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Forscher Jorgos Canacakis sagt: Weinen in der Gemeinschaft tut gut

Trauer – vom Verlust der Gefühle

Trauer um einen geliebten Menschen schmerzt. Sie ist körperlich zu spüren, legt sich wie ein Gürtel auf den Brustkorb. Hinterbliebene können nichts mehr essen, ziehen sich zurück, verändern sich. Trauer ist keine Krankheit, sagt der Trauerforscher Jorgos Canacakis. Aber: „Sie kann krank machen, wenn wir sie in ihrem Ausdruck behindern.“

veröffentlicht am 13.11.2012 um 12:19 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:37 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Und das ist heute an der Tagesordnung. Canacakis spricht von einem „totalen emotionalen Analphabetismus“. Die Hilflosigkeit und der Verlust eines normalen Verhältnisses zur Trauer ist nicht zuletzt die Folge des Verlustes eines normalen Verhältnisses zum Tode, schreibt der Buchautor Gerhart Söhn.

Mit dem Tod eines nahen Angehörigen, eines engen Freundes oder Partners wird eine Lücke gerissen, die nicht mehr zu schließen ist. Das Unabänderliche, das Endgültige macht es so schwer, den Verlust zu akzeptieren – überall bleiben Bilder, sind Erinnerungen noch gegenwärtig und zu frisch, um sie abzuschließen. „Trauer braucht Zeit“, sagt Bärbel Rostig vom Zentrum für Trauerbegleitung in Dresden. Es sei wichtig, dass einem Trauernden erst einmal nur zugehört werde. Angehörige seien dafür oft nicht so gut geeignet, „denn das ist ja auch oft anstrengend“, so Rostig: „Die meisten verdrängen ihre Gefühle“, doch Trauer müsse ausgedrückt werden.

Menschen haben Angst vor der Trauer, weil unsere Gesellschaft nicht mehr gewohnt ist, sie zu leben. Wer einen Verlust zu beklagen hat, wird gemieden. In einer Zeit, in der es den meisten schon Unbehagen bereitet, einen Kranken zu besuchen, scheint es nahezu unmöglich, auf jemanden zuzugehen, ihm Beileid auszusprechen. Bei einer Beerdigung am Grab zu stehen, ist vielen unerträglich. In Tränen auszubrechen, wird möglichst vermieden. Gerhart Söhn spricht von einer „Verklemmung in der Begegnung mit dem oder den Hinterbliebenen“. Nicht nur der eigene Tod, so der ehemalige Vorsitzende der Heinrich-Heine-Gesellschaft, wurde nach und nach aus dem Denken verdrängt; auch das mit ihm verbundene Leid, die Sichtbarmachung des Leids in der Trauer, wurde suspekt.

„Eine Kultur, die nicht mehr fühlen kann“

Canacakis, Autor und Psychologe, beobachtet in unserer Kultur eine Unfähigkeit, Gefühle zu leben. „Eine Kultur, die nicht mehr fühlen kann, ist gefährlich“, glaubt der gebürtige Grieche. Die Menschen seien dazu ausgestattet, um zu lachen und zu weinen. Die heutige „Klick-kultur“ brauche dagegen keine Gefühle mehr. Unser Defizit: Wir wollen nur jung sein und lebendig – „und das bezahlen wir teuer durch Krankheit“.

Der Verlust der Gefühle sei ein fataler Verlust. „Es gibt sehr viele Menschen, die aussichtslos nach der Möglichkeit suchen, ihren Kummer auszudrücken. Sie fühlen, dass ein Aussprechen sie erleichtern würde, doch in unserer Gesellschaft gibt es nur wenige Räume für trauernde Menschen und ihre Gefühle. Der Mensch fühlt sich von allen verlassen und unverstanden und gerät in die Isolation“, sagt Canacakis.

Dabei können Menschen aus dem, was sie zu verlieren glauben, etwas gewinnen. Rührung ist gesund, Abschied kann man „nehmen“. Die Gedanken seien nicht für das „stille Kämmerlein“ gemacht, Trauer gehöre in die Gemeinschaft. Ist das nicht der Fall, bleibt vieles unausgedrückt, kommt es zur Depression.

