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Kerstin Hartje: Physiotherapeutin ist das Herzstück der „Reinerbecker Bühne“

Akrobatin mit Theaterblut

Reinerbeck. Richtig zu Hause ist die 38-jährige Kerstin Hartje im Reinerbecker Ortsteil Bruch in der Schwarzbachstraße Nummer 3, beruflich ist sie gelernte Physiotherapeutin mit Staatsexamen – in ihren Adern aber fließt Theaterblut und als Akrobatin ist sie ein beachtliches Talent. Kerstin Hartje, Jahrgang 1975, absolvierte ihre Schulausbildung von 1981 bis 1991 und stand bereits in dieser Zeit als Kunstturnerin auf sehr hohem Niveau mit Trainingseinheiten mit bis zu viermal pro Woche im Bundesleistungszentrum in Hannover und in internationalen Wettkämpfen mit Doppelsalto und Doppelschraube, Riesenfelgen und Spreizsalti. „Das war eine gute Grundlage für meine spätere Artistenlaufbahn“, sagt Kerstin Hartje, „außerdem habe ich ‚russische Wurzeln’ hinsichtlich Akrobatik – die Vorfahren mütterlicherseits waren am Zarenhof in St. Petersburg tätig, und somit ist ein wenig Zirkusblut vorhanden.“

veröffentlicht am 02.01.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 00:21 Uhr

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Autor:

VON WILLI JÜRGENS
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Dem Schulabschluss schloss sich nahtlos die Ausbildung zur Physiotherapeutin mit Staatsexamen in Bad Pyrmont an und anschließend war sie dort in verschiedenen Kliniken und Praxen, aber auch in Donau-eschingen und Freiburg tätig. Hier traf sie in der „Mooswald-Klinik“ unter anderem mit Spitzensportlern wie Sven Hannawald, Martin Schmitt und Jan Ullrich zusammen, die in der Reha nach ihren Verletzungen therapiert wurden. Nebenbei oblag ihr auch die Betreuung von Schülern und Physiotherapieschülern. Das Schreiben von Fachartikeln für Zeitschriften, Fortbildungsassistenzen und ständige Berufserweiterung durch Zusatzqualifikationen runden die Jahre 1993 bis 2003 ab.

Das Jahr 1993 ist aber auch ein Wendepunkt im Leben der Kerstin Hartje: Nebenberuflich ist sie auch als Artistin unterwegs, zunächst als „Fantastic Sisters“ mit Schwester Simona, jonglierend und auf dem Einrad. Zirkusluft wird geschnuppert bereits 1994 als Reprisenartisten beim „Europäischen Nachwuchsfestival“ in Wiesbaden und 1995 erwirbt sie die Trainer-C-Lizenz für Geräteturnen – die Gründung einer Jonglier- und Akrobatik-Gruppe in Hameln folgt. Der erste Höhepunkt für die drahtige Artistin aber ist 1998 der Auftritt bei der Hochseiltruppe „Original Johann Traber Show“ – hier hängt sie zwischen 40 und 80 Meter Höhe unter dem Motorrad von Johann Traber – ein echter Nervenkitzel.

„Ab 1999 war ich dann mit meinem späteren Ehemann Frank als Duo Los Suenos im Freiburger Raum unterwegs“, zählt Kerstin Hartje weitere Stationen auf, „Partnerakrobatik, Stuhlpyramiden, Feuershow, Puppentheater, Keulenpassen, Swinging und Stelzenlauf boten wir auf öffentlichen und privaten Veranstaltungen, Varietéshows und Conventions – es war schon eine ganz schöne Bandbreite“. Davon konnten sich 2005 die Reinerbecker mit ihren Gästen beim Feuerwehr-Jubiläumszeltfest überzeugen – der Applaus war herzlich und absolut verdient. Ein Jahr vorher waren beide als Artistenduo mit bei der achtmonatigen Tournee des „Circus Astoria“ – auch hier mit Akrobatik, Jonglage, Stuhlpyramide und Trapez. Beheimatet in der Nähe von Schwerin, lief die Zirkustournee in Mecklenburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein bis hoch an die dänische Grenze. „Das war harte Arbeit“, erinnert sich Kerstin Hartje, „Zeltauf- und -abbau sowie Orts- und Ladenreklame, alles gehörte mit dazu.“

