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Bestattungskultur unterliegt Wandel der Zeit – trotzdem ist vieles bis heute erhalten geblieben

Und am Ende einen Schnaps …

Trauer braucht einen Ort - eine Stelle, an der Hinterbliebene noch einmal Abschied nehmen können. Aber die Kultur hat sich gewandelt, der Trend zu Urnen- und anonymen Bestattungen nimmt zu. Gleichzeitig aber sollen Bestattungen heute oft auch individuell sein.

veröffentlicht am 25.11.2012 um 18:25 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:09 Uhr

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Christa Koch Reporterin

Ein Ort der Trauer – das ist, jedenfalls in der westlichen Kultur, in erster Linie ein Grab, und zwar auf einem ausgewiesenen Friedhof. Bereits um 700 herum begannen Germanen und Slawen, ihre Toten auf dem geweihten Kirchhof, dem „eingefriedeten Hof“ zu bestatten, in der Regel anonym. Bestattungen in Kirchen waren meist Geistlichen vorbehalten, doch auch Angehörige der weltlichen Oberschicht fanden dort Platz. Als Folge der Christianisierung gab es keine Feuerbestattungen mehr, da sie sich mit der christlichen Vorstellung der Auferstehung nach dem Tod nicht vereinbaren ließen.

Mit dem Aufkommen des Protestantismus im 16. Jahrhundert wurden die Friedhöfe vor die Tore der Stadt verlegt – aus hygienischen Gründen, aber auch, weil der Platz auf den zumeist kleinen Friedhöfen nicht mehr ausreichte. Und 1794 schrieb das preußische Landrecht vor, dass Leichen nicht mehr innerorts bestattet werden durften. Es entwickelten sich neue Friedhöfe, oft parkähnlich angelegt, von denen der Parkfriedhof Ohlsdorf bei Hamburg bis heute der weltweit größte seiner Art ist – mit 250 000 Gräbern, prunkvollen Mausoleen und 15 000 namenlosen Urnengräbern. Der Friedhof als Grünanlage, als Ort der stillen Einkehr also.

Auch heute noch müssen in Niedersachsen Leichen (und Asche) grundsätzlich auf Friedhöfen beerdigt werden; Ausnahme: Bestattungen in sogenannten Ruh-Wäldern wie dem bei Flakenholz, die aber in der heimischen Region noch nicht sehr weit verbreitet sind. „Wichtig ist nicht nur, dass wir die Gefühle der Trauer angemessen mit aufnehmen. Für Hinterbliebene ist die äußere Form der Bestattung bedeutsam; vor allem aber brauchen sie einen Ort, an dem sie trauern können“, glaubt etwa der Hamelner Superintendent Philipp Meyer, den deshalb auch ein „großes Unbehagen“ bei anonymen Bestattungen befällt. Anonyme Erdgrabstätten gibt es auf Hamelns Friedhöfen übrigens gar nicht mehr, wohl aber anonyme Urnengrabstätten, bei denen eine Kennzeichnung nicht möglich ist, und außerdem Rasenreihengrabstätten, die eingesät und von der Stadt unterhalten werden. Dort dürfen Angehörige auch eine Platte legen lassen.

Das aber ist nicht immer unproblematisch. Nämlich dann, wenn Angehörige im Nachhinein feststellen, dass sie doch eine feste Stelle für die Erinnerung haben und diese schmücken möchten. So kommt es beispielsweise auf dem Friedhof in Hessisch Oldendorf immer wieder zu Konflikten, weil Hinterbliebene dort Schalen abstellen oder Blumensträuße, die verwelken, die Rasensaat gar nicht erst aufgehen lassen oder aber das Mähen erschweren. Die stille Absage an althergebrachte Bräuche – die Würdigung des Toten am Ort der Trauer – hat also auch ihre Schattenseiten.

Im Übrigen werden die Friedhöfe kleiner, längst ist nicht mehr jede Grabstelle belegt. Und das hat durchaus monetäre Gründe. Denn seit der Abschaffung des Sterbegeldes im Jahre 2004 entscheiden sich Hinterbliebene immer öfter für ein (preiswerteres) Urnengrab, falls für den Fall des Falles keine Vorsorge getroffen wurde. Der Trend hält bereits seit etwa zehn Jahren an: Im vergangenen Jahr etwa gab es in Hameln 67,5 Prozent Urnenbeisetzungen, aber nur 32,5 Prozent Erdbestattungen; dieses Verhältnis hat sich nach Angaben der Verwaltung in den letzten drei Jahren stabilisiert.

Das bekommt auch die Sargindustrie zu spüren: Die Branche verzeichnet in den letzten drei Jahren einen Rückgang bei der Produktion von rund 19 Prozent. Nicht nur die wachsende Zahl der Feuerbestattungen in günstigen Särgen, sondern auch die (preiswertere) Konkurrenz aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks haben dazu geführt, dass sich etliche Sarghersteller zu Sarghändlern gewandelt haben, wie der Verband der deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe e.V. bestätigt. In Hameln gibt es zwar nach wie vor eine Sargpflicht, wie sie das Niedersächsische Bestattungsgesetz in Paragraf 11 vorsieht – Ausnahmen sind allerdings im Interesse abweichender religiöser Auffassungen zulässig. Muslime, die beispielsweise aufgrund ihrer Religion in Tüchern beerdigt werden sollen, „kommen um einen Sarg trotzdem nicht herum“, sagt Knut Heine vom gleichnamigen Hamelner Bestattungshaus. Der Verstorbene werde dann eben zunächst in ein Tuch eingewickelt und dann in den Sarg gelegt. Deswegen würden viele Muslime auch in ihre Heimat überführt, wo reine Tuchbestattungen möglich sind. Im Hamelner Rathaus zeigt man sich immerhin aufgeschlossen: „Bisher ist das bei uns noch kein Thema gewesen. Aber über die Möglichkeit einer Bestattung in speziellen Tüchern könnte man nachdenken, sofern das Gesundheitsamt zustimmt“, sagt Pressesprecher Thomas Wahmes.