Wenn bei älteren Paaren, die den Großteil ihres Lebens gemeinsam miteinander verbracht haben, der eine Partner kurz nach dem Tod des anderen stirbt, ist das ein Zeichen für den Unwillen, allein weiterleben zu wollen. Das kann Krankheit und Sterben herbeiführen. „Sie ist ihm nach kurzer Zeit gefolgt“, ist dann in den Todesanzeigen zu lesen. Canacakis verweist diese Fälle in den Bereich des Romantischen – gleichwohl weiß er, dass es einen sehr hohen Prozentsatz gibt, bei dem tatsächlich der eine Partner innerhalb von sechs Monaten bis zu einem Jahr nach dem Tod des anderen stirbt. „Ich kann ohne dich nicht mehr sein“ – diese Form der Beziehung nennt der Grieche „die größte Pleite“. Es sind provokante Thesen, die der Trauerforscher vertritt, die manchem nicht nachvollziehbar erscheinen mögen. Doch: Nur, wer akzeptiere, dass jemand nicht mehr da ist, habe die Chance, dass die Gefühle kommen. Ansonsten lebe man mit dem Toten weiter.

Auch Bärbel Rostig rät: Nach einer Zeit der Trauer sei es möglich, „die Bilder zu drehen“, die mit der geliebten Person verbunden sind – eben nicht an den Verlust zu denken, sondern sich an das Schöne zu erinnern, das man gemeinsam erlebt hat. Oder auch an die negativen Seiten dieses Menschen. Zu begreifen, dass das Sterben zum Leben gehöre; beweinen, dass jemand nicht mehr da ist, aber auch loslassen und nicht in Trauer erstarren und verharren bis zur Selbstaufgabe, das ist für Canacakis ein gangbarer Weg.

Der 77-Jährige ist seit über 30 Jahren in der Trauerforschung tätig. Sein Sohn Nico war gelähmt, blind und geistig behindert, als er geboren wurde. Im Alter von 33 Jahren ist Nico gestorben. Er wäre heute nicht derselbe Mensch, hätte er diese Erfahrungen nicht gemacht. „Man lernt zu fühlen“, sagt Canacakis. Das sei Grundlage unserer Lebendigkeit.

Und Trauer drücke sich in sehr lebendigen Gefühlen aus: „Der Puls steigt, das Herz klopft schneller, vielleicht gibt es auch Schweißausbrüche“ – der ganze Organismus reagiere. Durch das Ausblenden von Abschieds-Erfahrungen und das übliche Verdrängen des Sterbens gehe dem menschlichen Leben eine wesentliche Größe verloren: „Es büßt von seiner Lebendigkeit ein.“

Zurück zu dieser Natürlichkeit will Canacakis führen. Er bietet Seminare an – keine therapeutischen Seminare; Trauer müsse nicht therapiert werden. Für Trauer braucht man Solidarität, Verständnis, und – Weinen tut gut. Kein verkrampftes Weinen, in das jeder schnell gerate, wenn er mit geschlossenen Augen weine. „Wer wie ein Baby weint, kann sich nur schwer wieder befreien.“

Dass Menschen nicht allein bleiben sollten in ihrer Trauer, dass sie gemeinsam mit anderen weinen sollten – das hat er während seiner Ausbildung zum Psychologen und Therapeuten von der Trauerkultur der Mani auf der Peloponnes gelernt. Dort wird gemeinsam geklagt, es gibt Klageweiber und -männer. Die Menschen halten sich, umarmen sich. Und das könnten auch wir, so Canacakis.

Die Trauer sei eine angstvolle Dame: „Sie will gesehen, gehört, verstanden und akzeptiert werden; sie will Mitgefühl“, sagt der Trauerforscher.

Morgen lesen Sie: Wenn kein Geld da ist – wer zahlt für die Beerdigung?



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