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Nicht nur eine Schulter zum Anlehnen im Notfall / „Best Ager“ haben meist das bessere Gefühlsmanagement

Wenn im Rentenalter die Hochzeitsglocken läuten

Der angeblich schönste Tag im Leben einer Frau beginnt für Hannelore Hartwig, die heute Strobach heißt, schon Monate vorher. „Wie in einem Spiel mit Lego-Bausteinen“ bereitet sie sich auf ihre Hochzeit vor: Sucht Stoff für ein Kleid aus, das sie selbst entwirft, kauft Schuhe und Kopfschmuck, entscheidet sich für Blumen, Karten, Lokal und Menü, bestellt Standesamt und Kirche. Denn Hannelore Hartwig ist eine Frau, die nichts gern dem Zufall überlässt. So hat es die studierte Hauswirtschaftsmeisterin schon während ihres Berufslebens gehalten, und so will sie auch den Schritt in die Ehe wagen. In eine Ehe, die bei vielen zunächst mal Verwunderung hervorruft: Denn Hannelore Hartwig, dann Strobach, wird am Tag der kirchlichen Trauung in der St.-Annen-Kapelle in Wangelist 65 Jahre alt, ihr Bräutigam Klaus Strobach ist mittlerweile 68 – ein spätes Glück.

veröffentlicht am 08.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 17:37 Uhr

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Autor:

Christa Koch
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Ein halbes Jahr liegt der große Tag der beiden inzwischen zurück. Und so langsam hat sich auch die anfängliche Verwirrung verflüchtigt, die die Zeremonie bei manchen Bekannten ausgelöst hatte. „Wir wollten eben eine Hochzeit, wie man sie sich üblicherweise so mit 25 Jahren vorstellt“, sagt Hannelore Strobach rückblickend. Und schmunzelt bei dem Gedanken, dass viele sich nicht vorstellen konnten, dass eine Frau ihres Alters in Weiß heiratet. „Naja, ganz reinweiß war es nicht, sondern eher ein Vanilleton“, schränkt sie ein. Ansonsten aber war alles so, wie auch eine junge Braut es sich am Hochzeitstag wünscht. Und das Glück, das den frischgebackenen Eheleuten auf ihrem Hochzeitsfoto aus beiden Augen strahlt – es dauert an.

Dabei hat das Leben es vor allem mit Hannelore Strobach nicht immer gut gemeint, hat ihr mehr als einmal in die Suppe gespuckt. Geboren und aufgewachsen in Hameln, hat die heute 65-Jährige in ihrer Jugend aber immerhin das Glück, dass sie, anders als etliche andere junge Mädchen ihrer Zeit, die oft bei der AEG am Fließband stehen, einen Ausbildungsplatz bekommt. Sie lernt Einzelhandelskauffrau für Lebensmittel im ersten Hamelner Selbstbedienungsladen. Schon bald folgt der Umzug nach Eggersen, einem kleinen Dorf im Ostkreis, 1967 wird geheiratet. Aus dieser Ehe stammen eine Tochter und drei Söhne, doch der jüngste von ihnen erleidet während des Geburtsvorgangs einen Schaden und kommt mit einer teilweisen Lähmung zur Welt. Viele Jahre fährt die Mutter mit dem Kind fünf Mal die Woche zur Krankengymnastik, bringt es zur Schule – eine schwere Zeit. Und trotzdem studiert Hannelore Strobach noch Hauswirtschaft und erwirbt den Meisterbrief. Aber der nächste Schicksalsschlag lässt nicht lange auf sich warten: die Scheidung.

Jetzt will und muss Hannelore Strobach ausschließlich für ihre Kinder da sein, die ihr ganzes Glück sind. Immerhin: Sie engagiert sich nebenher im Elternrat, wo sie es bis in die Interessenvertretung auf Bundesebene schafft. Und sie trifft sich regelmäßig mit Gleichgesinnten, Alleinerziehende wie sie.

Ist es Zufall? Ist es Fügung? Jedenfalls lernt Hannelore Hartwig, wie sie damals noch heißt, bei einem Sommernachtsball in Stadthagen Klaus Strobach kennen. Der Sohn eines Landarztes aus dem Raum Nienburg hat sich nach dem Abitur zunächst in mehreren Fächern als Student versucht, dann aber zwei Jahre im Sanitätsdienst bei der Bundeswehr und anschließend als Reiseleiter gearbeitet, bevor er seine wahre Berufung findet: eine Tätigkeit in der Naturheilmedizin. Der zwei Jahre ältere Mann fordert sie, die eigentlich nur widerwillig eine Freundin nach Stadthagen begleitet hat, zum Tanzen auf. „Na gut“, denkt sie sich, „ich möchte auch nur tanzen. Mehr nicht.“ Eine feste Verbindung, so macht sie dem Verehrer klar, will sie auf keinen Fall.

