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NS-Festplatz Bückeberg im Mittelpunkt von landesweiter Veranstaltung / Diskussion um Nutzung geht weiter

Vom Umgang mit einem schwierigen Erbe

Emmerthal. Der Bückeberg in Emmerthal, auf dem vor 80 Jahren erstmals das Reichserntedankfest als Propagandaveranstaltung der Nationalsozialisten ausgerichtet wurde, bekommt als historisches Zeugnis der NS-Zeit überregionale Bedeutung. Das Land Niedersachsen widmet sich dem Areal als einer der zentralen Stätten nationalsozialistischer Selbstinszenierung und als Monument der dunkelsten Epoche Deutschlands anlässlich des Tages des offenen Denkmals. Themenschwerpunkt, der damit auch die Gemütslage vieler Einwohner vor Ort und die jahrzehntelange Debatte um die Gedenkstätte umschreibt: „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ Zu der Veranstaltung am 8. September wird auch die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Dr. Gabriele Heinen-Kljajic, in Hameln und Emmerthal erwartet.

veröffentlicht am 13.08.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 27.12.2017 um 14:30 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

In der Regel sind es Schlösser oder andere besondere historische Gebäude, die an diesem bundesweiten Tag vorgestellt werden. Diesmal ist es in Niedersachsen nun der Bückeberg, der im Jahr 2010 nach langjähriger kontroverser Debatte ins Denkmalverzeichnis des Landes aufgenommen worden ist. Bewusst lenkt nun das Landesamt für Denkmalpflege auf den öffentlichen Umgang mit baulichen und landschaftlichen Spuren der NS-Herrschaft. „Damit soll über das Einzelbeispiel hinaus zu einer weiteren Auseinandersetzung mit den baulichen Zeugnissen des Nationalsozialismus angeregt werden“, schreibt Dr. Stefan Winghart, Präsident des Landesamtes, in der Einladung. Das Landesamt bezeichnet es als seine Aufgabe, die nichtschriftlichen Quellen der Geschichte Niedersachsens zu erforschen, zu bewerten und zu erhalten. Im Hinblick auf die Denkmale des Nationalsozialismus stelle dies eine besondere Verantwortung dar, denn, so zitiert es den Kunsthistoriker Norbert Huse, der mit dem renommiertesten Preis der Denkmalpflege in Deutschland ausgezeichnet worden ist: Die Zeugnisse dieser Vergangenheit seien „unbequeme Denkmale, die an Tatsachen erinnern, die es besser nicht gäbe, Teile eines Erbes, das niemand haben will und das doch nicht ausgeschlagen und beschönigt werden darf“.

In diesem Sinne hat sich auch der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom über Jahre für den Denkmalschutz des Bückeberges eingesetzt, der als Schauplatz der Reichserntedankfeste zwischen 1933 und 1937 teilweise mehr als eine Million Besucher angezogen hat. Umso mehr freut es ihn, dass sich die landesweite Veranstaltung zum Tag des offenen Denkmals diesem Thema widmet. Damit „wird nun zum ersten Male überhaupt deutlich, dass der Bückeberg auch überregional in Politik und Wissenschaft als Ort der propagandistischen NS-Masseninszenierung Anerkennung findet“, sagt er. Seine Hoffnung: dass dies eine Rückwirkung auf Emmerthal und die Region Hameln-Pyrmont habe und hier die Bereitschaft fördere, nun diesen Ort auch in angemessener Weise der Öffentlichkeit zu erschließen. „Ich selbst spüre in den letzten Monaten bei der lokalen Politik und bei vielen Bürgern eine deutlich gesteigerte Bereitschaft, bisweilen fast ein Drängen dazu“, meint Gelderblom. „Vor allem ist die Belastung, die ältere Emmerthaler beim Begriff Bückeberg empfunden haben mögen, einer größeren Unbefangenheit gewichen und der Bereitschaft, sich offen mit der Geschichte auseinanderzusetzen.“

Bekanntlich hat Gelderblom Vorschläge unterbreitet, einen Informationspfad auf dem Gelände anzulegen, das einst nach Plänen des NS-Architekten Albert Speer angelegt worden war. Wo heute noch Reste der Tribüne zu sehen sind und sich der Führerweg, auf dem einst Adolf Hitler durch die Massen am Bückeberg schritt, erahnen lässt, sollen Tafeln mit Fotos und Texten die wichtigsten Punkte ebenso erläutern wie an anderen markanten Stellen.

Über weitere Möglichkeiten wollen Experten bei einem Workshop am 20. September in Hameln nachdenken, zu dem die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten mit Sitz in Celle einlädt. Wobei deren Geschäftsführer Dr. Habbo Knoch schon im Zuge der Diskussionen um den Denkmalschutz klar herausstellte: Der Begriff „Gedenkstätte“ erscheine für den Bückeberg auf keinen Fall angebracht. „Hier ist nicht zu gedenken, sondern nüchtern, sachlich und aus der historischen Sachkenntnis heraus zu dokumentieren und aufzuklären“, so der Geschäftsführer.

Die Stiftung listet den Bückeberg als aktuelles Projekt, nennt dabei die Erschließung des Geländes, die historische Dokumentation und Entwicklung von Bildungskonzepten. Dr. Rolf Keller von der Stiftung räumt aber ein, dass dieses Thema „in letzter Zeit nicht so recht vorangekommen ist“, nun aber durch den Workshop Empfehlungen zum Umgang mit dem Gelände erarbeitet werden sollen. „Nach allen Seiten offen“, betont Keller. Es handele sich um ein Denkmal von überregionaler Bedeutung, mit einer Geschichte, die den Bückeberg zu einem „faszinierenden und elektrisierenden Ort“ mache. Nun komme es darauf an, mit 25 bis 30 Experten vieler Fachrichtungen Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Denkmalpfleger und Historiker seien dazu ebenso eingeladen wie Politiker oder Museums- und Tourismusexperten. Zwar sei der Workshop nicht öffentlich, doch sollten die Ergebnisse zeitnah der Bevölkerung vorgestellt werden. Dr. Keller ist wichtig: Die Vorschläge zum Umgang mit dem Bückeberg sollten von den Einwohnern der Region „nicht nur akzeptiert, sondern auch mitgetragen werden“.



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