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Von Kabarettisten, die manchmal keinen Spaß verstehen, und Musikern, die mit dem Feuerwehrauto abgeholt werden

20 Jahre Kultur pur – was die Gästebücher erzählen

Aerzen (cb). Die kleinen Zuhörer seiner Premiere sind inzwischen erwachsen. Der Kinderliedermacher Volker Rosin gehört zu den ersten Mitwirkenden des Aerzener Kulturprogramms, der sich im Gästebuch verewigte. „Ich komme gerne wieder“, schrieb er in den 1990er Jahren nach einem Konzert in der Burg. Der heute 56-Jährige, der sich immer noch als „König der Kinderdisco“ sieht, gilt als Dauerbrenner in der Geschichte der Veranstaltungsreihe, die 2013 auf 20 Jahre zurückblickt. 2007 klebte Rosin zwei Bilder von sich unterschiedlichen Alters ins Gästebuch. „Kinder, wie die Zeit vergeht“, notierte dazu der Sänger, der auch im nächsten Sommer mit Liedern für die Jüngsten anreist. 16 Konzerte bislang gab er in Aerzen – immer wieder ausverkauft.

veröffentlicht am 31.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 23:41 Uhr

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Drei Alben umfasst inzwischen die Sammlung, die Heiko Bossog, im Rathaus federführend für die Organisation der Reihe „Kultur in der Domänenburg“ zuständig, zeigt. Fotos der Künstler sind eingeklebt, der bekannte Karikaturist Walter Hanel zeichnete sogar schnell ein Selbstporträt ins Gästebuch, hinzu kommen Dankesworte und persönliche Erinnerungen. Kurz angebunden gab sich 1999 hingegen Hans Scheibner. Was wohl mit dessen Hund zusammenhing, wie Bossog vermutet. Mit dem war der Kabarettist nämlich angereist – und verstand keinen Spaß, wenn es um den Hund ging. Während des Auftritts sollte Heiko Bossog nämlich auf das Tier aufpassen, wie Scheibner forderte. Als Aufpasser hatte der allerdings keine Zeit. Irgendwann kam der Hund ins Auto vor der Burg, in letzter Minute betrat Scheibner doch noch die Bühne – ohne allerdings später das Gebell mitzubekommen.

Wenn Bossog in den Gästebüchern blättert, kommen aber besonders die schönen Erinnerungen hoch. Der Verwaltungsangestellte organisierte die Reihe „Kultur in der Domänenburg Aerzen“ von Anfang an. Ein Sprung ins kalte Wasser zunächst. Mit dem Kulturring fühlte sich vor ihm ein Verein mit Unterstützung der Gemeinde zuständig, die Räume nach der aufwendigen Sanierung des historischen Gebäudes Ende der achtziger Jahre mit Leben zu füllen. Vor allem Klassik, auch mal Jazz – mit einigen Terminen im Jahr begann ein Veranstaltungsreigen, der den Grundstein dafür legte, dass die Burg heute als Kulturzentrum überregional bekannt ist. Doch: Der Verein stellte seine Arbeit ein.

Der damalige Gemeindedirektor und spätere Bürgermeister Peter Bartels maß der Kultur aber einen hohen Stellenwert bei. Sie war sein Steckenpferd – Chefsache quasi, wie jetzt bei seinem Nachfolger Bernhard Wagner auch. Die Gemeinde sprang für den Kulturring in die Bresche, der noch einige Verträge mit Musikern unterschrieben hatte. Darunter ein Jazz-Abend, den schließlich erstmals Bossog organisierte. Zur Premiere meinte er es besonders gut: Käsespieße in rauen Mengen waren für die Besucher vorbereitet, doch nur rund 20 Zuhörer kamen. „Gefühlt habe ich noch Wochen Käse gegessen“, erzählt Bossog.

