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SZ/LZ-Serie: „So bunt ist Schaumburg“ / Warum die Feuerwehren auf Migranten angewiesen sind

„Uniformen sind einschüchternd“

Landkreis. Die Jugendfeuerwehr Waltringhausen im Nordkreis hat, was sich manch andere Feuerwehr im Landkreis sehnlichst wünscht: nicht nur eine topp gemachte Facebook-Seite, sondern auch mehrere Mitglieder mit Migrationshintergrund. Zwei Jugendfeuerwehrmitglieder haben russische, drei türkische Wurzeln, schildert Jugendwart Steffen Peußing.

veröffentlicht am 11.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:46 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Donnerstagmittag im Kreisjugendzeltlager in Stadthagen am Jahnstadion: Ilhan Kaplan und Kaan Kap kommen gerade, die Helme unter dem Arm, vom Sportplatz zurück, wo sie für ihr Leistungsabzeichen trainiert haben. „Unsere Familien sind von Wunstorf nach Waltringhausen umgezogen“, erzählen beide. „Wir haben Freunde gesucht. Einer aus der Klasse, Pascal, war schon bei der Jugendfeuerwehr, der hat uns einfach mitgenommen.“ Probleme? „Im Gegenteil, wir gehörten sofort dazu.“ Auch keine Vorbehalte bei den Eltern gegen den Dienst und die Uniform? „Auf keinen Fall“, beteuern beide. „Unsere Familie, unsere Verwandten und Bekannten – auch in der Türkei – können auf Facebook verfolgen, was wir in der Feuerwehr machen. Die sind stolz auf uns.“ Beide gehen übrigens auf die IGS in Stadthagen und stehen kurz vor ihrem Abitur.

Es ist erklärtes Ziel der Freiwilligen Feuerwehren bundesweit, mehr Mitglieder mit Migrationshintergrund in ihren Reihen aufzunehmen. Und dafür gibt es viele Gründe: Die Feuerwehr soll Spiegelbild unserer Gesellschaft sein und dazu gehören auch Mitbürger mit ausländischen Wurzeln. Dann braucht die Feuerwehr dringend Nachwuchs – Stichwort demografischer Wandel.

Und es gibt ganz praktische Argumente, die für eine „bunte“ Wehr sprechen. Ortsbrandmeister Thomas Blaue aus Rinteln schildert ein Beispiel: Ein Feuerwehrmann mit deutschem Pass und polnischer Herkunft habe bei Unfällen mit polnischen Lastwagenfahrern auf der A 2 immer dolmetschen können: „Das war für uns sehr hilfreich“. Leider sei der Mann wieder aus der Feuerwehr ausgeschieden.

In Berlin brannte es in einem Haus mit Bewohnern aus arabischen Ländern. Es brach Panik aus. Bis ein Feuerwehrmann aus dem arabischen Raum das Megafon ergriff und in der Muttersprache die Bewohner informierte, was sie tun sollten.

Wichtig ist auch umgekehrt, sagen Feuerwehrleute, dass Mitglieder mit Migrationshintergrund Deutsch sprechen, das ist im Ernstfall am Einsatzort überlebenswichtig, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.

Statistisch wird nicht erfasst, welches Jugendfeuerwehrmitglied einen Migrationshintergrund hat. Deshalb gibt es auch keine konkreten Zahlen für den Landkreis, nur Schätzungen, man geht von ein bis drei Prozent aus.

Am guten Willen, mehr Mitglieder mit Migrationshintergrund zu finden, mangelt es vonseiten der Feuerwehr nicht. Die Feuerwehren werben regelrecht dafür. Auf Kreisebene hat die Feuerwehr sogar einen eigenen Fachbereichsleiter Integration für diese Aufgabe: Jan Heinemann. Seine Stellvertreterin Silke Weibels ist sogar als Bildungsreferentin bei der Niedersächsischen Landesjugendfeuerwehr in dieser Sache tätig.

„Wir haben überall vorgesprochen, wo es Kontakte gibt“, versichert Heinemann – und immer hätten sie gehört: Fußball super, aber Feuerwehr… Da habe es dann große Fragezeichen gegeben. Was viele von vorherein abschrecke sei die Uniform: „Uniformen sind einschüchtern“.