Strobach aber, ein Mann mit durchaus eigenwilligem Humor, gibt nicht auf. Und das Tanzen verbindet. Als Hannelore, wie er sie bald nennt, drei Single-Tanzkurse macht, wird er regelrecht eifersüchtig, meldet sich ebenfalls an. Und so kommt man sich näher, aus Sympathie wird nach und nach Liebe, schon bald folgt die Verlobung. 1988 macht sich Strobach in Hameln als Heilpraktiker selbstständig, und auch Hannelore Strobach hat wieder einmal Glück. Glück, das sie heute einen „Sechser im Lotto“ nennt: Ein Anruf aus der Jugendwerkstatt bringt ihr einen neuen Job, verspricht Sicherheit für sie und ihre Kinder.

Fortan genießen die Verlobten ihr Leben, halten sich fit mit regelmäßigem Tanzen, erkunden die Welt auf vielen, vielen Reisen. Doch auf die Höhen folgen neuerliche Tiefen: Nicht nur Hannelore Strobach erkrankt ernstlich, sondern auch ihr Klaus. Und beide stellen irgendwann fest, dass sie ohne amtlichen Trauschein keinerlei Rechte haben, was Auskünfte durch die Ärzte betrifft oder Entscheidungen über eventuelle Operationen. Andererseits hat sie diese schwere Zeit auch noch enger zusammengeschweißt: „Wir brauchen einander. Und gerade in Notzeiten ist es schön, wenn man jemanden hat, an den man sich anlehnen kann“, sagt die 65-Jährige. Und so wird eine Idee in die Tat umgesetzt – die Idee einer Hochzeit, nach rund 23-jähriger Verlobungszeit. „Wir wollen zusammenbleiben. Und wir sind alt genug“, stellen die zwei letztes Jahr fest. Und bestellen endlich das Aufgebot.

Mit ein Grund dafür, dass Hannelore und Klaus Ja zueinander gesagt haben: ihre gemeinsamen Interessen. „Das Gesamtpaket stimmt“, bilanziert die Ehefrau, die sich als „vielleicht bestimmend, aber immer gradlinig und meistens im Recht“ bezeichnet. Und ihr Klaus würde da nie widersprechen, im Gegenteil: Er weiß, welchen Schatz er an seiner resoluten, praktisch veranlagten Hannelore hat. Teilt ihre Interessen, wenn es um den Garten in der Kolonie am See geht, schenkt ihr Blumen, hilft im Haushalt, wenn sie sich wieder einmal ehrenamtlich engagiert, inzwischen im Seniorenbeirat. Im Gegenzug unterstützt die Gattin ihn bei der Hilfe für einen pflegebedürftigen Patienten. So haben Klaus und Hannelore Strobach ihr ganz privates, spätes Glück gefunden. Haben sich trotz vieler Schicksalsschläge ihre Gelassenheit und ihre Fähigkeit, auf andere zuzugehen und deren Sorgen und Nöte zu teilen, bewahrt.

Hannelore und Klaus Strobach bestätigen damit, was Wissenschaftler längst herausgefunden haben: Die glücklichsten Menschen sind nicht die Teens und Twens, sondern die 65- bis Anfang 70-Jährigen. Altersforscher wie John Rowe und Robert Kahn etwa haben im Rahmen eines Langzeitprojekts herausgefunden, wie man munter in die Jahre kommen kann, ohne zu vergreisen. Ihre verblüffend ermutigende Bilanz: „Die Begegnungen mit älteren Leuten lehrten uns, dass die meisten viel unabhängiger, leistungsfähiger und gemeinhin auch gesünder sind als weithin angenommen.“ Und die Ergebnisse des Europäischen Gerontologen-Kongresses im Juli 1999 in Berlin belegen: Ältere sind mehrheitlich mit ihrem Leben zufrieden. Die „Best Ager“ haben nämlich ein besseres Gefühlsmanagement.

Vier Wochen lang kommt mit der Dewezet das Glück in zahlreichen Facetten ins Haus. Was lässt Menschen glücklich sein, wer hatte Glück im Unglück und wer verdient am Geschäft mit dem Glück richtig gut? Das ist nur eine Auswahl an Aspekten, denen wir bis zum 31. März auf den Grund gehen. Heute: Spätes Glück für zwei Hamelner.

Der schönste Tag im Leben: Hannelore und Klaus Strobach bei ihrer kirchlichen Trauung im September 2011. Verlobt waren sie da schon seit 23 Jahren.

Foto: Blesius



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