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Ngoc-Thanh Truong verlässt vietnamesische Heimat unter lebensgefährlichen Umständen

Rettung war wie zweite Geburt

Bückeburg. Der in Bückeburg als Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirotherapie praktizierende Vietnamese Ngoc-Thanh Truong zählt gemeinsam mit seiner Frau Linh Nguyen zu den rund 10 000 Boatpeople, die in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren ihrem Heimatland den Rücken gekehrt haben. Was Außenstehenden wie ein weit zurückliegendes, nebenbei erlebtes Abenteuer anmuten mag, hat das Schicksal des heute 58-Jährigen in vielfältiger Weise bestimmt. „Nach drei Tagen auf dem Meer war ich nahezu bewusstlos“, erinnert sich Truong an den April 1980.

veröffentlicht am 12.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:46 Uhr

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Autor:

von Herbert Busch

Der junge Biochemiker dümpelte damals in einem zehn Meter kurzen und zwei Meter schmalen Kutter auf dem Chinesischen Meer. Der kaputte Kahn fasste 65 Menschen, aber bei Weitem nicht genügend Wasser und Verpflegung. Der Dieselmotor des Seelenverkäufers hatte bald nach dem Start seinen Geist aufgegeben. Als Retter in höchster Not erwies sich ein Hubschrauber der deutsch-französischen Hilfsorganisation Cap Anamur, der deren Schiff zu den Flüchtlingen lotste.

Truong erblickte im Mai 1956 im Mekong-Delta das Licht der Welt. Ihm und seinen fünf Geschwistern geriet die Zusammenarbeit des Vaters mit den US-amerikanischen Streitkräften zum Nachteil. Im Anschluss an das Kriegsende lautete 1975 die Devise der kommunistischen Machthaber: Auslöschung der ungewollten Elemente, Bestrafung der Marionettenregierung, Bekämpfung der Kapitalisten, Vertreibung der Chinesen. „Uns blieb nur der Anschluss an eine miserabel ausgerüstete Widerstandsgruppe, Einzelkämpfer ohne Lebensmittel und Waffen, oder die Flucht“, schildert der Mediziner die damaligen Verhältnisse. „Wir entschieden uns für die Flucht, auch weil uns große Teile der Bevölkerung als Deserteure betrachteten.“

Und Flucht bedeutete, zukünftig überall ein Fremder zu sein; bedeutete, Schwierigkeiten bei Ernährung, Sprache und Arbeit in Kauf zu nehmen; bedeutete bange Erinnerungen und Sorgen um die Familie. Dass die Reise in Deutschland ihr Ende finden würde, hatte seinerzeit kaum jemand für möglich gehalten. „Das Ziel war eigentlich Amerika“, erzählt Truong. „Über Deutschland hatte ich bis dahin kaum etwas in Erfahrung gebracht. Man hörte durch die Medien eigentlich nur etwas über das Geschehen im Zweiten Weltkrieg.“ Erst durch die Cap Anamur habe er die andere Seite dieses Landes kennengelernt. „Die Rettung war für mich wie eine zweite Geburt.“

In Deutschland machte er zunächst Bekanntschaft mit dem nordrhein-westfälischen Minden – „eine Stadt mit vielen mitfühlenden Seelen“. „Können alles vergessen, nur die Wohltäter nicht“, zitierte im Februar 1981 die Lokalpresse die insgesamt 54 Neubürger der Weserstadt. Für Truong stand zunächst ein intensiver Sprachkurs auf dem Programm, dann ein Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover. Nach dem erfolgreichen Abschluss folgten Anstellungen an Kliniken in Minden und Bad Oeynhausen sowie die Mitarbeit in einer Gemeinschaftspraxis in Bückeburg. Hier führen Truongs seit Januar 2011 im Haus Herderstraße 1 eine eigene Praxis.

Trotz seiner außergewöhnlichen Herkunft kann der Vater zweier erwachsener Kinder über keinerlei mit seinem Migrationshintergrund zusammenhängende Benachteiligungen berichten. „Unter den Kommunisten haben wir gelitten, hier sind wir sehr zufrieden“, gibt der 58-Jährige zu verstehen. „Wir hatten hier nie Probleme, haben viele deutsche und ausländische Freunde gewonnen und sind gut integriert.“ Angst und Aufregung, aber auch „Freude ohne Ende“ habe ihn jedoch befallen, als er 2005 erstmals seine frühere Heimat besuchte.

Seit einigen Jahren nehmen Vietnam-Reisen einen festen Platz im jährlichen Terminkalender des Arztes ein. „Wir unterstützen dort gemeinsam mit mehreren Patienten Schüler und Studenten“, lässt der vereidigte Dolmetscher wissen. An eine dauerhafte Rückkehr auf die Halbinsel seiner Jugend denkt er allerdings nicht. Zumal mittlerweile alle sechs Geschwister in der Bundesrepublik leben. „Mama ist sehr glücklich“, sagt der Buddhist. Und: „Ich vergesse Vietnam nicht, aber es ist nicht mehr mein Land.“



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