der christlichen Messe und sangen deutsche Weihnachtslieder und unterstützten tatkräftig die Organisatoren beim Kinderkarneval im Ort.

Mittlerweile ist das über zehnköpfige Helferteam dazu übergegangen, den Deutschunterricht größtenteils Bildungsrichtungen zu überlassen und sich bei den Angeboten vor Ort auf andere alltägliche Dinge zu konzentrieren. So wird beispielsweise ein Kurs angeboten, bei dem die Zuwanderer lernen, wie Computer und Smartphone bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen eingesetzt werden können oder wie man sich bei potenziellen Wohnungsvermietern vorstellt. Auch die Themen Beruf, Politik und Wirtschaft stehen auf dem Plan, wie Burdinski weiter berichtet. Zwei der Groß Berkeler Zuwanderer konnten bereits erfolgreich in Praktikumsstellen vermittelt werden. Bibi Abdo Yousf ist einer von ihnen. Er hat in seiner Heimat Irak in der Textilbranche und bei einem Barbier gearbeitet. Seit Anfang des Monats absolviert der 23- Jährige nun ein Praktikum im Salon der Hamelner Friseurmeisterin Petra Rathje. Sie ist nicht nur Lehrlingswartin, sondern auch stellvertretende Obermeisterin der Innung. „Wenn nicht ich, wer dann“, dachte sie sich, als es darum ging, eine Praktikumsstelle für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Das Talent ihres jungen Praktikanten hat sie bereits in den ersten Tagen erkannt. Und nicht nur er lernt den Beruf des Friseurs hier in Deutschland kennen, auch sie kann noch etwas von dem Zuwanderer aus dem Irak lernen. „Bibi kann geschickt mit dem Faden umgehen, wenn es darum geht, Härchen im Gesicht zu entfernen, bei denen wir zur Pinzette greifen würden“, berichtet Rathje. Bibi kann sich durchaus vorstellen, in seiner neuen Heimat den Beruf des Friseurs zu erlernen. „Es gefällt mit gut“, sagt er nach seiner ersten Woche in der neuen Arbeitswelt.

Auch von Jameel, für den sich zahlreiche Groß Berkeler mit ihrer Unterschrift eingesetzt hatten, kann Burdinski Neues berichten. Belgien, das Land, über das er in die EU eingereist ist und wo er auch seinen ersten Asylantrag gestellt hatte (wir berichteten), verzichtet offiziell auf seine Rückführung. Nun entscheidet Deutschland über sein weiteres Verfahren. „Das Ergebnis steht allerdings noch aus“, erklärt Burdinski. Beim Erlernen der deutschen Sprache könne der im Irak ausgebildete diplomierte Pädagoge durchaus als Musterschüler bezeichnet werden. Auch der 44-Jährige steckt mitten im Bewerbungsverfahren um einen Job – im Garten- und Landschaftsbaubereich. Jameel möchte den Menschen, die ihn auf so ganz unterschiedliche Art und Weise geholfen haben, ohne ihn vorher persönlich näher zu kennen, danken. Durch sein Engagement für Groß Berkel möchte er etwas von der Hilfe zurückgeben. Und so will er im Frühjahr wieder zur Stelle sein, wenn es heißt: Hacken und Harken für einen sauberen „Kathers Hof“.



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