weather-image
22°
Über 12 Hektar mitten in Hameln werden neu gestaltet – ein Überblick über das Vorhaben und die aktuellen Stände der Diskussionen

Das sind die Pläne für den Campus

HAMELN. Selten besteht die Chance, inmitten einer Stadt eine Fläche von über 12 Hektar zu überplanen. Selten stehen Planer aber auch vor einer Herausforderung dieser Tragweite, die von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt wird. Was entsteht, wie wird es aussehen, wann geht es los? Wir geben einen Überblick über die Pläne, die für das ehemalige Kasernen-Gelände an der Süntelstraße im Raum stehen, von denen einige bereits im Stadt- und Kreisrat beschlossen sind, und welche Hürden noch zu nehmen sind.

veröffentlicht am 27.08.2018 um 17:42 Uhr
aktualisiert am 28.08.2018 um 10:24 Uhr

hin BR_Standort_KiTa_LiKa pr 2808
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Von unseren Autoren Birte Hansen-Höche, Lars Lindhorst, Philipp Killmann, Marc Fisser und Thomas Thimm


Die Kurz-Fakten:

  • 38 000 Quadratmeter bebaubare Grundstücksfläche liegen auf dem südwestlichen Gelände und sollen vermarktet werden.
  • 6,9 Millionen Euro Kosten setzt die Stadt Hameln für Planung, Abriss und Bau auf ihrem Gebiet an. Auf der anderen Seite wird mit bis zu 4,4 Millionen Euro Städtebauförderung gerechnet.
  • 50 Millionen Euro veranschlagte Kosten für den Bau der Elisabeth-Selbert-Schule.
  • 2019: Das Jahr, in dem mit dem Abriss und Rückbau begonnen werden soll.
  • 22 500 Euro erhält der Sieger des Wettbewerbs zur Gestaltung des Quartiersparks.

 

Ein „Worst-Case-Szenario“, das für komplexe, teure, strategische Projekte oft angestellt wird, um auch auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein, wird von den Verantwortlichen nicht gedacht. Der Landkreis Hameln-Pyrmont weiß, was auf seiner etwa 58 000 Quadratmeter Teilfläche entstehen soll (s.u.). Und die Stadt Hameln, deren Tochtergesellschaft für Sozialen Wohnungsbau und Projektentwicklung (GSW) das südlich gelegene Teilgebiet gekauft hat, hat ebenfalls definiert, welcher Art die Nutzer sind, die sie in noch zu bauenden Gebäuden sehen möchte. Oder in bestehenden, denn für drei der alten Kasernenhäuser ist noch zu entscheiden: erhalten oder abreißen?

Will ich das sehen – das alte Haus am Eingang?

Christian Mattern zur Frage, ob drei der Häuser saniert oder neu gebaut werden sollen Geschäftsführer der GSW



Für GSW-Geschäftsführer Christian Mattern, verantwortlich für die Vermarktung, ist nur ein Weg vernünftig. Auch wenn er, wie er betont, grundsätzlich zunächst für „Erhalt“ sei. In dieser Diskussion aber hält er es für wirtschaftlich nicht vertretbar, in 80 Jahre alte Gebäude „Millionen zu investieren und dann zu suchen“. Was, wenn niemand diese frisch sanierten Häuser nutzen möchte? Derzeit trägt die Stadtverwaltung auf Antrag der Ratsmitglieder die Kosten für den Abriss versus jener fürs Sanieren zusammen. Unabhängig von dem Ergebnis unternimmt Mattern einen imaginären Gang auf das Gelände und fragt: „Will ich das sehen, das alte Haus auf dieser Premiumfläche am Eingang“ zu einem hochmodernen Campus?

Ich bin absolut überzeugt, dass die Idee richtig ist.

