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Über die Reichserntedankfeste, die Euphorie der Massen und die Bedeutung der Erinnerung

Fanatische Begeisterung

Die Debatte um einen Gedenkort am Bückeberg bei Hameln könnte wegweisend sein für das ganze Land. Es geht um die Fragen: Wie gehen wir mit der Erinnerung an die freiwillige Bereitschaft der Deutschen um, den NS-Staat zu bejubeln? Wie funktionierte die „völkische“, antisemitische „Volksgemeinschaft“?

veröffentlicht am 24.02.2018 um 13:07 Uhr

Eine Million Menschen kamen zu den Reichserntedankfesten auf dem Bückeberg. Foto: Museum

Autor:

Dr. Clemens Heni

Eine ganze Reihe von Artikeln, Kommentaren und Leserbriefen in der Deister- und Weserzeitung behandelt die geplante „Dokumentationsstätte“ auf dem Bückeberg. Das „Reichserntedankfest“, das von 1933 bis 1937 nahe Hameln vor bis zu 1,2 Millionen Menschen stattfand, war eine der größten Propagandaveranstaltungen des Nationalsozialismus. Idyllisch gelegen unweit der Weser, dem „deutschesten“ Fluss, so die nationalistische Blut-und-Boden-und-Wasser-Ideologie, einem Fluss also, der das Schicksal hat, nur durch „deutsches Gebiet“ zu fließen, wurde der Raum Hameln zudem wegen der günstigen Infrastruktur (Reichsbahn) von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ausgewählt.

Kern des SS-Staates war der Ausschluss und später die Vernichtung der Juden. „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ war zentraler Bestandteil der Ideologie, wobei „Volk“ nicht erst seit 1933 den Ausschluss der Juden meinte. Zentral für den Erfolg des Nationalsozialismus war der Massencharakter. Dazu dienten auch die drei großen Propagandaveranstaltungen, der „Tag der deutschen Arbeit“ (1. Mai) in der Reichshauptstadt Berlin, die Nürnberger Reichsparteitage und das Reichserntedankfest auf dem Bückeberg, das auch „Nürnberg des Nordens“ genannt wurde.

Dem enormen persönlichen Einsatz des Lokalhistorikers Bernhard Gelderblom hat es die Region zu verdanken, dass seit Jahren die Erinnerung an die Geschichte des Bückebergs unter dem NS-Staat wachgehalten wird. Bereits 1998 publizierte Gelderblom eine Broschüre über das Reichserntedankfest, ein Jahr später gestaltete er eine Ausstellung, die bundesweit gezeigt wurde, unter anderem in Nürnberg am früheren Reichsparteitagsgelände.

Foto: dpa/Sammlung Gelderblom
  • Foto: dpa/Sammlung Gelderblom

Es ist wichtig, sich die damalige Propaganda im Originalton anzuhören. So schrieb der „Hauptorganisator der Deutschen Erntedanktage auf dem Bückeberge“ Leopold Gutterer in einer 1934 erschienenen Broschüre mit dem Titel „Rund um den Bückeberg. Erlebnisse und Berichte beim Ersten Deutschen Erntedanktag am 1. Oktober 1933“: „Der Bückeberg bei Hameln – bis vor einem Jahr ein in der Allgemeinheit unbekannter Berg – ist heute keinem Deutschen mehr fremd. (…) Einem großen, freien Volk, einem ewig jungen Volk wird der Bückeberg nicht mehr ein geologischer Begriff sein, sondern: Weihestätte und Verpflichtung.“ Hier wird Hameln gleichsam national-religiös überhöht, als die Gegend von Hermann dem Cherusker und von Horst Wessel sowie der Weser, dem „deutschesten der Ströme“ und als ideal für die nationalsozialistischen Mega-Propagandaveranstaltungen angepriesen. Beim ersten Reichserntedankfest 1933 dauerte die Versammlung bis in die Nacht hinein und wurde durch leistungsstarke Scheinwerfer hell erleuchtet – nach der Devise, der Nationalsozialismus biete „Licht“: „Und siehe da, es ward Licht“, ehe dann die „Siebenhunderttausend“ wieder abmarschierten.

In einem anderen Band von 1934 – „Nürnberg und Bückeberg 1933“ – wird der Reichsparteitag in Nürnberg zusammen mit dem „Großen Erntedank auf dem Bückeberg“ gefeiert. Hitler sagte in seiner Rede auf dem Bückeberg am 1. Oktober 1933: „Seit im vergangenen Jahre die Ernte eingeführt wurde, hat sich in Deutschland ein Wandel von geschichtlichem Ausmaß vollzogen. Ein Parteistaat ist gefallen, ein Volksstaat ist entstanden.“ Die Nazi-Ideologie wird hier unumwunden deutlich: Der Nationalsozialismus „rückt bewußt in den Mittelpunkt seines ganzen Denkens das Volk. Dieses Volk ist für ihn eine blutmäßig bedingte Erscheinung, in der er einen von Gott gewollten Baustein der menschlichen Gesellschaft sieht. Das einzelne Individuum ist vergänglich, das Volk ist bleibend.“

Diese völkische Ideologie, die homogene Einheit wie die Entwertung des Einzelnen, stand also 1933 jedem Einzelnen deutlich vor Augen. Die Rede Hitlers wurde im Radio übertragen, viele hatten vielleicht schon einen der „Volksempfänger“, den VE 301 (30. Januar 1933), der ab Mai 1933 produziert wurde und relativ billig für 76 Reichsmark zu erwerben war. Bis November 1933 waren bereits bis zu 500 000 dieser Radiogeräte unter das Volk gebracht.

Information

Zum Autor

Dr. Clemens Heni, Jahrgang 1970, ist Direktor des 2011 gegründeten Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA). Der Politikwissenschaftler hat an der Universität Innsbruck mit einer Analyse der „Salonfähigkeit der Neuen Rechten in der Bundesrepublik von 1970 bis 2005“ promoviert. Er ist Autor von sechs Büchern und zahlreichen Artikeln zu den Themen deutsche Geschichte, Rechtsextremismus, Neue Rechte, Israel und Antisemitismus.

Warum ist eine Erinnerung an die Nazi-Zeit des Bückeberges so wichtig? Es war eine freiwillige Massenversammlung, die Menschen – 700 000 bis zu 1,2 Millionen – wurden nicht gezwungen, zum Reichserntedankfest nach Hameln zu fahren, aus allen Teilen des Landes. Der Kern, warum man sich in der Region hier und heute gegen einen Gedenkort Bückeberg wehrt, liegt womöglich genau darin: Es ist eine Abwehr der Erinnerung daran, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen aus freien Stücken, mit Fanatismus und Euphorie, beim Nationalsozialismus mitmachte. Es war ein Auf- und Untergehen des Einzelnen in der Masse, sozialpsychologisch analysierbar in der Sehnsucht nach Dabeisein, nach nationaler Größe, wenn schon das Leben als Bauer, Angestellter oder Arbeiter keine Erfüllung bringt. Es war aber auch eine frei gewählte Liebe zum Nationalismus, eine existenzialistische Entscheidung.

Hitler brachte in seiner ersten Bückeberg-Rede klar zum Ausdruck, um was es den Deutschen und Nazis ging: „Wenn die liberale Weltanschauung in ihrer Vergottung des Einzelindividuums zur Vernichtung des Volkes führen mußte, dann will der Nationalsozialismus das Volk als solches erhalten, wenn nötig, auch zu Lasten des einzelnen. (…) Der Nationalsozialismus ist daher ein fanatischer und fast unerbittlicher Feind jeder Klassenspaltung und Standestrennung. (…) Er wird durch seine Erziehung unbeirrbar die Ausmerzung jener Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens betreiben, die der Volksgemeinschaft abträglich sind.“ Feinde sind hier selbstredend der „Liberalismus und der demokratische Marxismus“, die „den Bauern verleugneten“. Juden wiederum sind in der Nazi-Ideologie keine Deutschen (NSDAP-Parteiprogramm seit 1920) und keine „Volksgenossen“. Alle wussten also, wer der Hauptfeind der NSDAP ist.

Das „Minuten-Programm“ für den Erntedank am 30. September 1934 macht deutlich, wie akribisch solche Massenpropagandaveranstaltungen durchgeführt wurden. Um 10 Uhr sollte der „Führer“ mit dem Flugzeug in Goslar ankommen, dann Fahrt zur „Kaiserpfalz“, dort 10.25 bis 11.20 Uhr „Empfang der Bauernabordnungen aus dem ganzen Reich“; parallel fand von 8 bis 14 Uhr der „Anmarsch der Kundgebungsteilnehmer“ zum Bückeberg statt. 14 Uhr „Einmarsch der Fahnen“ und „Trachtengruppen“, um 15 Uhr Beginn des „Staatsaktes“, 15.15 Uhr Begrüßung der Diplomaten, 15.20 Uhr Eröffnung durch Reichspropagandaminister Goebbels, 15.30 Uhr „Kombinierte Reichswehr-Vorführungen in der Ebene. Während der Führer von der Ehren- zur Rednertribüne schreitet, Volksliedersingen durch Massenchöre des Arbeitsdienstes“. 16 bis 16.15 Uhr Rede des „Reichsbauernführers, Reichsminister Darré“ und als Höhepunkt 16.15 bis 17 Uhr „Rede des Führers“. 17 Uhr „Horst-Wessel-Lied“, 17.02 Uhr „Dreifaches Sieg Heil auf Führer und Volk“, 17.03 Uhr „Deutschland-Lied“, 17.05 Uhr „Schluß der Kundgebung“. Das gleiche Deutschlandlied wird bis heute gesungen. Seit 1934 wurde unterhalb des Bückebergs ein kleines Schaudorf, das „Bückedorf“, aufgebaut, das dann ab 1935 von der Wehrmacht mit Panzern und der Luftwaffe zerstört wurde.

Kern eines Gedenkortes Bückeberg könnte es sein, darauf abzuzielen, die Deutschen als „willige Vollstrecker“ (Daniel Goldhagen) kenntlich zu machen, als begeisterte, ich-lose, völkische Volksgemeinschaft. Und doch war es eine Entscheidung für den SS-Staat, für den Nationalsozialismus. Jeder einzelne Deutsche, der singend zum Bückeberg ging, war Teil der Täternation. Dafür steht dieser Ort exemplarisch. Wer jedoch an die Opfer der Deutschen im Nationalsozialismus erinnern möchte, muss auch an die Täter erinnern, die Deutschen.

Wer jedoch von den Opfern schweigen will, möchte auch von den Tätern nichts mehr wissen, alles verschwindet im Orkus der Geschichte.



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