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Zweijähriges Projekt vor dem Start: Dokumentations- und Lernstätte zu „Reichserntedankfesten“

Bückeberg soll Erinnerungsort werden

Emmerthal/Hameln. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnet sich eine Lösung für den unter Denkmalschutz stehenden Bückeberg in Emmerthal als Ort der NS-Massenveranstaltungen „Reichserntedankfeste“ ab. In den nächsten Monaten soll eine zweijährige Anlaufphase starten, um das weitgehend erhaltene Areal als Dokumentations-, Informations- und Lernort herzurichten. Die Finanzierung der Personal- und Sachkosten in Höhe von 120 000 Euro wird derzeit geklärt. Damit kommen die Planungen in eine konkrete Phase, nachdem fast 15 Jahre lang um den angemessenen Umgang mit diesem schwierigen historischen Erbe als einem „unbequemen Denkmal“ gerungen worden war.

veröffentlicht am 04.02.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 27.12.2017 um 14:24 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Die Denkmalschützer haben für den Bückeberg, wo in den 1930er Jahren weit mehr als eine Million Menschen Hitler gefeiert haben, den Begriff der Erinnerungskultur geprägt. „Der Erinnerung an den Nationalsozialismus als Volksbewegung, verbunden mit dem Blick auf die Stätten, an denen die Massen enthusiastisch dem Führer zujubelten, ist die Gesellschaft lange aus dem Weg gegangen“, umschreibt Dr. Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, diesen Balanceakt. „Gerade solche Orte stellen eine noch nicht genügend genutzte Quelle zur Geschichtsforschung des Nationalsozialismus dar. Sie zu identifizieren, zu werten und zu erforschen, ist die Aufgabe der Denkmalpflege, die als wissenschaftliche Institution für gebaute beziehungsweise allgemein nicht schriftliche Quellen der Geschichte verantwortlich ist.“

Die Verdienste, die Hintergründe der NS-Propagandaveranstaltung zu dokumentieren, der Bevölkerung bewusst zu machen und bei den entsprechenden Behörden die Konsequenzen wie den Denkmalschutz einzufordern, liegen bei dem Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom. Durch seine wissenschaftliche Arbeit schaffte er es, den vor Ort oft als lokales Kapitel der NS-Geschichte wahrgenommenen „Reichserntedankfesten“ überregionale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nachdruck verlieh den Zielen 2013 ein hochrangig besetztes Symposium auf Initiative der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, eine Einrichtung des Landes. „Der historische Ort Bückeberg soll als zentraler Ort in Niedersachsen zur Aufklärung über den Nationalsozialismus mit bundesweiter und internationaler Aufmerksamkeit entwickelt werden“, heißt es in dem damals verabschiedeten Eckpunktepapier. Es dient als Grundlage für eine Koordinierungsgruppe, die die Planungen begleitet. Dem Gremium gehören neben der Stiftung beispielsweise Ministerien und Behörden an, aber auch die Gemeinde Emmerthal, die Stadt Hameln und der Landkreis. Von Anfang an mit dabei ist der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln, dem unter Vorsitz von Gelderblom während der zweijährigen Anlaufphase die Projektträgerschaft übertragen wird.

Das besondere Kapital des Ortes – einst von Albert Speer gestaltet – liegt laut Gelderblom darin begründet, dass der Festplatz und die Infrastruktur weitgehend erhalten sind. Besucher erkennen, dass sie sich an einem authentischen Ort aufhalten, wie er erklärt. „Entsprechend erläutert tragen die baulichen Relikte im Sinne von musealen Exponaten in hohem Maß dazu bei, Geschichte nachvollziehbar und begreifbar zu machen“, meint er.

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Der Verein will in Abstimmung mit der Stiftung einen Projektkoordinator und wissenschaftlichen Mitarbeiter einstellen, die ein Dokumentations- und Bildungskonzept erarbeiten. Sie wollen dazu beitragen, den Festplatz mit Infrastruktur durch ein Informationssystem zu erschließen, eine Dauerausstellung zu konzeptionieren und Unterrichtseinheiten für Schulklassen zu entwickeln.

Die Stiftung will voraussichtlich 60 000 Euro zur Verfügung stellen. Wie kaum anderswo böten „die Ereignisse der ,Reichserntedankfeste‘ die Möglichkeit, die Entwicklung und Funktionsweise der NS-Herrschaft in den Vorkriegsjahren ab 1933 aufzuzeigen“, schrieb Dr. Rolf Keller als Leiter der Abteilung „Gedenkstättenförderung Niedersachsen“ 2014 zusammen mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Juliane Hummel in einem Rundbrief. Im März entscheidet der Kreistag darüber, das Konzept mit 20 000 Euro zu fördern. Die Landkreis-Verwaltung wirbt bei der Politik, das Projekt zu unterstützen, weil „es die Chance eröffnet, junge Menschen an einem Ort des Geschehens nationalsozialistischer Propaganda direkt vor der eigenen Haustür über die NS-Zeit kritisch reflektieren zu lassen“.



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