Während Polen damit umgehen können, denn auch dort gibt es eine Feuerwehr auf freiwilliger Basis in Uniform, verstehen alle anderen, vor allem Muslime, das Organisationsmodell der deutschen Feuerwehr nicht. Uniform bedeutet für sie Militär oder Polizei. Es sei deshalb nicht einfach, hier Vorbehalte abzubauen, zu erklären, dass eine Uniform am Einsatzort in einem Brandfall oder bei anderen Katastrophen einfach schon deshalb wichtig ist, damit deutlich wird, die Frau, der Mann, die damit herumlaufen, machen hier ihren Job.

Dabei seien es weniger die Jugendlichen, die Bedenken haben, sondern ihre Eltern. Oft wüssten die Eltern nicht so recht, was in einer Jugendwehr angeboten wird. Zweites Gegenargument, das er oft höre, schildert Heinemann: „Das kostet Geld“.

Was ebenfalls in diesen Kulturkreisen nicht einfach zu vermitteln sei, ist das Konzept der „Freiwilligkeit“, das „Ehrenamt“. Heinemann: „Das ist für viele kein Begriff. Die verstehen nicht, warum jemand neben seinem Beruf freiwillig 24 Stunden, 365 Tage im Jahr, bereit ist, auch mitten in der Nacht aufzustehen, zum Feuerwehrgerätehaus zu fahren und dann stundenlang bei einem Einsatz dabei zu sein“. Eine Situation, die bei großen Wehren gar nicht selten ist.

Da kommen im Jahr deutlich über 200 Einsätze zusammen.

Und es gibt irritierende Situationen, an die man zunächst gar nicht denkt: Bei Festen und Übungsabenden wird oft eine Bratwurst auf den Grill gelegt. Die wird aus Schweinefleisch hergestellt. Das wiederum ist für Moslems ein absolutes Tabu. Eltern eines Jungen aus einer Jugendfeuerwehr waren entsetzt, weil niemand ihren Jungen darüber aufgeklärt hatte. Die Feuerwehrleute waren wiederum davon ausgegangen, dass der Junge das wüsste. Es gab ja auch eine Alternative: Pommes. Feuerwehren besorgen sich deshalb für solche Fälle inzwischen auch Rinderwürste, die es in türkischen Läden gibt.

Und es gibt auch emotionale Hürden, Berührungsängste zu allem, was mit Feuer zu tun hat. Heinemann sagt: „Man muss sich das praktisch vorstellen, da kommt ein 18-jähriger Sohn – ab diesem Alter darf man in die aktive Wehr – nach einem nächtlichen Einsatz verrußt und verschwitzt nach Hause und die Mutter hat sich die ganze Nacht lang Sorgen gemacht hat. In all diesen Fragen bemühen wir uns, Aufklärungsarbeit zu leisten“.

Eigentlich kann eine Jugendfeuerwehr alles bieten, was Kindern wie Jugendlichen Spaß macht: Beschäftigung mit Technik, gemeinsames Erleben, einen Hauch Abenteuer. Und auch das Image der Feuerwehr ist durchweg positiv. Denn Feuerwehrmänner und -frauen sind Helden: Sie löschen Brände, holen Verunglückte aus dem Auto, pumpen Keller bei Sturzregen aus, sind Helfer in (fast) allen Notlagen.

Ein Wissen und eine Praxis, die auch außerhalb der Wehr weiter hilft. „Wer die Jugendfeuerwehr durchlaufen hat“, sagt Heinemann, „hat soziale Kompetenz, ist teamfähig, kann auch mit schwierigen Situationen umgehen“. Eigenschaften, die man auch in der Wirtschaft schätzt. Deshalb sind Heinemann und Weibel überzeugt, die Aufklärungsarbeit werde sich langfristig auszahlen.

Der nächste Termin zum Thema Migration steht schon fest. Am 20. September findet in Rehburg bei Nienburg ein Aktionstag der Niedersächsichen Jugendfeuerwehr statt mit Workshops und einem Rahmenprogramm mit vielen Migrationsorganisationen aus ganz Niedersachsen.

Schon gute Tradition haben für die aktiven Wehren die Kontakte, die durch Städtepartnerschaften entstanden sind wie beispielsweise in Rinteln nach Slawno und Kendal.

Egal, mit wem man bei der Feuerwehr über dieses Thema spricht, man rennt offene Türen ein. Jetzt müssen nur noch mehr Kinder, Jugendliche und erwachsene Männer und Frauen mit Migrationshintergrund bereit sein, durch diese Tür zu gehen.



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