Geballte Erinnerungen: Heiko Bossog zeigt die Gästebücher, in denen sich Musiker, Schauspieler und Künstler nach ihren Auftritten in Aerzen verewigt haben. Foto: cb

Im Folgejahr startete die Gemeinde das Programm in eigener Regie. „20 Jahre Kultur pur“ heißt es inzwischen in den nächsten zwölf Monaten. Viele der Musiker, Schauspieler und anderen Kulturschaffenden haben im Jubiläumsprogramm ihre persönlichen Erinnerungen an Gastspiele in Aerzen beschrieben. Wie der Gitarrist David Qualey, dem sich die widrigen Wetterverhältnisse bei einem Konzert ebenso ins Gedächtnis gegraben haben wie bei Heiko Bossog: Schnee sorgte für deutliche Verspätungen, fünf Minuten vor dem Auftritt erst kam Qualey in der Burg an. „Kein Handy damals, nicht wissen, was ist“ – der Abend bleibt dem Kulturorganisator unvergesslich.

Dabei waren er und seine Helfer nie um eine Lösung verlegen. Weil die Musiker des renommierten Rosamunde Quartetts mit dem Zug anreisten und als Streicherensemble viel Platz für ihre Instrumente benötigten, konnten sie sich auf eine Fahrt mit dem Feuerwehrauto vom Bahnhof zur Domänenburg freuen. Improvisieren gehörte häufiger zum Programm – wie bei dem Kleinkunstabend, für den Bossog drei Künstler engagiert hatte, die sich untereinander überhaupt nicht kannten. Der Bauchredner, Zauberer und Stimmenimitator telefonierten zuvor miteinander, trafen sich vor dem Gastspiel erst mittags in Aerzen, um ihr Programm abzustimmen. „Es hat wunderbar geklappt“, erzählt Bossog über den Auftritt. Bei dem Bauchredner handelt es sich übrigens um Andreas Römer, bei seinem Auftritt in der Burg noch weitgehend unbekannt und heute international gefragt. „Für uns inzwischen unbezahlbar“, meint Bossog, der sich zu Weihnachten mit dem Bauchredner immer noch Grußkarten schreibt.

Für den Kulturorganisator entwickelte es sich zur Philosophie, möglichst früh auf Musiker und Ensembles aufmerksam zu werden, bevor sie zu bekannt und damit zu teuer werden. „Das macht einen besonderen Reiz aus“, sagt er. Natürlich ermöglichen es vor allem die heimischen Unternehmen und Betriebe als Sponsoren, in Aerzen ein anspruchsvolles Angebot präsentieren zu können, doch Kultur hat bekanntlich ihren Preis. Und so gelang Heiko Bossog als aufmerksamer Beobachter der Szene mancher Glücksgriff. Die Queen-Cover-Band „MerQury“ war Geheimtipp für Gäste im Gasthaus Hahn in Ottenstein – viermal spielte sie schließlich seit 2003 in Aerzen, darunter bei großen Openair-Konzerten im Stadion. Inzwischen zeigen die Musiker ihre Show weltweit, zuletzt Mitte Dezember vor der Weihnachtspause zum Beispiel in St. Petersburg.

Bei der Fernsehshow „Geld oder Liebe“ mit Jürgen von der Lippe sah Bossog in den Neunzigern die A-cappella-Sänger von Wise Guys, damals noch kaum bekannt und die Musik für sie ein Hobby. Begeistert von dem Ensemble nahm der Aerzener Kontakt mit ihnen auf, um sie für ein Konzert in der Burg zu engagieren. „Es war ein schöner Auftritt bei euch damals“, erinnert sich die Gruppe Wise Guys – inzwischen elf Alben mit einigen Top-Ten-Chartplatzierungen veröffentlicht – noch heute.

Heiko Bossog kaufte vor wenigen Tagen übrigens ein viertes Gästebuch, um wieder Platz für Beiträge weiterer Künstler zu haben. Als Erster soll sich dort der Kabarettist Bernd Gieseking verewigen, der am 13. Januar – erstmals in zwei Veranstaltungen vormittags und abends – in der schon jetzt ausverkauften Domänenburg seinen satirischen Jahresrückblick präsentiert. Zwölfmal gastierte der Ostwestfale bereits in Aerzen. Gieseking: „Ich fühle mich, als käme ich nach Hause.“



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