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Serie zum Glück

Schwein hat, wer den Schornsteinfeger sieht

Toi, toi, toi, dreimal auf Holz geklopft – und jeder weiß, was damit gemeint ist: Man wünscht sich oder anderen Glück. Ein Ritual. Für die meisten ist es längst in Fleisch und Blut übergegangen, kaum jemand fragt sich, warum das so ist. Glücksrituale sind oftmals sehr, sehr alt – und die Ursprünge längst vergessen.

veröffentlicht am 15.03.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 14:12 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Autor:
Karin Rohr

„Toi, toi, toi“ soll norddeutsch sein und ist seit dem 19. Jahrhundert belegt. Als Abwehrzauber gegen den Neid böser Geister wird es als Glückwunsch im Sinne von „Es möge gelingen“ gebraucht. Um böse Geister nicht herbeizurufen, war es üblich, die Formel „unberufen“ hinzuzufügen und durch dreimaliges Ausspucken oder Klopfen auf Holz die Schutzwirkung zu bekräftigen. Doch das Ausspucken wurde irgendwann als wenig appetitlich empfunden und „toi, toi, toi“ zum lautmalerischen Ersatz. Nur am Theater hat sich der Brauch erhalten, so den Schauspielern Erfolg für den Auftritt zu wünschen. Traditionell soll dies über die linke Schulter (nicht die rechte) geschehen, und der Schauspieler darf sich nicht bedanken, weil das Unglück bringt.

Glückbräuche, Glücksrituale, Glücksbringer – seit Urzeiten begleiten sie uns, sind in unserem Alltag oft fest verankert, prägen Fest- und Feiertage, ohne dass wir und dessen bewusst sind. Selbst bei rationalen Menschen, die sich frei von jedem Aberglauben wähnen, finden wir vielleicht das Maskottchen im Auto, den Richtkranz am Neubau, das Hufeisen in der Wohnung. Alles blödsinniger Hokuspokus, der in unserer modernen Welt nichts verloren hat, sagen aufgeklärte Zeitgenossen. Zum Kuckuck also mit Freitag, dem 13., selbst dann, wenn eine schwarze Katze mit einem vierblättrigen Kleeblatt im Maul von links nach rechts unter der Leiter eines Schornsteinfegers durchläuft?

Wow! Das wäre eine Hausnummer, die wohl niemanden wirklich kalt lässt. Zu tief verankert sind Glücksbringer und Glückssymbole in unserem Unterbewusstsein. Ein Amulett oder Talisman soll zu Glück, Wohlstand, Gesundheit und einem langen Leben verhelfen und Böses fernhalten. Was zum Talisman taugt, gibt oft die geschichtliche Vergangenheit oder auch eine Sage vor: Es kann ein Lebewesen oder ein Gegenstand, mitunter auch der Überbringer einer guten Nachricht.

Die häufigsten Glückssymbole:

Das vierblättrige Kleeblatt kommt als Mutation in der Natur nur sehr selten vor. Man braucht schon ein bisschen Glück, um so ein Kleeblatt am Wegesrand zufällig aufzuspüren. Die Überlieferung sagt, dass es den Reisenden behütet und – in Kleidung eingenäht – vor dem Bösen schützt. Die biblische Eva soll ein vierblättriges Kleeblatt als Andenken aus dem Paradies mitgenommen haben. es symbolisiert also auch ein Stück vom Paradies und wird als Zuchtpflanze traditionell zu Neujahr verschenkt.

Der Glückspfennig steht als Symbol für Reichtum. Wer ihn verschenkt, wünscht dem anderen, dass ihm niemals das Geld ausgehen möge. Der geschichtliche Hintergrund: Glückspfennige wurden früher als kleinere Ausgabe des goldenen Tauftalers oder des Weihgroschens angesehen, der in der Hoffnung Hexen zu vertreiben an die Stalltür genagelt oder stets mitgeführt wurde. Das 1-Cent-Stück hat den Glückspfennig inzwischen abgelöst.

Der Marienkäfer gilt als Himmelsbote der Mutter Gottes. Er soll Kinder beschützen und Kranke heilen, wenn er ihnen zufliegt. Man darf ihn, sagt der Aberglaube, niemals abschütteln oder töten, weil das Unglück bringt. Der Siebenpunkt-Marienkäfer, dessen Punkte sich auf die sieben Tugenden der heiligen Maria beziehen, wurde wegen seiner Nützlichkeit für die Landwirtschaft von den Bauern sehr geschätzt. Mit der asiatischen Marienkäferinvasion, die saisonal und in vielen Landstrichen zur regelrechten Plage wird, ist die Liebe zu dem Käfer heute allerdings etwas abgekühlt. Auf Postkarten, als Aufkleber, als süßer Schoko- oder Marzipangruß aber bleibt der Käfer ein Glücks-Klassiker.

Der Fliegenpilz ist eigentlich giftig und damit weit davon entfernt, Glück zu bringen. Weshalb er trotzdem zum Glückssymbol avancierte, ist nicht genau festzustellen. Vermutlich wurde er aufgrund seiner psychoaktiven Wirkung früher mit Zauberei in Verbindung gebracht. Und die augenfällige Optik mit der hübschen roten Haube und den den weißen Punkten hat wohl auch zu seiner Popularität beigetragen.

