weather-image
28°

ae13/stickerer

Emmerthal. Ist die Technik noch so weit, Handarbeit bleibt Handarbeit. Auf die Arbeiten von Katrin Kinszorra-Todte trifft diese österreichische Weisheit besonders zu, denn für ihre Nadelmalerei ist neben jeder Menge handwerklichem Geschick auch der Einsatz von modernster computergesteuerter Technik vonnöten.

veröffentlicht am 13.01.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 23:41 Uhr

270_008_6850219_lkae101_1401_1_.jpg

Autor:

Sabine Brakhan
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Unter dem Namen Illustramenti bietet die Emmerthalerin auf ausgesuchten Kunsthandwerkermärkten und in ihrem DaWanda-Shop im Internet Feines mit Nadel und Faden an, wie sie ihr kunterbuntes Angebot aus bestickten Lichtbeuteln, Kindergarten-Taschen, Schürzen, Schlüsselanhängern und vielem mehr umschreibt. Angesichts des Aufgebotes an Stick- und Nähmaschinen in ihrem kleinen Atelier zu Hause am Emmerthaler Bartelssteinweg kommt die Vermutung auf, die 43-Jährige hätte mindestens eine abgeschlossene Schneider-Ausbildung vorzuweisen.

Doch weit gefehlt: Katrin Kinszorra-Todte hat als Börsenhändlerin erfolgreich mit Aktien jongliert, bevor sie 2009 ihre berufliche Karriere schweren Herzens an den Nagel hängte. „Der Spagat zwischen Berufstätigkeit und Familie war nicht mehr zu bewältigen, als bei meinem jüngsten Sohn ein halbes Jahr nach der Geburt eine Behinderung festgestellt wurde“, erzählt Kinszorra-Todte von dem Moment, der das Leben der ganzen Familie auf den Kopf stellte. „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“, hat bereits John Lennon gesagt. Nach Plan lief das Leben der Emmerthalerin eigentlich nie und das, obwohl sie in der Planwirtschaft aufwuchs. In der damaligen DDR geboren, blieb ihr die Möglichkeit eines Studiums verwehrt, weil ihre Eltern keine Parteimitglieder waren. Also lernte sie den Beruf der Industriekauffrau und arbeitete anschließend in einem Büro einer großen Baustelle in Berlin. Als 19-Jährige nutzte sie im Oktober 1989 einen Verwandtenbesuch in der Bundesrepublik, um der DDR den Rücken zu kehren, ohne zu ahnen, dass die Mauer in wenigen Tagen fallen würde. Mit einem Aushilfsjob beim BHW wollte sich die Emmerthalerin beruflich nicht zufriedengeben, absolvierte noch einmal eine Lehre als Bankkauffrau und ließ sich schließlich zur Börsenhändlerin weiterbilden. „Ich habe gelernt, auf mein Bauchgefühl zu hören“, sagt Kinszorra-Todte.

Nachdem ihr Innerstes ihr bereits den richtigen Weg in Richtung Westen und beruflicher Karriere gewiesen hatte, hörte sie auch auf ihre innere Stimme, als es darum ging, eine sinnvolle Beschäftigung neben Haushalt, Familie und der Sorge um das Nesthäkchen zu finden. „Ich musste etwas Produktives zum Ausgleich schaffen, um meine Gedanken freizubekommen“, erklärt sie ihren kreativen Umweg über die Acrylmalerei und diverse Handarbeitstechniken zum Maschinensticken. „Die Möglichkeiten der digitalisierten Nähmaschinen haben mich fasziniert“, erklärt die Emmerthalerin. „Doch schnell war klar: Entweder ganz oder gar nicht! Nähen können viele und ich wollte mich mit meinen Ideen von der Masse absetzen“, fügt sie hinzu. Ihr Mann unterstützt und bestärkt sie in ihren Plänen und mittlerweile stickt nicht mehr die Profi-Nähmaschine, sondern eine computergesteuerte Hightech-Stickmaschine im Wert eines kleinen Mittelklassewagens die Motive auf die von Kinszorra-Todte entworfenen und genähten Accessoires. Wer jetzt glaubt, die Maschine übernimmt die ganze Arbeit für die Emmerthalerin, der irrt. Bevor der bunte Frosch auf den Schürzenlatz gestickt werden kann, muss die Maschine erst einmal eingerichtet werden, was allerlei Verständnis für Technik voraussetzt und sich keineswegs aufs Einfädeln der Garnrollen beschränkt. Mit Hilfe von vorher digitalisierten Daten bekommt die Maschine per Touchscreen dann von der Emmerthalerin die genauen Arbeitsanweisungen übermittelt.

270_008_6850229_lkae104_1401.jpg
270_008_6850226_lkae103_1401.jpg

Während die Stickmaschine ratternd beginnt, mit Nadel und Faden zu malen, sitzt Kinszorra-Todte an der Nähmaschine nebenan und näht bereits wieder an ihrer neuesten Kreation, den Lichtbeuteln, die anschließend mit scherenschnittartigen Bildern bestickt werden. „Ich liebe das Zusammenspiel aus meinem hohen Anspruch an Genauigkeit und der freien Kreativität, die ich mit meiner Nadelmalerei ausleben kann. Ich nähe mich sozusagen glücklich“, resümiert sie und träumt davon, bald in einem Gartenhäuschen auf dem heimischen Grundstück einen kleinen Ausstellungsraum zu eröffnen und so auch die Emmerthaler und nicht nur die Besucher ihres digitalen Ladens im Internet an ihren illusteren Nadelkunstwerken teilhaben zu lassen.

Ihre Lieblingsstoffe für Lichtbeutel (li.) und Co. kann die kreative Börsenhändlerin aus einem mittlerweile riesigen Fundus auswählen (re.).

Von der Börse an die Spule

Katrin Kinszorra-Todte hängt ihren Job an den Nagel und näht sich glücklich

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare