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Bizarrer Streit um Namensrecht und Schreibweise zweier Anhöhen

Der doppelte Bückeberg

Über den Bückeberg wird derzeit im Weserbergland viel diskutiert. Über welchen Bückeberg?? Schließlich gibt es in Sichtweite zueinander gleich zwei Höhenzüge mit diesem Namen.

veröffentlicht am 12.04.2018 um 16:03 Uhr

Bückeberg bei Obernkirchen: Übersichtskarte des damaligen Bückeburger Hofmalers und Zeichenlehrers Anton Wilhelm Strack aus dem Jahre 1810. Repro: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite

Für den Höhenzug zwischen Bückeburg, Stadthagen, Bad Nenndorf und dem Auetal gibt es in historischen Urkunden, volkskundlichen Beiträgen und auf Landkarten mehr als 20 verschiedene Namensformen. Die Palette reicht von „collis Buzeburch (1181), „uppem Buckeberghe“ (1485) und „unses Berghes ghenant de Buckesberch“ (1503) bis hin zu den heute gebräuchlichen Bezeichnungen „Bückeberg“ und „Bückeberge“. Die Namens-Vielfalt hat nicht zuletzt mit der zentralen Lage und der historischen und wirtschaftlichen Bedeutung des Gebirgsmassivs zu tun.

Ort und Umgebung der heutigen Stadt Obernkirchen waren über Jahrhunderte hinweg gewichtige weltliche („Castrum Bukkaburg“) und christliche (Kloster „Overen Kerken“) Machtzentren. Später entwickelte sich eine blühende, international bedeutsame Kohlezechen- und Glashüttenindustrie. Weltweit bekanntestes Markenzeichen ist der Sandstein. Und seit 1908 weiß man auch die landschaftliche Besonderheit des weitläufigen, bis zu 375 Meter hohen Höhenzugs zu schätzen. Damals veröffentlichte Hermann Löns als Redakteur der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung einen ausführlichen und kenntnisreichen Beitrag über die vielfältige Natur und den Artenreichtum des bewaldeten, von etlichen Quellbächen durchzogenen Areals.

Angesichts einer solch ruhmreichen Vorgeschichte waren viele Schaumburger irritiert, als sie im Spätsommer 1933 dicke Schlagzeilen über ein am 1. Oktober geplantes „Reichserntedankfest auf dem Bückeberg“ zu lesen bekamen. Nur den wenigsten war auf Anhieb klar, dass nicht „ihr“ Bückeberg, sondern eine gleichnamige Anhöhe bei Hameln in der Gemarkung Hagenohsen gemeint war. Dass auch die dortigen Organisatoren nicht genau im Bilde waren, machte eine am 18. September 1933 in den heimischen Blättern abgedruckte, mit viel völkischem Pathos angereicherte Programmvorschau deutlich. Man habe bei der Wahl des Festgeländes nicht nur die nahe „urdeutsche“ Weser, das aus der Ferne grüßende Hermanns-Denkmal und den in der Nähe aufgewachsenen Märtyrer Horst Wessel, sondern auch und vor allem Hermann Löns im Sinn gehabt, war zu lesen, denn „auch er arbeitete und träumte hier“.

Adolf Hitler besucht das Reichserntedankfest: Zwischen 1933 und 1937 herrschte am Bückeberg bei Hameln einmal im Jahr Ausnahmezustand. Foto: Archiv/Dana
  • Adolf Hitler besucht das Reichserntedankfest: Zwischen 1933 und 1937 herrschte am Bückeberg bei Hameln einmal im Jahr Ausnahmezustand. Foto: Archiv/Dana
Hermann Löns hat über den schaumburgischen Bückeberg geschrieben und wurde von den NS-Ideologen im Zusammenhang mit dem Reichserntedankfest am Bückeberg bei Hameln missbraucht. Repro: gp
  • Hermann Löns hat über den schaumburgischen Bückeberg geschrieben und wurde von den NS-Ideologen im Zusammenhang mit dem Reichserntedankfest am Bückeberg bei Hameln missbraucht. Repro: gp
Das Gelände will der Landkreis Hameln-Pyrmont demnächst zu einem Lern- und Dokumentationsort herrichten lassen. Foto: Archiv/Dana
  • Das Gelände will der Landkreis Hameln-Pyrmont demnächst zu einem Lern- und Dokumentationsort herrichten lassen. Foto: Archiv/Dana

Die Vorgeschichte dieser Ereignisse ist bekannt. Unmittelbar nach der Machtübergabe an Hitler Ende Januar 1933 begann dessen Regime mit der Organisation propagandawirksamer Massenveranstaltungen. Nach dem „Tag der Arbeit“ am 1. Mai und dem pompösen Nürnberger „Reichsparteitag des Sieges“ vom 30. August bis 3. September waren am 1. Oktober die Ehrung des Bauernstandes und die Inszenierung der Blut- und-Boden-Ideologie angesagt. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort wurde man nach hektischem Hin und Her am Hang des Bückebergs bei Hameln fündig. Die Fläche war ausreichend groß und ließ sich ohne größere Schwierigkeiten von Arbeitsdienst-Männern kurzfristig herrichten.