Das Hufeisen gilt wie das Pferd als Symbol für Kraft und Stärke. Nachdem die Römer anfingen, die Hufe ihrer wertvollen Pferde zu beschlagen, entwickelte sich das Hufeisen bei vielen Völkern zum Glücksbringer. Fand ein Bauer ein Hufeisen, verhieß ihm das Glück. Früher wurde es auch an Schiffsmasten befestigt, um eine sichere Fahrt zu garantieren. Am Türbalken angebracht, soll es Haus und Hof beschützen und bösen Geistern den Zugang verwehren. An einem Nagel über der Tür aufgehängt, fällt es dem Teufel auf den Kopf, wenn er in Menschengestalt das Haus betreten will. Wie so ein Hufeisen aufgehängt wird, spielt im Aberglauben auch eine Rolle: Ein nach oben offenes Eisen gilt einerseits als Symbol für die Teufelshörner, andererseits auch als glücksfangender Brunnen. Nach unten geöffnet, könnte das Glück aber auch „herausfallen“. Ein nach rechts offenes Hufeisen stellt ein C für „Christus“ dar.

Das Glücksschwein hat eine lange Geschichte. Bereits den Germanen war der Eber heilig. Der Besitz eines Schweines signalisierte Wohlstand und Reichtum, es symbolisierte Fruchtbarkeit und Stärke. Wer viele Schweine besaß und damit über reichliche Nahrung verfügte, galt schon bei den Griechen und Römern als privilegiert. Bei Schießwettbewerben im Mittelalter bekam der schlechteste Schütze als Trostpreis ein Schwein. Damit konnte er die ganze Sippe satt machen: „Schwein gehabt“. Heute gibt es Glücksschweine in allen möglichen Formen, Farben und Materialien. Beliebt ist das Marzipanschwein zu Silvester, gern auch in der Kombination mit Schornsteinfeger, Glückspfennig oder vierblättrigem Kleeblatt.

Der Schornsteinfeger ist zwar ein „schwarzer Mann“, löst aber gemeinhin keine Angstattacken aus. Im Gegenteil: Er sorgt dafür, dass Kamine gesäubert werden und gut ziehen, früher das A und O, um zu kochen und zu heizen. Ein „Glück“, wenn er zur Stelle war, um den verstopften Kamin wieder frei zu kehren. Denn angestauter Ruß konnte sich auch schnell entzünden und das Haus in Brand setzen. Heute soll schon der bloße Anblick eines Schornsteinfegers Glück verheißen.

Misteln schützen vor Hexen, sagt der Volksglaube. Sie wurden in Häusern und Ställen aufgehängt, um Mensch und Vieh zu bewahren. Auch wurde den Halbschmarotzern, die oft in der Krone von Bäumen wachsen, Heilkräfte nachgesagt. Keltische Druiden verehrten die Mistel als heilige Pflanze. Und nicht von ungefähr spielt sie im Zaubertrank von Miraculix in den Asterix-und-Obelix-Geschichten eine wichtige Rolle. Das Küssen unter aufgehängten Mistelzweigen ist ein weihnachtlicher Brauch, der aus Großbritannien, Irland und den USA in den letzten Jahrzehnten auch den Weg in unsere Wohnstuben gefunden hat: die Mistel als Signal für Liebeszauber.

Eng verknüpft mit Glücksbringern sind oft Glücksrituale wie das „Toi, toi, toi“. Vor allem zum Jahreswechsel sind sie gefragt. Da erleben wir nicht nur eine Invasion an Schornsteinfeger-Figürchen, Schweinchen, Fliegenpilzen, Glücksklee-Töpfchen und Mini-Hufeisen – auch andere Glücksbräuche haben Hochkonjunktur: Das Bleigießen oder andere Silvester-Aktivitäten und nicht zuletzt das Feuerwerk um Mitternacht stehen für einen glücklichen Start ins neue Jahr.

Feuerfeste am Jahresende haben alte germanische Wurzeln: Sie wurden früher gezündet, um „böse Geister“ zu vertreiben und drücken heute auch die Vorfreude auf das neue Jahr aus.

Andere Glücksbräuche sind mit geheimen Wünschen verbunden: die ausgefallene Wimper, die man wegpustet, die Sternschnuppe, die man am Himmel erspäht, die Münze, die in einen Brunnen geworfen wird. Still und heimlich werden dann Wünsche formuliert, die angeblich in Erfüllung gehen sollen. Aberglaube, dessen Wurzeln nicht mehr aufzuspüren sind. Der aber auch sein Gutes hat: Denn die Idee, die in diesen Ritualen steckt, kann sogar bedingt wirksam sein: Wir machen uns Gedanken über Wünsche und Ziele. Es könnte ein erster Schritt zur Umsetzung sein.

Viele überlieferte Bräuche und Redewendungen erscheinen uns heute rätselhaft: Jemandem „Hals- und Beinbruch“ zu wünschen, klingt gehässig, gilt aber seit ewigen Zeiten als Glück- und Segenswunsch und wird auf die Verballhornung der jiddischen Form „hatslokhe u brokhe“, eines vor allem bei Geschäftsabschlüssen benutzten Ausdrucks mit der Bedeutung „Erfolg (Glück) und Segen“, zurückgeführt. Eine andere Erklärung könnte in der Vermutung liegen, dass die Schicksalsmächte gute Wünsche mit Vorliebe ins Gegenteil verkehren: Man versucht das Schicksal auszutricksen, indem man schon vorab die eigene Wunschäußerung umkehrt. Auch Scherben sollen Glück bringen – zumindest als Ritual beim Polterabend vor der Hochzeit.

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