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Wie der ehrenamtliche Hilfseinsatz in Schuld bei Philipp Lödige nachwirkt

Schuften im Dreck – und ganz viel Dankbarkeit

LÜGDE / BAD PYRMONT / SCHULD. Jeder, der will, kann da was tun“, sagt Philipp Lödige. „Den vom Hochwasser Betroffenen ist mehr geholfen, wenn man einfach ein paar Tage mit anpackt.“ Der 40 Jahre alte Lügder und drei seiner Freunde haben das getan. Jetzt sagt Lödige: „Wer einmal da war, den lässt das nicht wieder los.“

veröffentlicht am 21.08.2021 um 09:00 Uhr

Juliane Lehmann

Autor

Reporterin (Pyrmonter Nachrichten) zur Autorenseite

Einen Teil des Betriebsurlaubs seiner Innenausbau-Firma haben Philipp Lödige und sein Mitarbeiter Christian Prein gemeinsam mit dem Pyrmonter Bauelemente-Händler Martin Ulbrich und dem Dachdeckermeister Patrick Jonigkeit aus Blomberg im Eifeldorf Schuld verbracht. „Wir haben einen gemieteten Bagger, einen Dumper und Kettensägen mitgenommen“, erzählt er. Runtergefahren sind sie mit den beiden Bullis seiner Firma und einem geliehenen Trailer. „Ein netter Bauer hat uns seine Wiese zum Zelten zur Verfügung gestellt.“

Lödige scheint es, als sei in Schuld bisher wenig private Hilfe angekommen. „Wir waren so ziemlich die Einzigen, die da waren“, sagt er. Dabei gingen Bilder von dort vier Tage nach der Katastrophe um die Welt. Da war die Bundeskanzlerin vor Ort. Das Ausmaß der Zerstörungen nannte sie „surreal, gespenstisch“. Und sie versprach den Menschen schnelle, unbürokratische Hilfe, deren Hab und Gut die Flut geschluckt hat.

Als die vier Freiwilligen aus dem Lippischen im Ahrtal halfen, war dort noch nicht viel Geld angekommen. „Eine Familie berichtete, dass sie genau 2000 Euro gekriegt haben“, sagt Philipp Lödige.

Patrick Jonigkeit zerlegt ein Pelletlager, Foto: pr

Umso wichtiger schien dem Lügder und seinen Freunden das Anpacken. „Für eine Familie haben wir 20 Kubikmeter Schlamm aus dem Teich geholt.“Bei einem alten Herrn, dem die Gastanks weggeschwommen waren, haben sie ein Fundament gebaut. „Und im Haus einer Familie haben wir Holzböden rausgerissen, Schlamm abgefahren und die nassen Pellets aus dem Lager geräumt“, schildert Lödige. „Die Bundeswehr wollte das Pelletlager sprengen.“

Viel Dankbarkeit, aber auch Scham schlug den Helfern entgegen. Sätze wie „Das kann man ja nie wieder gutmachen“, bekamen die Lipper mehrfach zu hören. „Dann haben wir erklärt, dass sie das gar nicht müssen und dass das für uns ganz selbstverständlich ist.“ Der alte Herr ließ sich nicht daran hindern, den Helfern 100 Euro zuzustecken. „Das Geld haben wir bei der Gemeinde abgegeben. Für jemanden, der es braucht.“

Insgesamt haben sie zu viert 40, 50 Kubikmeter Material bewegt, überschlägt Lödige. „Für jeden von uns waren es rund 13 Stunden Arbeit am Tag.“ Um die Männer herum: widerlich stinkender Matsch und Mücken überall. „Man schwitzt wie ein Bulle, aber den Pullover lässt man trotzdem an“, sagt Lödige. Helfer vor Ort bräuchten lange Arbeitskleidung, Gummistiefel mit Stahlkappe, schnittfeste Gummihandschuhe, Masken und Schutzbrillen.

