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Wie andere Orte mit ihrer unrühmlichen NS-Vergangenheit umgehen

Unbequemes und teures Erbe

EMMERTHAL. Während in Emmerthal die Kritik an dem geplanten Lern- und Dokumentationsort Bückeberg umstritten ist, gehen andere Kommunen offensiver mit ihrer NS-Geschichte um. Berlin, Nürnberg, Prora oder Obersalzberg - ein Überblick. Zum Beispiel wird in Bayern das Dokumentationszentrum für über 20 Millionen Euro erweitert – aus Verantwortung gegenüber folgenden Generationen, wie es heißt.

veröffentlicht am 20.02.2018 um 18:10 Uhr
aktualisiert am 20.02.2018 um 18:44 Uhr

Die Ausstellung in Berlin widmet sich auch dem Führerkult – ein Bild vom Bückeberg (re. oben) darf nicht fehlen. Foto: von Damaros
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Die Bilder vermitteln einen verstörenden Kontrast: Adolf Hitler ganz privat vor der imposanten Bergidylle, mal mit Eva Braun und Schäferhund, dann streicht er Kindern zärtlich über den Kopf, auf anderen Motiven trifft sich der Führer auf seinem Feriendomizil Obersalzberg mit anderen Größen der NS-Diktatur. Die heile Bergwelt, von der Propaganda sorgsam inszeniert, trifft auf die grausame Realität im Faschismus: In dem abgelegenen Dorf nahe Berchtesgaden planten die Machthaber des Dritten Reiches ebenso wie in Berlin die strategischen Kriegsentscheidungen, aber auch den Massenmord. Jährlich durchschnittlich 170 000 Besucher aus dem In- und Ausland informieren sich in der Ausstellung der 1999 eröffneten Dokumentation, die vom Institut für Zeitgeschichte (München – Berlin) betreut wird. „Die Dokumentation Obersalzberg soll informieren und aufklären, wie es in Deutschland zum Nationalsozialismus mit seinen katastrophalen Auswirkungen kommen konnte und welche Propagandamechanismen dabei eingesetzt wurden“, erklärt Landrat Georg Grabner (CSU) auf Nachfrage. Vor gut zwei Jahrzehnten trug er als damaliger Kommunalpolitiker mit dazu bei, den geschichtsträchtigen Touristenort mit der unrühmlichen Vergangenheit für diese Ausstellung zu öffnen. „Dadurch sollen insbesondere nachfolgende Generationen sensibilisiert werden, damit es zu vergleichbaren Entwicklungen in der Zukunft nicht mehr kommt.“

Landkreis-Sprecher Andreas Bratzdrum erinnert daran, dass in den dreißiger Jahren viele Bewohner des Obersalzberges ihre Existenzen aufgeben mussten, damit die NS-Größen sich dort ausbreiten konnten. Das Bergdorf galt als sogenanntes Führersperrgebiet. Es entwickelte sich zur zweiten Schaltstelle der Macht neben Berlin – auch Hermann Göring, Albert Speer und Martin Bormann besaßen am Obersalzberg eigene Häuser. Bis auf das Kehlsteinhaus sind heute fast keine „authentischen“ Gebäude aus dem Dritten Reich mehr vorhanden. Sie waren teilweise bei einem Luftangriff in den letzten Kriegstagen zerstört, die Reste später auf Anordnung der amerikanischen Besatzungsmacht Anfang der fünfziger Jahre beseitigt worden. Nach dem Krieg nutzten die US-Truppen das Areal als Freizeitanlage, bevor sie es 1996 aufgaben. Eine Bürgerinitiative setzte sich anschließend für eine Gedenk- und Dokumentationsstätte am Obersalzberg ein, was viele Kommunalpolitiker zunächst ablehnten. Zu dieser Zeit galt die historische Auseinandersetzung mit diesen Stätten weitgehend als Neuland. War es schon zuvor selbstverständlich, an den Orten des Schreckens der NS-Herrschaft wie Konzentrationslagern der Opfer zu gedenken, fehlte der angemessene Umgang mit Schauplätzen, an denen die Nationalsozialisten ihr Regime aufbauten und festigten. Die Historiker sprechen von sogenannten Täterorten.

