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Ein Berg von Fragen

Antworten zur geplanten Dokumentationsstätte auf dem Bückeberg

Es war eine gigantische Propaganda-Inszenierung: Mehr als eine Million Besucher soll das letzte Reichserntedankfest der Nationalsozialisten auf den Bückeberg bei Hagenohsen gelockt haben. Von 1933 bis 1937 war dies eine der größten Massenveranstaltung der NSDAP. Daran erinnern soll nun ein „historisch-topografischen Informationssystems“. Dies sorgt jedoch seit Wochen für Diskussionen und stößt oft auf deutliche Ablehnung. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

veröffentlicht am 26.01.2018 um 19:22 Uhr
aktualisiert am 26.01.2018 um 20:36 Uhr

Bückeberg,Emmerthal, Foto: Dana

Autor:

Christian Branahl und Frank Henke

Warum brauchen wir eine Gedenkstätte? Gegenfrage: Welche Gedenkstätte? Immer wieder taucht dieser Begriff ebenso wie der des Dokumentationszentrums auf. Das trifft es weder vom Ziel noch vom Vorhaben selbst. Nicht einmal im Ansatz sollen frühere und ohnehin nur fragmentarisch vorhandene Teile wie die Tribüne rekonstruiert werden. Weder geht es um Neubauten oder Wiederaufbau, lediglich über Hinweistafeln und einen Rundweg soll der Bückeberg erschlossen werden. Dabei wichtig: Als Kulturdenkmal hat das Land das Areal ausgewiesen – als „eines der am besten erhaltenen und eindrucksvollsten Zeugnisse monumentaler Landschaftsarchitektur und gestalteter Kulturlandschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus“ (Henning Haßmann, Landesamt für Denkmalpflege). Die frühere CDU-Landesregierung tat sich zunächst schwer mit der Entscheidung, bestand dann auf einen Konsens mit den Beteiligten vor Ort. Den sah der frühere Wissenschaftsminister Lutz Stratmann schließlich hergestellt. Zum Denkmalschutz gebe es keine Alternative – „sonst würden wir uns in der bundesweiten Wissenschaft lächerlich machen“, sagte 2009 der CDU-Politiker.


Was genau ist geplant? Das Konzept des Planer-Teams – bestehend aus Martina Jung, dem Büro für Gestaltung Ermisch sowie den Landschaftsarchitekten Dröge + Kerck aus Hannover – sieht acht Themeninseln mit Informationstafeln vor, erreichbar über gemähte Graswege. Es solle behutsam und zurückhaltend mit dem Gelände umgegangen werden, betont Bernhard Gelderblom, Vorsitzender des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln und Initiator des Projektes. Die Anmutung des Berges soll erhalten bleiben. Die acht Infoinseln sind auf das 40 Fußballfelder große Gelände verteilt, in Abständen von durchschnittlich 150 Metern. Über die überwachsenen Fundamentreste der einstigen Ehrentribüne am oberen Rand des Geländes, soll ein Steg geführt werden. Den noch gut sichtbaren Mittelweg – einst „Führerweg“ – hinab wäre von dort der Blick frei auf den Platz der einstigen Rednertribüne. An dieser Stelle wurde ein Schriftzug („PROPAGANDA“) vorgeschlagen, der jedoch – wie bereits feststeht – nicht realisiert wird.


Entsteht damit nicht eine Kultstätte für Neonazis? Die Erzählung von Ewiggestrigen, die Blumen am Bückeberg niedergelegt haben, zieht sich wie ein roter Faden durch die sorgenvollen Äußerungen. Es kann so durchaus geschehen sein, doch es gab keine organisierten Versammlungen. Und: Es gibt keine Ansätze dafür, dass ein als Lern- und Dokumentationsort ausgewiesenes Gelände Pilgerziel für Rechte werden könnte. Obersalzberg? Nürnberg? Größere Probleme sind dort nicht bekannt. Und wenn, dürfte das kein Grund sein, vor ihnen einzuknicken. Wie bei der Wewelsburg nahe Paderborn. Heinrich Himmler als Reichsführer SS hatte ihren Ausbau als ideologisches Zentrum zum Ziel. Als Ort der SS-Mythologie mit dem Sonnenrad lockte die Wewelsburg vor allem seit den neunziger Jahren dann die rechte Szene. Museum und Bevölkerung setzten alle Hebel in Bewegung, den unerwünschten Besuchern erfolgreich entgegenzutreten.

Über die Betonfundamente der einstigen Ehrentribüne soll ein Steg gelegt werden. Entwurf: Jung/Ermisch/ Dröge+Kerck
  • Über die Betonfundamente der einstigen Ehrentribüne soll ein Steg gelegt werden. Entwurf: Jung/Ermisch/ Dröge+Kerck
Themeninseln mit Informationstafeln sollen über das 40 Fußballfelder große Gelände verteilt werden. Entwurf: Jung/Ermisch/ Dröge+Kerck
  • Themeninseln mit Informationstafeln sollen über das 40 Fußballfelder große Gelände verteilt werden. Entwurf: Jung/Ermisch/ Dröge+Kerck
Reichserntedankfest auf dem Bückeberg. Foto: Archiv
  • Reichserntedankfest auf dem Bückeberg. Foto: Archiv
Bückeberg, Foto: Dana
  • Bückeberg, Foto: Dana
Über die Betonfundamente der einstigen Ehrentribüne soll ein Steg gelegt werden. Entwurf: Jung/Ermisch/ Dröge+Kerck
Themeninseln mit Informationstafeln sollen über das 40 Fußballfelder große Gelände verteilt werden. Entwurf: Jung/Ermisch/ Dröge+Kerck
Reichserntedankfest auf dem Bückeberg. Foto: Archiv
Bückeberg, Foto: Dana


Warum werden die Einwohner nicht mit einbezogen in die Gestaltung der Erinnerungsstätte? Wie bei kaum einem anderen unbequemen Erbe des Nationalsozialismus bezogen die Verantwortlichen die Bevölkerung mit ein. Schon 2009 waren Vertreter der Einwohner zu einem Symposium in Hannover mit Experten eingeladen, als es um den umstrittenen Denkmalschutz ging. Wissenschaftler aus dem gesamten Bundesgebiet befassten sich später unter Öffentlichkeitsbeteiligung immer wieder mit dem Thema. 2013 verabschiedet ein Workshop auf Einladung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten – 2004 durch einen einstimmigen Gesetzesbeschluss des Niedersächsischen Landtags begründet und auch zuständig für Bergen-Belsen – ein Zehn-Punkte-Papier. Wie kaum anderswo böten „die Ereignisse der Reichserntedankfeste die Möglichkeit, die Entwicklung und Funktionsweise der NS-Herrschaft in den Vorkriegsjahren ab 1933 aufzuzeigen“. Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung startete 2015 der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln das Projekt für den Dokumentations- und Lernort. Im Dezember 2016 wurde das Projekt im Rat der Gemeinde Emmerthal vorgestellt, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Ebenfalls mit wissenschaftlicher Unterstützung fand schließlich der Wettbewerb statt, wie das Areal gestaltet werden könnte. Der Jury gehörte auch der Emmerthaler Bürgermeister Andreas Grossmann an. Wie kaum von einem anderen sind dessen Aussagen dokumentiert, immer wieder seit Beginn seiner Amtszeit die Sorgen der Bevölkerung vorgebracht zu haben. In dem Entwurf der Planer aber sieht der Bürgermeister begründet „ein niederschwelliges Angebot“. Trotzdem: Das Projekt ist längst eine überregionale Aufgabe, auch wenn nach wie vor Einwohner der Region mit Vorschlägen dabei sind.


Warum muss nach so vielen Jahren denn noch ein Erinnerungsort geschaffen werden? Die wohlgemeinte Sorge klingt mit. Dabei muss die Frage lauten: Warum musste es so lange Zeit dauern, bis dieser überfällige Schritt umgesetzt wird? Es geht nicht vordergründig darum, dass der Hamelner Historiker Gelderblom sein Ziel erreicht, seine über viele Jahre hartnäckig verfolgten Pläne umzusetzen. Auch kann es nicht der Grund sein, ein Angebot für Touristen zu schaffen. Und der Ansatz von Geschichtslehrern, unrühmliche Kapitel der Vergangenheit Schülern anschaulicher darzustellen, ist vielleicht ein weiteres wichtiges Argument, aber nicht ausschlaggebend. Der Bückeberg gilt als bundesweiter Ort, an dem die NS-Herrschaft anschaulich deutlich wird. Dr. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle, begrüßt den Weg „einer kritischen Vor-Ort-Dokumentation des Bückeberges als überregional wichtigem Ort nationalsozialistischer Selbstinszenierung“. Seine Begründung: „Die NS-Verbrechen, für die Orte wie Bergen-Belsen, Salzgitter-Drütte, Sandbostel und viele andere in Niedersachsen stehen, fanden im Kontext der von den Nationalsozialisten propagierten „Volksgemeinschaft“ statt, die radikal rassistisch formiert war. Das bedeutet, dass die Verbrechen ohne ihren gesellschaftlichen Rahmen gar nicht erzählt und auch nicht verstanden werden können: Bergen-Belsen und der Bückeberg gehören zusammen, sind Teil eines Systems. Wer über die Verbrechen spricht, muss zwingend auch über die Täter und die Mitmachbereitschaft in der Bevölkerung sprechen.“


Was kostet das alles? Und wer bezahlt? Für die „Konzeptionsphase“ – vom April 2016 bis Ende März 2018 – existierte ein Etat von 138 500 Euro. Der Großteil des Geldes kam von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (60 000 Euro), 44 000 Euro zahlte der Landkreis, den Rest Stiftungen und Sponsoren. Als Baukosten werden 450 000 Euro erwartet. Der Landkreis will bis zu 225 000 Euro geben. Davon soll allerdings auch eine Toilettenanlage bezahlt werden, die in der Bausumme von 450 000 nicht enthalten war. Sie könne rund 100 000 Euro kosten, erwartet Gelderblom „Das Problem ist, dass die Finanzierung noch nicht abgeschlossen ist. Die Gespräche laufen aber sehr aussichtsreich.“ Die Summe, die der Landkreis aufbringt, kann sich verringern, wenn weiterhin erfolgreich Fördermittel eingeworben werden. Zugesagt sind bereits 50 000 Euro von der Bingo-Umweltstiftung und weitere 50 000 Euro von der Stiftung Niedersachsen, im März entschieden wird über 16 000 Euro Förderung von der Klosterkammer. Die Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten könne noch keine Aussage über die Höhe ihrer Förderung machen. Gängig ist jedoch eine Förderung von 50 Prozent. Weitere Fördergelder – etwa Leader-Mittel – werden voraussichtlich hinzukommen. Als Folgekosten werden zunächst bis einschließlich 2021 insgesamt 306 500 Euro kalkuliert: Für die volle Stelle eines Geschäftsführers einer noch zu gründenden gGmbH, der zugleich wissenschaftlicher Leiter ist, sowie einer viertel Sachbearbeiterstelle. Diese Kosten müsste nach derzeitigem Stand der Landkreis aufbringen. Hinzu kommen die Kosten für – wohl überschaubare – Pflegemaßnahmen auf dem Gelände.



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