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„Konsequent nutzerorientiert“

Mobilfunkanbieter tun wenig gegen weiße Flecken im Netz

WESERBERGLAND. Mitten im Gespräch sind nur noch Wortfetzen zu hören, dann bricht es ab. Hektisch wird das Telefon dann in die Luft gehalten, wie mit der Wünschelrute die Wiese abgegangen oder der Arm ganz weit aus dem Fenster gehalten. Wer im Weserbergland unterwegs ist, kennt solche Situationen.

veröffentlicht am 28.07.2017 um 17:43 Uhr
aktualisiert am 09.07.2018 um 16:55 Uhr

Die Suche nach einem stabilen Handynetz kann in vielen Orten im Weserbergland vergeblich sein. Foto: Dana
Michael Zimmermann

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Ein Blick in den Breitbandatlas des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigt: Bereiche, in denen man mit dem Handy keinen Empfang hat, gibt es in der Region reichlich.

Auch Markus Burgdorf hat den Eindruck, dass die Funklöcher im Landkreis besonders groß sind. Auf dem Weg nach Bad Pyrmont habe er auf wesentlichen Streckenabschnitten oft überhaupt keinen Empfang, sagt Burgdorf, der sich an seinem Wohnort Wallensen „ganz nah am Funkloch“ wähnt. So entstehe eine Zweiklassengesellschaft, meint er. „Wenn jemand eine Handynummer angibt, erwartet man, dass derjenige dann auch erreichbar ist.“ Schlimm treffe es auch die, die von ihrem Arbeitgeber ein Diensttelefon bekommen haben – und dann zu Hause nicht erreichbar sind. Dabei rühmen sich die Telekom und ihre beiden Konkurrenten Vodafone und Telefónica mit Netzabdeckungen von mehr als 90 Prozent. Gemeint ist damit aber der Anteil der Bevölkerung, der mobil surfen und telefonieren kann – nicht die Fläche. Dort, wo nur wenige Siedlungen und Häuser stehen, gibt es große Lücken. Auch bergige Regionen sind in der Regel nicht versorgt.

Für ein paar hundert Menschen hinter dem Berg lohnt sich ein neuer Funkmast nicht.

Wenn es darum geht, neue Funkmasten aufzustellen, handeln die Anbieter nämlich nach dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit. Telekom-Sprecher Niels Hafenrichter macht daraus auch kein Geheimnis: „Als Aktiengesellschaft müssen wir mit den uns anvertrauten Geldern verantwortungsbewusst umgehen. So investieren wir in den Ausbau zunächst dort, wo möglichst viele Menschen von der Investition profitieren können.“ Zusätzliche Technik dort aufzubauen, wo eher selten Menschen das Mobilfunknetz nutzen, sei „gegebenenfalls zum aktuellen Zeitpunkt wirtschaftlich nicht sinnvoll – und würde die Kosten für alle Nutzer in die Höhe treiben.“ Auch Telefónica gehe beim Ausbau „konsequent nutzenorientiert vor“ und errichte wir vor allem dort Funkstationen, „wo unsere Kunden diesen Standard für die Nutzung ihrer Anwendungen tatsächlich benötigen“, wie ein Unternehmenssprecher mitteilt. Der Fokus liege auf den Regionen, in denen die Kunden lebten und arbeiteten. Mit anderen Worten: Für ein paar hundert Menschen hinter dem Berg lohnt sich ein neuer Funkmast nicht.

Denn der Bau solcher Anlagen ist teuer: Nach Angaben von Vodafone liegen allein die Erschließungskosten im sechsstelligen Bereich. Dazu kämen laufende Betriebskosten. Deswegen müssten die Netzbetreiber gerade auf dem Land genau kalkulieren, ob und unter welchen Voraussetzungen sich ein solcher Bau wirtschaftlich trägt, erklärt Konzernsprecher Volker Petendorf. In seltenen Fällen beteiligten sich auch Länder und Gemeinden mit Zuschüssen.

