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Musikalische Perlen in der Provinz – in den 70ern nichts Ungewöhnliches

Als Kraftwerk in die Penny-Station kamen

GRIESSEM. Provinz und Avantgarde waren nicht immer ein Gegensatzpaar. Das hatte Ende der 60er Jahre mit der Haltung einer Generation zu tun, die auf der Suche nach Identität dem urbanen Treiben gern den Rücken kehrte, um im Einklang mit der Natur zu leben. Vorzugsweise in Kommunen, wo Drogen und Musik oft so unverzichtbar waren wie lange Haare und Diskussionen. Mit den Langhaarigen machte sich in manchem Dörfchen eine neue Musikkultur breit. Die ländliche Parallelgesellschaft und ihre Umtriebe, in der so mancher brave Bürger den kulturellen Untergang des Abendlandes witterte, liefern bis heute Stoff für Legenden, aber auch wahre Geschichten. Ein Ort, der damit ein ganzes Buch füllen könnte, ist die Penny Station in Grießem.

veröffentlicht am 14.07.2014 um 16:00 Uhr
aktualisiert am 13.02.2018 um 13:30 Uhr

Dorothee Balzereit

Autor

Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Am 7. Februar 1970 eröffnet der Bad Pyrmonter Johannes Schaumburg den Klub in der ehemaligen Bahnstation – es ist eine der ersten auf der Strecke Barntrup-Hameln, die stillgelegt wird. Nur die Güterzüge fahren noch bis in die 90er Jahre. Die Penny-Station ist ein Club – keine Diskothek – mit mehreren Räumen. Der eine ist geeignet zum Reden, ab und zu werden auch Avantgarde-Filme gezeigt. Im anderen wird getanzt, die Fläche ist immer brechend voll. Die Penny Station bringt den Zeitgeist auf den Punkt, boomt von Anfang an wie verrückt. Die Leute, die kommen, haben die Nase musikalisch vorn. 1971 spielt eine Formation, deren technische Experimentierfreudigkeit neue musikalische Dimensionen eröffnet: Kraftwerk. Heute kaum vorstellbar, aber wahr. Dass die Pioniere der elektronischen Musik gerade dort einen ihrer frühen Auftritte hatten, wo das Ende einer verkehrstechnischen Ära eingeläutet wird, scheint im Nachhinein eine hübsche Metapher. Johannes Schaumburg erinnert sich: „Wir hatten Zulauf wie nie zuvor, volles Haus. 450 Eintrittskarten haben wir verkauft.“ Und das, obwohl die Musik zu diesem Zeitpunkt Avantgarde war, der große Durchbruch stand erst bevor. Auch das Mensch-Maschine-Konzept von Kraftwerk war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren. Die Musiker mit dem unerhört neuen Sound aus Düsseldorf kamen rein optisch wie üblich daher, sprich: Matte bis zum Hintern. Zumindest in Grießem. „Jedenfalls fast alle“, schränkt Schaumburg ein. Kraftwerk spielten damals in der Urbesetzung mit Florian Schneider, Michael Rother und Klaus Dinger. Die Band hatte noch elektrische Gitarren dabei, Querflöten und jazzige Keyboards, doch der Beat war schon stoischer und einfacher als bei anderen Bands.

„Was würde ich dafür geben, wenn es davon einen Mitschnitt gäbe!“, sagt ein Mitglied der Elektro-Gemeinschaft „Deutsches Kraftwerk Forum“ auf forendienst.de, wo man gemeinsam in Erinnerungen schwelgt. „Ruckzuck wurde deutlich länger als 20 Minuten gespielt. Für mich das beste Stück vom Kraftwerk überhaupt“, schreibt Hermann aus Hameln. „Die ‚Bühne‘ war nicht höher als eine Treppenstufe, und wir haben Florian Schneider mit seiner großen Querflöte zu Füßen gesessen.“ Witzig hätten es die Bandmitglieder damals gefunden in so einem kleinen Klub zu spielen, sagt Schaumburg. 60 Jahre alt ist er heute. Ein schlanker, gepflegter Gentlemen mit ergrautem Haar, der tagsüber im Pyrmonter Museumscafé Kaffee und Kuchen anbietet und abends auf Wunsch Musik auflegt, Vinyl, versteht sich. Damals, als er vor dem Konzert Tee für alle kochte, trug er Vollbart und schulterlanges Haar. „Mit den Tassen haben wir dann auf den Gleisen hinter dem ehemaligen Bahnhof gesessen und über Gott und die Welt geredet. Nur ganz selten kam noch ein Zug, und wenn, dann hupte er aus alter Verbundenheit mächtig.“

Wie weit der Einfluss der Band einmal reichen würde, ahnte Schaumburg damals nicht. Aus der elektronischen Kraftwerk-Ursuppe bedienten sich über Jahrzehnte unterschiedlichste Künstler. David Bowie gehört dazu, Depeche Mode und Africa Bambataa, und auch in der DNA von Jay-Z, Rammstein und Fatboy Slim findet sich Kraftwerk-Einfluss. Die Vorlage der Düsseldorfer prägte Synthie-Pop, Industrial, New Wave und auch Hip Hop. Sie findet sich in Techno, House, Dub Step und Drum ‚n‘ Base. Ein Kraftwerker kehrt am 23. März 1974 noch einmal zurück nach Grießem. Es ist Michael Rother mit seiner Band Harmonia, in der er mit Dieter Möbius und Achim Roedelius nach seinem Ausstieg bei Kraftwerk von 1973 bis 1976 spielt, dazwischen liegt seine Zeit mit Klaus Dinger, mit dem er das legendären Duo Neu! bildete.

