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Von Übertreibungen und rührenden Begegnungen

„Über 650 Laternen“

Hameln (bha). Es ist eine besondere Vereinigung, und einige, die sie vom Rand aus beobachten, sind zu Tränen gerührt: Über 400 Männer, Frauen und Kinder mit ihren Laternen, Musikinstrumenten treffen am Tor zur Linsingen-Kaserne ein und werden schon von, geschätzt, 100 Männern, Frauen und Kindern, auf der anderen Seite erwartet. „Bruder Jakob“ ist das Lied, das die Flüchtlingskinder in der Kaserne seit Tagen am liebsten und immer wieder gesungen haben – jetzt singen alle gemeinsam.

Vorher hatte Jens Neumann alias „Feuerflut“ den Kindern und ihren Begleitern im Bürgergarten offene Münder beschert mit seiner heißen Feuershow. Während Eltern ihrem Nachwuchs Vorsicht im Umgang mit Feuer einimpfen, spielt Jens Neumann mit dem Element, als könne es ihm nichts anhaben. „Wollt ihr meeehr?“ – „Jaaa!“ – „Wollt ihr mich brennen sehen?“ – „Jaaa …“ – „Was?!“ Nein, natürlich nicht, man war nur gerade so drin im Ja-Sagen. Er schleudert es, wirft es, dreht es, springt drüber, wirbelt es um sich herum, schluckt es, zieht es über seine Haut. Jubel und Applaus!! Letzteres hatten vorher auch Marlis Rißmann vom Kinderspielhaus und Dewezet-Verlegerin Julia Niemeyer für ihre kurze Begrüßung bekommen – „ich freue mich riesig, dass Sie alle da sind“. Jubel und Applaus erntet dann noch für Bernhard Kruppki von der Sparkasse Weserbergland – dafür, dass er nicht zählen kann …

„Ich habe 650 gezählt“, sagt er beim Blick über das Lichtermeer vor ihm und übertreibt damit ziemlich. Für jede leuchtende Laterne hatte die Sparkasse Weserbergland einen Euro in Aussicht gestellt – daher das großzügige Verzählen. Weil aber das ja eine ziemlich komische Zahl sei, befindet Kruppki, runde er einfach nochmal auf. Die meisten Schüler kämen jetzt wohl auf 700, bei Kruppki sieht das Aufrunden so aus: 1000. 1000 Euro spendet die Sparkasse Weserbergland für das Kinderspielhaus Hameln und für die Flüchtlingshilfe des DRK Weserbergland.

Als es in einer langen Schlange zur Linsingen-Kaserne geht, marschiert der Rattenfänger flötend vorweg, zahlreiche freiwillige Fackelträger von der evangelischen Jugend, dem Kinderspielhaus, der Dewezet, flankieren den Umzug, Mitglieder des Musikzugs Bisperode spielen langsame Versionen von Laternenlaternen. Die Polizei sichert, das DRK ist für alle Fälle, die nicht eintreten, dabei. Hier plumpst eine Laterne runter, da wird sie mehrfach gegen den Buggy geschleudert, alles in allem kommt alles heil an.

Gemeinsam drehen die Hamelner zusammen mit den Flüchtlingen eine Runde ums Kasernengelände, bevor Bürgermeisterin Sylke Keil, gut gemeint, aber von der Masse kaum zu verstehen, unter anderem die Geschichte vom Heiligen Martin erzählt. Drei Übersetzer sind dabei, doch das Gesagte verhallt beinahe auf der großen Fläche.

„Gute Idee, die Leute hierher zu holen – und die Menschen hier fanden’s ganz toll“, sagt später Rahime Tarak, die ebenfalls als Sprachmittlerin arbeitet. „Sie waren alle sehr interessiert“ an diesem Brauch, mit Laternen zu gehen. Auch der organisatorische Leiter des DRK auf dem Gelände, Wilfried Binder, ist angetan: „Tolle Sache! Schön, dass so viele mitgekommen sind.“ Und Sabine Homeier mit Sohn Jonas schwärmt vom „tollen Gefühl der Zusammengehörigkeit“.

Chaotisch wird es, als allen Kindern ein Geschenktütchen zum Abschied aus einem Transporter heraus überreicht werden sollen – Gedränge, Geschubse, manche greifen gleich drei Tüten, andere kommen zu kurz. Mitarbeiter des Security-Dienstes greifen ein und regeln neu. Ein paar Tränen fließen bei jenen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts abbekommen haben. Doch am Ende überwiegen die glücklichen und zufriedenen Gesichter. Und dass das Wetter um 19.20 Uhr mit Sturm und Regen doch noch zuschlägt, kann allen Beteiligten dann schon egal sein. 

veröffentlicht am 13.11.2015 um 20:33 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite


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