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  • Die Theatertradition belebte in Reinerbeck nach langer Pause Kerstin Hartje (Mitte im Vordergrund), hier zusammen mit dem Ensemble. Inzwischen schreibt sie die Stücke sogar selbst. wj

Übrigens kam 2005 auch ihr Buch „Beim Ruf des Zebras“ heraus, das sie anhand ihrer eigenen Erfahrungen im Jahre 2002 in Namibia bei der Familie ihres Onkels geschrieben hat – ein Liebesroman, der an den schönsten Plätzen des Landes spielt und das ehemalige Deutsch-Südwestafrika dem Leser näherbringt. Im Jahre 2005 kam Töchterchen Anna Marie auf die Welt, 2009 gesellte sich Bruder Felix Alexander dazu. Kaum war das Babyjahr vorbei, regte sich in Kerstin Hartje das offenbar geerbte Theaterblut – sie wurde äußerst kreativ und gründete mit viel Elan die „Reinerbecker Bühne“. Die Vorläufer dieser in der Regel zehn Laienspieler-Ensembles waren nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufführungen von Sketchen und humorigen Kurzstücken der Reinerbecker Dorfjugend an den Herbstbällen des „Junggesellenclubs von 1923 Reinerbeck“ im Saale Budde. Und eben dieser Saal hatte es Kerstin Hartje bereits seit ihrer frühen Jugend angetan – sie wollte ihn wiederbeleben. Doch diese Idee scheiterte – dem Saal fehlt die Heizung, vieles ist sanierungsbedürftig und letztlich stellt sich die Frage: Wer soll das alles bezahlen? Also blieben nur die Räume des Dorfgemeinschaftshauses, das Platz für die Theaterbühne und maximal 80 Sitzplätze bietet. „Ein familiäres Kleintheater“ nennt Kerstin Hartje diese gelungene Improvisation und schaut liebevoll auf die in eigener Regie gebaute Bühne, die transportabel ist. Die Theaterstücke schreibt sie selbst, ebenso die Drehbücher und gleich nach dem Ende der letzten Aufführung „kribbelt es bei mir im Blut“, wie sie sagt und das nächste Stück „rückt in die Planung“. „Wichtig ist“, sagt sie, „dass die Theaterstücke lustig, turbulent und unterhaltsam sind“, die Rollen müssen den Darstellern „auf den Leib geschneidert sein“. In der Regel sind nach wie vor so um die zehn Frauen und Männer dabei. Auch sie selbst steht mit Leib und Seele auf der Bühne, sagt sie, „das Theaterblut kommt immer wieder durch“. Im Sommer ist dann Zeit für den Kulissenbau, da ist dann die ganze Familie mit eingespannt, von Vater Heinz, dem Techniker, über Mutter Gerlinde, der Fremdsprachenkorrespondentin, bis zu Tochter Anna Marie und Sohn Felix Alexander. Der Erlös kommt in jedem Spieljahr der Dorfgemeinschaft zugute. Bisher wurden in den fünf Jahren des Bestehens der „Reinerbecker Bühne“ auch fünf Theaterstücke aufgeführt. Derzeit laufen bereits die Proben für „Alle Vögel sind schon da“. Weitere Pläne sind ein Kinderstück, um den Nachwuchs für das Theaterspiel zu begeistern. „Das hat auch einen enormen pädagogischen Lehrwert“, betont Kerstin Hartje.

Seit 2010 ist Kerstin als Solokünstlerin unter dem Namen „Furiosa Artistik“ unterwegs mit Comedy, Jonglage, Handstandakrobatik und Trapez- und Vertikaltuchartistik. Bei manchen Auftritten ist auch schon Töchterchen Anna Marie mit dabei – am Trapez seit ihrem sechsten Lebensjahr. Übrigens feierte Kerstin Hartje 2013 ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum als Artistin.

Ab 2013 ist sie auch im VfL Hameln aktiv mit einer Gruppe „Sport aus der Manege“ für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dort möchte sie ihr Wissen und Können weitergeben und die ganze Bandbreite des Zirkus aufleben lassen. Bereits seit dem Jahre 2008 arbeitet sie in der „Hamelner Sportbox“ als Physiotherapeutin und Trainerin. „Beruflich ist bei mir alles im Lot“, sagt Kerstin Hartje. „Aber ansonsten bin ich einfach für die Bühne gemacht.“

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