Hermann Aden über den „Bildungs- und Gesundheitscampus“ Stadtbaurat

Der schlimmste aller Fälle – dass Hameln auf ewig mit einer riesigen Brachfläche in bester Lage aufwartet – bewegt weder den Oberbürgermeister Claudio Griese, noch den Stadtbaurat Hermann Aden, auch nicht Christian Mattern. Das in ihren Augen Unangenehmste wäre, wenn die Bürger die Geduld verlören und sich durch schlechtes Gerede ein ebenso schlechtes Image über die Fläche legte. „Ausdauer“ und „Geduld“ sind die Gebote der Stunde, gepaart mit dem Willen, die wertvollen Grundstücke nicht zu verramschen. Sie loszuwerden, beispielsweise an einen Discounter, wäre laut Griese kein Problem: „Die Fläche wäre morgen weg.“ Von dem Konzept, an dieser Stelle aber einen Gesundheits- und Bildungscampus zu entwickeln, sind die drei überzeugt. Die Kriterien, die Investoren erfüllen sollen, sind definiert und müssen noch von der Politik verabschiedet werden.
In der Zukunft – wir geben das Jahr 2030 vor – sehen Griese und Aden einen grünen Quartierspark mit „Bäumen, die schon mannhaft sind“, „60 bis 70 Prozent der Grundstücke sind bebaut und belebt“. Mattern ergänzt: „Wenn da abgerissen und nicht gebaut wird, hat man nichts falsch gemacht.“ Er rechnet damit, dass nach zwei, drei Jahren erste Ergebnisse der Akquisition vorliegen. „Und wenn in fünf Jahren 40 Prozent der Fläche leer stehen – dann wäre ich nicht nervös.“ 



Die TA- ein Bildungs-Anker?

hin TA Wal 2808

Die Stadt Hameln will zur Etablierung eines Bildungs- und Gesundheitscampus auf dem Linsingen-Gelände vor allem Einrichtungen mit „Strahlkraft“ nach Hameln locken. Damit sind Unternehmen und Institutionen gemeint, die in der Lage sind, überregionale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Technische Akademie (TA) ist so eine Institution. Sie zieht mit Weiterbildungsangeboten jährlich Tausende Menschen ins Weserbergland. Zurzeit stehen der TA 12 000 Quadratmeter Gebäudefläche an der Bahnhofstraße, im ehemaligen Wesertal-Gebäude, zur Verfügung. Doch seit Stadt und Landkreis Hameln-Pyrmont 2016 ihren „Bildungspakt“ für das Linsingen-Gelände beschworen haben, ist auch die TA im Gespräch, einen Bildungscampus auf dem Linsingen-Areal mit Leben zu füllen. „Die Technische Akademie liegt im Zielfokus wie andere Bildungseinrichtungen auch“, sagt Hamelns Erster Stadtrat Hermann Aden. Die TA ist sogar schon in Planungsskizzen der Stadt mit Gebäuden verzeichnet gewesen. Doch über Konkreteres ist bislang nichts bekannt worden. Ist die TA nun dabei oder gibt es die Weiterbildung künftig ausschließlich an der Bahnhofstraße? Aden sagt: „Die TA ist Teil des Bildungspaktes – und daran hat sich auch nicht geändert.“


50 Millionen für Schulbau

hin ESS Wal 2808

Rund 50 Millionen Euro will der Landkreis Hameln-Pyrmont aufwenden, um die Elisabeth-Selbert-Schule (ESS) auf dem Linsingen-Gelände neuzubauen. Bisher ist die Schule auf drei Standort in Hameln verteilt, mit dem Neubau wird die ESS auf dem Linsingen-Areal zentralisiert. Eine Mensa existiert bereits auf dem Kasernengelände. Während alle anderen Gebäude abgerissen werden (aktuell im Gespräch ist der Erhalt von zwei oder drei Häusern), bleibt die Mensa stehen. Dass der Landkreis die Schule baut, ist sonnenklar – um das „Wie“ wird jedoch noch gestritten. Soll ein sogenannter Totalunternehmer für den Bau verantwortlich sein? Oder werden die Aufträge besser einzeln ausgeschrieben? Der Totalunternehmer – die favorisierte Lösung der Verwaltungsspitze – ist in der Politik umstritten. Auch auf Druck der Kreishandwerkerschaft, die sich durch die Einzelvergabe mehr Aufträge für heimische Unternehmen erhofft, hat die Kreisverwaltung zuletzt einen Kompromiss zwischen diesen beiden Varianten suchen wollen. Wie dieser Kompromiss aussieht, verrät die Kreisverwaltung nicht, sie verweist vielmehr auf die nächste Sitzung des Kreistags am 25. September. Dann soll der Kompromiss zur Abstimmung stehen. 