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Das Publikum in der Penny Station in den 70ern: Die Tanzfläche war immer voll, oben rechts legte der DJ auf.pr

Damals im Penny Station spielte die Band vor vielleicht 50 Zuschauern. Der Sound war psychedelisch, experimentell. Auf der Bühne standen zusammengerückte Tische, auf denen Vorläufer von Synthesizern standen, von denen Schaumburg vermutet, dass sie selbstgebastelt waren. „Dazwischen funkte ein Radio mit Ultrakurzwelle.“ Schaumburg hatte nach eigenen Worten einige Überzeugungsarbeit geleistet, damit Rother mit Harmonia im Penny Station auftrat. Ein Mitschnitt wird mehr als 30 Jahre später veröffentlicht.

Eine andere Band die im Penny Station einen Gig hatte und ebenfalls zu den Begründern der neuen Stilrichtung gehörte, die gerne mit „Krautrock“ umschrieben wird, war Tangerine Dream. „Die hatten ungeheuer viele Lautsprecher dabei, die sie überall verteilt haben. Die ganze experimentelle Musik kam damals sehr gemischt an“, sagt Schaumburg. Ein Teil der Gäste sei begeistert gewesen, es gab aber auch Stammgäste, die meinten: „Jetzt habe ich fünf Mark bezahlt und nur einen Ton gehört.“

Johannes Schaumburg hat sich nie beirren lassen. Der Bad Pyrmonter mit den schottischen Wurzeln, der als Roadmanager und Bühnentechniker The Who und The Smoke begleitet hat und auch selbst Sänger der Bad Pyrmonter Band People“ war, bewies Mut und einen guten Riecher, als er den alten Bahnhof in Grießem umbaute. „Meine Freunde haben mich für verrückt erklärt“. Aber es funktionierte: Alles, was Rang und Namen hatte, spielte in der Penny Station: Amon Düül I und II, Embryo, Atomic Rooster und East of Eden. „Nazareth und Jane waren alle 14 Tage auf der Bühne. Ach ja, und nicht zu vergessen Birthcontrol, damals noch mit Hugo Egon Balder,“ sagt Schaumburg. Für die neuesten Platten, die im Penny Station aufgelegt werden, fährt die Crew bis nach Hamburg.

Das Penny Station war Eingeweihten weit über die Grenzen der Region ein Begriff. Wie sehr, wurde bei der Recherche zu diesem Artikel immer wieder deutlich. Die Erinnerungen haben sich bei den Gästen, die aus allen Himmelsrichtungen anreisten – immerhin war der Sprit damals billig – eingebrannt. Umso bemerkenswerter, dass man im Ort kaum Notiz davon nahm, was in der alten Bahnstation passierte. „Das hat keiner groß wahrgenommen, die Leute aus dem Dorf sind in ihre eigenen Kneipen gegangen“, sagt Ortschronist Karl-Heinz Kunze über das, was kulturell im Penny Station geboten wurde. Für die Dörfler blieb es eine seltsame Parallelwelt, die mal neugierig, überwiegend aber mit Misstrauen beäugt wurde. Besonders der Obrigkeit war die geballte Subkultur ein Dorn im Auge. Irgendwann kam es, wie es kommen musste: Das Lokal wurde auf Betreiben der Behörden für fünf Monate geschlossen. „Ich hätte zu viel geduldet hieß es, aber wie wollte man das verhindern?“ fragt Schaumburg. Die Szene damals sei schwer zu kontrollieren gewesen: Hasch und LSD gehörten zur Selbstfindung wie der Blaue Bock zur Volksmusik. Johannes Schaumburg geht in die Offensive, prozessiert gegen den damaligen Kreisdirektor Kallmeyer – und gewinnt. „Ein Gutachten bestätigte die Notwendigkeit von Freiräumen für die Jugend“, sagt Schaumburg.

Anno 2014 gibt es keine Szene mehr auf dem Land, die Freiräume sucht – Subkulturen haben schon lange den Rückzug in die Stadt angetreten. Und das Gros der Jugend folgt, sobald sie den Schulabschluss in der Tasche hat. Die ehemalige Bahnstation gibt es ebenfalls nicht mehr, sie wurde 1983 Raub der Flammen. Bis 1979 hatte Johannes Schaumburg noch das französische Spezialitätenrestaurant „Belle Epoque“ geführt, danach machte die Station noch einmal Furore als „Esperanto“ – einem Club mit einem echten Boxring als Tanzfläche. Dann kamen neue Pächter, die einen Nachtclub einrichten wollten. Nur einen Monat nach der Renovierung habe der Club gebrannt, sagt Schaumburg. Man vermutet Brandstiftung.



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