Mit den Verantwortlichen vor Ort entwickelte schließlich die Bayerische Staatsregierung das sogenannte „Zwei-Säulen-Konzept“: Neben einem neuen Luxushotel, das den Tourismus wieder aufwerten sollte, beschlossen sie den Bau der Dokumentationsstelle zur Aufarbeitung der Geschichte des Obersalzberges. Und dann ging alles schnell. 1999 öffnete das rund zwei Millionen Euro teure Ausstellungsgebäude. Landrat Grabner meint über einen weiteren ihm wichtigen Aspekt: „Durch die Dokumentation konnte verhindert werden, dass auf dem Obersalzberg eine Kultstätte für Rechte entsteht.“

Zwischen Führer-Mythos und Terror des Nazi-Regimes: Das Dokumentationszentrum Obersalzberg stellt die Zusammenhänge her. Foto: dpa
  • Zwischen Führer-Mythos und Terror des Nazi-Regimes: Das Dokumentationszentrum Obersalzberg stellt die Zusammenhänge her. Foto: dpa
Gewaltige Monumentalbauten: In Nürnberg inszenierten die Nationalsozialisten die Reichsparteitage. Foto: dpa
  • Gewaltige Monumentalbauten: In Nürnberg inszenierten die Nationalsozialisten die Reichsparteitage. Foto: dpa
Entlang der Küste wollte Adolf Hitler eine Ferienanlage für 20 000 Urlauber bauen. Sie wurde nicht fertiggestellt. In einem Teilbereich soll ein Dokumentationszentrum entstehen. Foto: dpa
  • Entlang der Küste wollte Adolf Hitler eine Ferienanlage für 20 000 Urlauber bauen. Sie wurde nicht fertiggestellt. In einem Teilbereich soll ein Dokumentationszentrum entstehen. Foto: dpa

Allerdings übertrifft die Resonanz der Besucher aus aller Welt die Erwartungen. Ein Neubau soll die Ausstellungsfläche deshalb auf 1200 Quadratmeter vervierfachen. Grundsteinlegung für das 21,3 Millionen Euro teure Projekt war im Oktober 2017. Protest angesichts der gewaltigen Investition? Es gebe „keine Diskussionen“ wegen der Erweiterung, erklärt Bratzdrum. „Vielmehr wird die Maßnahme aufgrund des großen Besucherinteresses ausdrücklich begrüßt“, meint der Landkreis-Sprecher. Mit dem Neubau „kann künftig noch intensiver zur Entmystifizierung des Ortes beigetragen werden“, erklärte Bayerns Finanz- und Heimatminister Dr. Markus Söder bei der Grundsteinlegung laut seiner Pressestelle.

Die von dem Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom konzipierte Ausstellung zu den Reichserntedankfesten war 2007 am Obersalzberg zu sehen. Damit zeige die Dokumentation „ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Verführungsgewalt des Regimes“, die „ nur eine andere Form gewalttätiger Politik war“, hieß es dazu vor einem Jahrzehnt. Zwei Jahre später stand die Ausstellung über die NS-Feste am Bückeberg dann in Nürnberg im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände auf dem Programm. Mit dem inszenierten „schönen Schein“ des „Dritten Reiches“, wie er sich in variierenden Massenfesten zeigte, seien die Menschen damals tagaus, tagein konfrontiert gewesen. „Die Reichsparteitage in Nürnberg sind ein Sinnbild dafür“, zog 2009 das Museum der Stadt den Vergleich.

Im Gegensatz zu dem modellierten Gelände in Emmerthal dokumentieren in Nürnberg monumentale Baureste den Größenwahn des Dritten Reiches. In der für 50 000 Besucher konzipierten, aber nicht fertiggestellten Kongresshalle befindet sich das 2001 eröffnete Dokumentationszentrum der Stadt. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Geschichte der Reichsparteitage, die als gewaltige Massenveranstaltungen von der NS-Propaganda zur Inszenierung der „Volksgemeinschaft“ genutzt wurden.