Rathaus versus Campus

poli Linsingen-Kaserne 2 Dana 2808

Ausgerechnet von der Stadtverwaltung selbst ist für das geplante neue Rathaus eine Option ins Spiel gekommen, die sich mit der Idee eines Bildungs- und Gesundheitscampus beißt. Um für den Fall, dass sich der Ratsbeschluss, das Rathaus am jetzigen Standort teils neuzubauen, teils zu sanieren, nicht umsetzen lässt, gewappnet zu sein, hat die Verwaltung in einer Skizze für den Campus eine Fläche für einen Rathaus-Neubau vorgehalten. Schließlich, so die Begründung, würden am Rathausplatz im Zuge der Rathausmodernisierung viele Stellplätze der darunter liegenden Tiefgarage wegfallen, die dann kompensiert werden müssten. Gleichzeititg relativiert die Verwaltung die Rathaus-Pläne auf Linsingen als „Gedankenspiele“ und räumt ein: Ein Rathaus auf Linsingen stünde im Widerspruch zur Campus-Idee. Denn mit der ebenfalls für Linsingen geplanten Kita fiele ein Drittel der Fläche weg. Während die Verwaltung für diesen Vorstoß von der Ratsgruppe SPD/Linke/Grüne Kritik erntete, erweiterte die FDP die Idee darum, das Rathaus in Teilen der drei Kasernengebäude unterzubringen, über deren Erhalt noch diskutiert wird. Eine Option, die man sich auch in Teilen der CDU zumindest vorstellen kann.


Frühkindliche Bildung

hin103  Kindergarten dpa 2808

In den letzten Monaten war der Standort für den Neubau einer Kindertagesstätte in der Nordstadt wohl die umstrittenste politische Streitfrage. Inzwischen steht fest: Die Kita wird auf dem ehemaligen Kasernengelände gebaut. Der Bereich der frühkindlichen Bildung ist bereits im Juni 2017 per Ratsbeschluss als Bestandteil der künftigen Planungen für einen Bildungs- und Gesundheitscampus aufgenommen worden. Allerdings mit knappen Mehrheiten. Kritiker fürchten auch weiterhin, dass die 5000 bis 6000 Quadratmeter Fläche für einen Kita-Neubau der Vermarktung der anderen Flächen entgegenstehen könnten. Doch aller Voraussicht nach wird es wohl keine neuerliche Diskussion um den Standort geben. Wahrscheinlich ist der Kindergarten neben der Elisabeth-Selbert-Schule eines der ersten neueren Gebäude auf dem Areal. Stadtrat Aden rechnet mit dem Bau für 2020/21. Im Juni 2018 hat der Hamelner Rat die Verwaltung beauftragt, ein Interessenbekundungsverfahren für den Betrieb des Kindergartens zu starten. Laut Stadt sollen die Unterlagen hierfür bis Ende des Jahres erarbeitet sein, Ende März 2019 endet dann die Frist für Bewerber. Bis Sommer 2019 soll dann klar sein, wer die Kita betreibt. 