Diese sollte offenbar vor ein paar Jahren auch die Stadt Hessisch Oldendorf zahlen, damit die Telekom dort Funkmasten aufstellt. Dort liegen einige Gebiete im „Funkschatten“, in Zersen, Wahrendal oder auch in Teilen des Rohdentals gibt es kaum Empfang. Die Telekom sei einmal vor Ort gewesen, erzählt Bürgermeister Harald Krüger – und habe festgestellt, dass zusätzliche Anlagen nicht wirtschaftlich seien. Deswegen habe sich die Stadt finanziell nicht unerheblich beteiligen sollen. Angesichts knapper Kassen kam das nicht infrage. Drängender sei derzeit ohnehin erst einmal die Versorgung mit schnellem Internet per Kabel, sagt Krüger, der hier besonders auf den Landkreis hofft.

Markus Burgdorf sieht auch die Landesregierung in der Verantwortung: „Das Land sollte sich bei den Providern dafür einsetzen.“ Ansonsten verpasse die Region langfristig den Anschluss. Im vergangenen Landtagswahlkampf versprach auch Ministerpräsident Stephan Weil: „Funklöcher in Niedersachsen haben keine Zukunft“. Ein gutes Mobilfunknetz sei „auch Existenzgrundlage für viele Wirtschaftsunternehmen.“ Diesen Auftrag wolle er nach der Wahl mit in die Regierungsverantwortung nehmen. Dabei bleibt der Politik kaum mehr als der Appell an die Mobilfunkanbieter, vorschreiben kann sie das Aufstellen von Sendemasten nicht.

Immerhin: Bei der Versteigerung der Frequenzen für die nächste Mobilfunk-Generation 5G vor zwei Jahren wurden die Anbieter verpflichtet, 98 Prozent der Bevölkerung mit schnellem mobilem Internet zu versorgen und auch ländliche Gebiete zu erschließen. Dadurch sollen in der Regel Übertragungsraten von 10 Mbit/s und mehr zur Verfügung stehen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt versprach sogar, dass bis 2018 „alle lästigen Funklöcher in Deutschland geschlossen“ würden. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium dämpft die Hoffnungen auf Anfrage aber gleich wieder: „Eine hundertprozentige Garantie, an jedem Ort (von der offenen Nordsee über einsame Landstraßen bis hin in abgelegene Gebirgsregionen) und zu jeder Zeit in Deutschland mobil erreichbar zu sein, wird es auf absehbare Zeit nicht geben.“ Die sogenannte Versorgungauflage beziehe sich auch nicht ausdrücklich auf den Sprachdienst, denn wenn ein mobiles Datennetz verfügbar ist, werde auch erwartet, dass telefoniert werden kann.

Dennoch betonen auch alle Anbieter, dass sie die weißen Flecken weiter abbauen wollen. „Ob das gelingt hängt jedoch immer von verschiedenen Bedingungen ab“, schränkt Telekom-Sprecher Hafenrichter ein. „Beispielsweise wird nicht jedem aus unserer Sicht erforderlichen Standort von den Behörden zugestimmt und dann keine Baugenehmigung erteilt.“ Guten Empfang wollten die meisten, sagt er – einen Funkmast in der Nachbarschaft nicht ganz so viele.

Seit Kurzem gibt es immerhin dort, wo kein Mobilfunknetz vorhanden ist, aber eine WLAN-Verbindung, noch eine Alternative: Mit Apps und Diensten wie „WLAN Call“ (Telekom), „WiFi-Calling“ (Vodafone) oder „Message+Call“ (O2) soll das Smartphone automatisch aufs Telefonieren übers Internet umschalten. Damit sind Handybesitzer unter der gewohnten Telefonnummer erreichbar. Womit wir aber wieder bei der Sache mit den Glasfaserkabeln wären…

Information

Was ist ein Funkschatten?

Funkwellen breiten sich ähnlich wie Lichtstrahlen aus, erklärt Telekom-Sprecher Hafenrichter. Die Antennen wären in dem Bild also die „Lichtquellen“, die von möglichst hoch gelegenen Standorten das Land beleuchten. Durch Hindernisse wie Hügel, Bäume oder hohe Häuser könne es dabei zu „Schatten“ kommen, in denen der Empfang dann nicht so gut oder nur eingeschränkt möglich ist.



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