Ein eigenes Feld für Selbstmörder, wie es über Jahrhunderte üblich war, gibt es übrigens nicht mehr, jedenfalls nicht auf evangelischen Friedhöfen in Hameln. „Das wäre eine Position des Mittelalters, als man meinte, ein Selbstmörder nehme sich durch seinen Tod auch die Möglichkeit zur Reue“, sagt Superintendent Philipp Meyer. Dabei habe jeder Suizid eine tragische Vorgeschichte und jeder Selbstmörder Mitgefühl verdient. „Im Übrigen“, so Meyer, „richtet sich unsere Bestattungskultur ja in erster Linie an die Hinterbliebenen. Einen durch eigene Hand gestorbenen Menschen in eine entlegene Ecke des Friedhofs zu verbannen, wäre geradezu unmenschlich.“

Ein Sonderfall sind Seebestattungen, aber auch die sind geregelt. Möglich sind sie in deutschen Hoheitsgewässern nur innerhalb ganz bestimmter Seefelder. Die aus Muschelkalk und Salz bestehende Urne löst sich binnen einer Stunde auf – „damit sie später nicht etwa spielenden Kindern am Strand in die Hände fällt“, wie der Hamelner Bestatter Thomas Lehmann sagt. Er hält Seebestattungen für eine „gute Sache“: „Das Schiff fährt mit den Angehörigen etwa eine Dreiviertelstunde hinaus, dann werden die Motoren abgestellt, es herrscht absolute Stille. Der Kapitän trägt Uniform, die Urne wird mit Blumen in einem Netz ins Wasser gelassen, alles sehr würdevoll. Und anschließend gibt’s einen Schnaps.“ Erst dann ziehe das Schiff immer weitere Kreise zur Rückfahrt – Symbol für das Wiedereintauchen ins Leben. Und wer möchte, kann später eine jährliche Gedenkfahrt buchen.

Doch nicht nur die theologischen Ansichten, auch die Bestattungskulturen ändern sich ständig. „Das ist in Bewegung, ähnlich wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen“, weiß Superintendent Meyer, der „einen deutlichen Trend zur Individualisierung“ festgestellt hat und nach eigenen Worten gerne darauf eingeht. Und wenn bei einer Beerdigung Rockmusik gespielt werden soll, bitte – Meyer hat nichts dagegen. Nur bei dem Song „Highway to hell“ (Autobahn zur Hölle) sieht er die Grenzen des guten Geschmacks überschritten.

Ob Rockmusik oder Choral, ob anonym oder nicht, ob Feuer-, Erd- oder Seebegräbnis – viele wünschen sich schon zu Lebzeiten für ihre Bestattung etwas ganz Besonderes. Für die „letzte Reise“ beispielsweise bietet zurzeit ein Bestattungsunternehmen aus Garbsen Särge mit Heimat-Motiven an: Das erste Hannover-Modell zeigt rundum Teile des Maschsees und des neuen Rathauses, fotografiert, auf Folie gebracht und auf den Spezialsarg geklebt. Beschleunigt wird dieser Trend zur Individualisierung durch das Internet: So hat etwa der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkranz eine besondere Marktlücke gefunden: Er stellt Grabsteine mit sogenannten QR-Codes her. Die werden in den Grabstein eingefräst und können dann mit dem Handy eingescannt werden. Danach landet man beispielsweise auf einer Website des Verstorbenen mit seiner Lieblingsmusik, Fotos oder Texten. Vor allem für jüngere Verstorbene wird diese Art der Bestattung schon hin und wieder gewählt, in Hameln wurde das bisher aber noch nicht nachgefragt, sagt Udo Müller vom Steinmetzbetrieb Konitz.

Die Ursachen dafür sieht Müller vor allem im Preis. „Ein Grabstein darf meist nicht mehr viel kosten“, weiß der Steinmetz- und Steinbildhauermeister. Er verkauft „zu 99 Prozent Granit, mit schlichten Schriften in Bronze“. Aufgrund der häufigen Urnenbestattungen in Hameln fallen auch die Grabsteine kleiner aus – monumentale Grabmäler oder die noch vor wenigen Jahrzehnten beliebten Findlinge leiste sich kaum jemand mehr, sagt er. Immerhin kostet allein der Stein zwischen 500 und 5000 Euro. Dennoch gibt es auch Ausnahmen, und die befinden sich nach Müllers Worten auf dem Friedhof am Wehl: „Da haben wir einige besondere Grabstätten, die mehr als doppelt so groß sind wie normale. Auf die kann der Kunde sich dann noch eine Bank stellen.“ Auch das – eine Frage des Preises. Umsonst ist nämlich nicht einmal der Tod.

Am Montag lesen Sie: Warum Männer früher sterben.



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