Nur: Die Stadt hat ein Problem. Während in Emmerthal lediglich ein paar Fundamente der Führertribüne im Erdboden verblieben sind und unverändert bleiben sollen, nagt in Nürnberg der Zahn der Zeit an den Monumenten der NS-Zeit. Dem Verfall des unbequemen historischen Erbes weiter zuschauen oder die Gebäude sichern? Eine schwierige Frage – und das vor allem mit Blick auf die unvorstellbaren Kosten im Vergleich zu den 450 000 Euro, die für den Dokumentations- und Lernort Bückeberg vorgesehen sind. Eine Summe von 73 Millionen Euro hat die Stadt berechnet, um das Zeppelinfeld mit Tribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände baulich zu sichern. „Es geht nicht um eine Restaurierung oder gar eine Rekonstruktion, sondern um eine langfristige Sicherung des Status quo, der auch nachfolgenden Generationen die Möglichkeit zur eigenen Auseinandersetzung lässt“, erklärt dazu Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly laut einer Mitteilung der Stadt. „Die Stadt Nürnberg stellt sich dieser Aufgabe auch im Wissen darum, dass es sich um ein nationales Erbe handelt.“

Kein Protest wegen der Kosten? Natürlich gebe es immer wieder Diskussionen, auch in der Fachwelt, meint Dr. Matthias Braun, im Kulturamt der Stadt mit dem schwierigen NS-Erbe betraut. Der Historiker Norbert Frei plädiert etwa für das „Prinzip des kontrollierten Verfalls“. Bei der Debatte in Nürnberg gehe es um die Formen, wie das Areal zu nutzen sei, nicht um den Erhalt an sich, sagt Braun. „Der ist unstrittig.“ Den Ort der Reichserntedankfeste kennt der Historiker, nicht zuletzt, weil Experten aus ganz Deutschland immer wieder den unterschiedlichen Umgang mit diesen Täterorten diskutieren. In Nürnberg gehören die NS-Bauten zum Stadtbild. „Anders als am Bückeberg muss sich unsere Stadtbevölkerung damit auseinandersetzen“, sagt Braun. „Das ist ja ein gewisser Zwang.“

Die Gigantomanie der NS-Zeit – sie lässt sich noch steigern. Die Rügen-Urlauber blickten jahrelang auf die unvollendeten Bauten des Kraft-durch-Freude-Seebades. Auf gut viereinhalb Kilometer Länge sollte das längste Bauwerk der Nationalsozialsozialisten entstehen – für 20 000 Gästebetten direkt am Ostseestrand. Nach endlosen Debatten verwandeln nun hauptsächlich private Investoren die Gebäude in Bettenburgen und Wohnungen der Luxusklasse. Nur ein Block befindet sich noch in Eigentum des Landkreises. Im Januar stellten die beiden Vereine, die sich der wechselvollen Geschichte des Komplexes widmen, eine Studie für ein Doku-Zentrum vor. Rund fünf Millionen Euro sind dafür berechnet. Der Landkreis berät im März über die Umnutzung, teilt dessen Sprecher Olaf Manzke mit.

NS-Orte der Propaganda und Selbstdarstellung oder, wie auf Rügen, der ideologisch gewollte Erholungsbereich – das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin bildet das Kontrastprogramm. Nahezu nicht enden wollte aus Sicht der Verantwortlichen das Ziel, am Ort der Täter mit den früheren Zentralen von Gestapo, SS und Sicherheitsdienst die Terrorherrschaft aufzuzeigen. Seit 1987 gab es nur eine provisorische Ausstellung unter freiem Himmel, bevor 2010 der Neubau fertig war. „Kein anderer Ort ist enger mit den Verbrechen der Nationalsozialisten verbunden als dieser“, sagte der damalige Bundespräsident Horst Köhler damals bei der Eröffnung des 26 Millionen Euro teuren Neubaus. Was führte letztlich zum Erfolg? Kay-Uwe von Damaros, Sprecher des Museums: „Engagierte Bürgerinnen und Bürger, Verantwortungsbewusstsein im politischen Raum, prozessorientierte Diskussionskultur unter Beteiligung aller Akteure, Sach- und Fachkompetenz und eine entsprechende Finanzierung.“

Die rund eine Million Besucher jährlich sehen in Berlin übrigens auch das Foto von den Reichserntedankfesten. Vom Führerkult der frühen NS-Zeit zum Terrorapparat der Nazis – ein Schwerpunkt der Ausstellung. Wer genau hinschaut, findet sogar den Hinweis, dass es in Nachbarschaft des Bückeberges nicht nur die jubelnden Massen gab, sondern auch die Täter. Unter dem Bild von Heinrich Himmler findet sich August Heißmeyer, geboren und begraben in einem Emmerthaler Nachbardorf. Heißmeyer hatte im Dritten Reich schnell Karriere gemacht – bis zum General der Waffen-SS.



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