Die Vermittlung der Ehrenamtlichen läuft in Schuld über ein improvisiertes Bürgerbüro. „Da sitzt eine junge Frau, die Aufträge an Ehrenamtliche entgegennimmt und vergibt.“ In der Kirche wird Essen ausgegeben. „Aber wir haben uns selbst versorgt. Wir wollten keinem zur Last fallen.“

Gemeinsam mit seiner Frau möchte der Lügder demnächst wenigstens für ein Wochenende nach Schuld fahren. „Sie will auch helfen.“

Seit Lödige wieder zu Hause ist, kommt ihm der Alltag hier manchmal fast unwirklich vor. „Die Problemchen erscheinen völlig lächerlich angesichts der Probleme, die die Leute da haben.“ Wohl auch deshalb sagten viele Helfer: „Ich muss da nochmal hin.“ Den nächsten Einsatz plant der Unternehmer gemeinsam mit seiner Frau. Wenigstens für ein Wochenende. „Sie will auch helfen.“

Seit seiner Rückkehr schätzt Philipp Lödige ganz einfache Dinge neu: „Man ist froh, dass man ein Dach überm Kopf und fließend Wasser hat.“

Bis auf der Dorfstraße von Schuld einige Notstromaggregate aufgestellt wurden, hatten die Menschen kein Licht. Duschen? Zähneputzen? Aufs Klo gehen? Klamotten wechseln? Alles unmöglich. Immerhin filtert das Technische Hilfswerk nun jede Woche zwei Millionen Liter Wasser. Da können sich die Leute was abzapfen. „Wir hatten auch ein 1000-Liter-Wasserfass zum Duschen“, sagt Lödige. Das Abwassersystem aber funktioniere noch lange nicht wieder. „Aus einem Kanal hat eine Firma einen sechs Meter langen Baumstamm gezogen. Den haben sie im Kanal auseinandergesägt“, erzählt er. „Keine Ahnung, wie der da reinkam.“

Außerdem fänden sich in den Kanälen jede Menge toter Haustiere. „Und die Ratten sind auf dem Vormarsch.“ Für die Kläranlagen gelte dasselbe wie für den Sportplatz, die Radwege und die Bahnverbindung: kaputt.

„Unwahrscheinlich viel Elend“ haben seine Freunde und er in Schuld gesehen. Aber auch Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen. „Manche sind in ihren Häusern geblieben. Sie wohnen da jetzt im zweiten Stock. Dort stand das Wasser nur 80 Zenitmeter hoch.“

Welche Zukunft das Eifel-dorf hat, ist ungewiss. „Manche Leute versuchen jetzt, ihre Häuser zu verkaufen. Sie wollen da nicht mehr leben“, sagt Lödige. Auch wegen der noch unabsehbaren Folgen der Katastrophe für die Umwelt. „Die Keller sind ja leer“, sagt Lödige. „Farben, Lacke - alles, was da stand, ist weggeschwemmt worden.“ Die Ortschaften seien zwar inzwischen grob vom Müll befreit. „Aber dazwischen liegt noch alles voll.“

Die Infrastruktur sei auch weg. „Es gibt keinen Bäcker mehr im Dorf. Der Mann ist knapp 70. Der fängt nicht noch einmal neu an.“ Und auch mancher örtliche Handwerker werde seine Firma sicher nicht wieder aufbauen – obgleich sie irgendwann dringend gebraucht würden.

Seinen ehrenamtlichen Einsatz will Philipp Lödige nicht an die große Glocke hängen. „Für mich war das völlig normal.“ Seine Eindrücke, seine Sicht möchte er öffentlich machen, „noch mehr Menschen aufwecken, aus ihrer Komfortzone rauszuholen und zum Helfen zu animieren.“ Denn: „Die Hilfs- und Spendenbereitschaft flacht schnell ab.“


Wer die private Hilfsaktion im Ahrtal unterstützen will, erreicht Philipp Lödige per E-Mail an loedige@email.de. Infos gibt‘s auch bei ahrhelp.de



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