Im Herzen Grün: Quartierspark

hin Park  Dana 2808

Der Quartierspark auf einer Fläche von etwas mehr als 23 000 Quadratmetern könnte Hamelns zweiter Bürgergarten werden, wenngleich kleiner und in anderer Ausgestaltung. Entstehen soll dort „ein im Alltag intensiv nutzbarer Lebensort“ – grün, barrierefrei, teils mit den jetzt vorhandenen Bäumen, mit Angeboten für alle Nutzer- und Altersgruppen (beispielsweise Sport-Geräte und Hürden für Parcours), mit freien Plätzen, Flächen, Sitzgelegenheiten und „Elementen, die zu vielfältigen Nutzungen und die Kreativität anregen“. So heißt es in dem Text zur Wettbewerbsauslobung, der noch abschließend vom Rat am 26. September abgesegnet werden muss. Auch die Idee von der „essbaren Stadt“ sollen die Landschaftsplaner, die damit beauftragt werden, in ihren Entwürfen berücksichtigen. Dafür könnten Obstbäume vorgesehen werden, Beerensträucher, Kräuter, um Beispiele zu nennen. Vor die Entwürfe hat die Stadt den Wettbewerb gesetzt. Insgesamt 50 000 Euro Preisgeld können vergeben werden. Am 11. Oktober sollen die Auslobungsunterlagen verschickt werden, am 5. März will das Preisgericht tagen und über die Gewinner entscheiden.


6000 Pendler täglich

hin Öffis Dana 2808

Wenn täglich 6000 oder mehr Lernende und Arbeitende zum Linsingen-Gelände pendeln, dann sollte die Verkehrsanbindung möglichst perfekt und zukunftssicher sein. Für die Autos sieht die Stadt eine Parkpalette mit 350 Einstellplätzen vor, der Landkreis hat für seinen Part ähnliche Überlegungen. Der Schwerpunkt wird aber auf den öffentlichen Personenverkehr gelegt: Dazu ist an der Basbergstraße der Bau eines Busterminals geplant, das zugleich das Schulzentrum Nord bedient. Auf der Wunschliste der Stadtplaner steht zudem die Anlage eines Bahnhaltepunktes an der Süntelstraße. Das wird aber wohl trotz der zweifellos großen Vorteile für Anreisende aus verschiedenen Ecken Hameln-Pyrmonts allenfalls längerfristig umzusetzen sein, weil hierbei die Bahn zu beteiligen wäre – bau- und fahrplantechnisch. Der Bildungs- und Gesundheitscampus soll besonders auch mit dem Fahrrad schnell und sicher zu erreichen sein. Die Karl- und Sprengerstraße könnten dazu zur Fahrradstraße erklärt werden – als Route Bahnhof– Nordstraße. Dazu würde auch eine komfortable Velo-Verbindung an Kreuzstraße/Berliner Platz eingerichtet, zudem eine Zufahrt auf das Ex-Kasernengelände via Mollerstraße.


Platz für Digitales

hin103  HSW Dana 2808

Die Abkürzung geht leichter über die Lippen als die Vollversion: ZediTA. Das steht für Zentrum für digitale Transformation und neue Arbeit und könnte auf dem alten Linsingen-Gelände angesiedelt werden. In einer Kooperation aus Landkreis, Stadt und Hochschule Weserbergland (HSW) soll unter dem Zedita-Dach geforscht, experimentiert, diskutiert, Neues geboren werden. Alles rund um Digitalisierung im Arbeitsleben könnte sich dort wiederfinden – von Büros, die kurzzeitig gemietet werden können, in die jeder mit Laptop unterm Arm hineinspazieren kann, Seminarräume oder auch Werkstätten, in denen neueste Techniken erprobt werden. Um das noch theoretische Konstrukt mit Leben zu füllen, soll ab Oktober ein Projektmanager eingestellt werden. Für eine 30-monatige Projektierungsphase geben Landkreis und Stadt zusammen etwa 300 000 Euro in den Jahren 2019 bis 2021. Der Projektmanager wird der HSW angegliedert und soll ein Geschäftsmodell für Zedita entwickeln unter Berücksichtigung der Akquisition von Drittmitteln. Auch für die Projektierungsphase kümmern sich Stadt und Landkreis um Fördermittel. Ende 2018 will die HSW einen konkreten Projektplan vorlegen. 



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Kommentare