Die Veranstaltung bescherte Goebbels und Co. den erhofften Erfolg. Dabei geriet zwangsläufig auch der namensgleiche, etwa 30 Kilometer entfernte Bückeberg in den Blickpunkt. Schon bald wurden Forderungen laut, die Verwechslungsgefahr zwischen beiden Anhöhen zu bannen. Der Hannoversche Wander- und Gebirgsverein beantragte, den „bei Bückeburg gelegenen Bückeberg“ in „Bückeburger Wald“ umzubenennen. Es werde „in vielen Kreisen als sehr störend empfunden, dass diese beiden Gebirgszüge in Niedersachsen die gleichen Bezeichnungen“ hätten. Für die Namensänderung komme „bloß der Bückeberg bei Bad Eilsen in Betracht“. Für den „anderen“ sei „der Name durch die Erntedankfeste als fest eingeführt anzusehen“.

Die zuständigen Nationalsozialisten, an der Spitze Gauleiter Dr. Alfred Meyer, stimmten dem Antrag umgehend zu. Dass es trotzdem nicht zur Umbenennung kam, ist dem Schaumburg-Lippischen Heimatverein und vor allem dessen damaligem Vorsitzenden Adolf Westerich zu verdanken. Der Bückeburger Gymnasialprofessor legte ein sorgfältig recherchiertes Gutachten vor. Daraus folge, so Westerich abschließend, dass es keinerlei Veranlassung gebe, über einen neuen Namen nachzudenken. Wenn überhaupt, sei allenfalls die Bezeichnung „Bückeberge“ vertretbar, denn: „Unser Bückeberg ist ein lang gestreckter Bergzug mit mehreren Erhebungen.“

Dieser Schlussfolgerung konnten sich auch Meyer und die übrigen NSDAP-Funktionäre nicht entziehen. „Ich halte die vorgeschlagene Bezeichnung ,Bückeburger Wald‘ nicht für glücklich“, schrieb der Gauleiter am 22. März 1939 nach Berlin. Seines Wissens seien „Verwechslungen der beiden Stätten“ in den letzten Jahren nicht mehr vorgekommen, „zumal der in Schaumburg-Lippe beziehungsweise im Kreise Grafschaft Schaumburg liegende bewaldete Höhenzug auch die Bezeichnung ,die Bückeberge’ trägt“. Damit war das Verwechslungsthema vom Tisch – allerdings auch und vor allem deshalb, weil wegen der mittlerweile angelaufenen Kriegsvorbereitungen 1937 ohnehin alle Reichserntefeste abgesagt worden waren.

Stattdessen flammte Ende der 1990er Jahre ein interner schaumburgischer Glaubenskrieg um die künftige Anwendung der Einzahl- oder Mehrzahl-Version – Bückeberg/Bückeberge – des Höhenzugs auf. Über Wochen hinweg tobte ein heftiger Leserbriefstreit. Zu guter Letzt wurde höherer Sachverstand bemüht. „Sieht sich die niedersächsische Landesregierung in der Lage, die Angelegenheit zu überprüfen und offizielle Klarheit in der Bezeichnungsfrage zu schaffen?“, wollte der Landtagsabgeordnete Friedel Pörtner mittels einer Kleinen Anfrage wissen. Die Antwort fiel für beide Seiten unbefriedigend aus. „Eine einzig richtige Namensform für den in Rede stehenden Höhenzug gibt es offensichtlich nicht“, ließen die Regierungsbeamten Anfang 2001 wissen.

Mittlerweile scheinen sich die Befürworter der Einzahl-These durchgesetzt zu haben. Jedenfalls hat die Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen vor geraumer Zeit angekündigt, das „e“ aus den amtlichen Karten des Landes zu verbannen. Ob damit alle Fragen, Zweifel und Diskussionen um das Thema Bückeberg endgültig aus der Welt sind, erscheint zweifelhaft. Wie bekannt, soll die bei Hameln gelegene Anhöhe zu einem öffentlichen Lernort ausgestaltet und aufgewertet werden. Da könnte irgendwann erneut der Ruf nach sprachlicher Abgrenzung laut werden.

Kein Konflikt droht hingegen aus dem reizvoll am Ostharz gelegenen Ort Gernrode. Für die Einwohner des traditionsreichen, heute zu Wernigerode gehörenden Städtchens ist ihr Bückeberg ein unantastbares Original.

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