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Umfrage des Paritätischen unter Migranten / Viele wünschen sich kultursensible Pflege

Nur nicht in ein deutsches Altersheim

Weserbergland. In Deutschland alt gewordene Migranten vor allem aus der Türkei wollen sich nicht in deutschen Altenheimen pflegen lassen. Das hat eine, allerdings nicht repräsentative, Umfrage zum Thema „Kultursensible Pflege“ ergeben, die der Paritätische im Landkreis Hameln-Pyrmont hat durchführen lassen. Erfahrungen auch aus Schaumburg zeigen, dass sich die Kernaussagen aber durchaus allgemein übertragen lassen.

veröffentlicht am 03.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.09.2014 um 12:49 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Die Projektleitung hatte die aus der Türkei stammende Krankenschwester Solmaz Yalcin. 600 Fragebögen hatte Solmaz Yalcin verteilt: in den Gesundheitseinrichtungen, bei zwei großen Krankenkassen, in Arztpraxen und bei den Migranten-Selbstorganisationen, wie die Moscheen und Kulturvereine bezeichnet werden. Während der Rücklauf sowohl aus den Gesundheitseinrichtungen, Arztpraxen und Krankenkassen gleich null war, kamen rund 40 Prozent von 300 an die Selbstorganisationen verteilten Fragebögen ausgefüllt zurück.

Zusätzlich befragte Solmaz Yalcin bei Hausbesuchen Migranten, die nicht lesen und schreiben können, aber bereit waren, die Fragen zu beantworten. Insgesamt konnten auf diese Weise am Ende 141 Fragebögen ausgewertet werden, 72 Prozent beantwortet von Migranten mit türkischem Hintergrund, 28 Prozent von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Die größte Gruppe mit 62,7 Prozent bildeten dabei die Muslime einschließlich der Aleviten.

Im Fall einer Pflegebedürftigkeit will sich mehr als die Hälfte der Befragten (56,7 Prozent) in Deutschland pflegen lassen, wobei Migranten aus der ehemaligen UdSSR nicht dorthin zurückkehren können. Nur 8,5 Prozent gaben an, sich gerne in ihrem Herkunftsland pflegen zu lassen. Im Krankheits- oder Pflegefall bevorzugen die Befragten eine Versorgung durch den Ehepartner, aber mehr als ein Viertel (27,7 Prozent) wird bei Krankheit oder im Pflegefall von den eigenen Kindern versorgt.

Auf die Frage „Wissen Sie etwas über das Pflegegesetz?“, antworteten immerhin 24,8 Prozent mit „Ja“, aber fast 75 Prozent mit „Nein“ oder „ein bisschen“. Informationsmaterial erwarten Migranten am ehesten bei ihrem Arzt (37,8 %) oder von den Krankenkassen (23,8 %).

„Der Arzt ist die Vertrauensperson“, interpretierten Solmaz Yalcin und Paritäten-Chef Norbert Raabe dieses Ergebnis. Wobei Raabe sich fragt, ob die Ärzte überhaupt wüssten, welch hohe Erwartungen diese Art Patienten an sie haben. Viele der Befragten gaben zudem aber auch an, dass sie Informationen über das Pflegesystem in ihrer Muttersprache wünschen.

Deutsche Alters- und Pflegeheime müssen sich offenbar noch nicht auf eine Klientel mit Migrationshintergrund einstellen. Auf die Frage „Können Sie sich vorstellen, in einem Altenheim zu leben?“, gab es von 61,7 Prozent der Befragten ein klares „Nein“, knapp ein Viertel beantwortete die Frage mit „vielleicht“. Die Begründung lieferte Solmaz Yalcin vor allem aus ihren selbst durchgeführten Interviews. Da sei man ausgeliefert, erhalte das falsche Essen und habe das Gefühl, das werde nicht gutgehen, berichtete die Projektleiterin. Die Bereitschaft, den Lebensabend in einem Altersheim zu verbringen, sei noch am ehesten vorhanden, wenn der Betreiber selbst Migrant sei oder die entsprechenden Bedürfnisse berücksichtigt würden, berichtete Solmaz Yalcin.

Bei einer kultursensiblen Pflege müssen nach Ansicht der Befragten vor allem der religiöse Hintergrund der zu Pflegenden und die religiösen Vorschriften beachtet werden. Deshalb wäre es für 88,1 Prozent der Befragten auch wichtig, dass ein Pflegedienst bestimmte Tageszeiten oder Zeiträume beachten müsse, beispielsweise, um die Gebetszeiten einhalten zu können. Als positiv wurde auch dieselbe Religion und Sprache von Pfleger und Patient bewertet; wichtig ist vor allem Frauen die Pflege durch eine weibliche Fachkraft; bei Männern spielt dies kaum eine Rolle. Eine wichtige Konsequenz aus den Ergebnissen der Befragung muss nach Ansicht von Norbert Raabe sein, dass dem wachsenden Anteil älterer Migranten der Zugang zur deutschen Gesundheits- und Altersversorgung erleichtert und damit auch die Akzeptanz und das Vertrauen dieser Menschen in das deutsche Gesundheitssystem gestärkt wird.

Einen Boom erlebten im Übrigen derzeit ambulante Pflegedienste, die „kultursensible Pflege“ anböten, berichtete der Integrationsbeauftragte Dr. Feyzullah Gökdemir aus Beobachtungen in Hannover. Im Weserbergland gibt es ein entsprechendes Angebot derzeit offenbar nur in Rinteln vom Pflegedienst „I&K – Ambulante Pflege“ der beiden Brüder Aziz und Cem Ipek. „Wir haben derzeit 180 Patienten zwischen Bad Nenndorf und Bad Pyrmont“, berichtete Aziz Ipek auf Anfrage. Zu seinen 180 Mitarbeitern gehören auch türkische, polnische und russische Pflegefachkräfte.

Vor allem sein Bruder Cem sorge als gläubiger Muslim dafür, dass während des Aufnahmeprozesses religiös oder ethnisch bestimmte Bedürfnisse aufgenommen und dann bei der Pflege beachtet würden, erklärte Aziz Ipek das Vorgehen des Pflegedienstes. Zu ihren Kunden gehörten auch Muslime, Zeugen Jehovas und Baptisten.

Die aus der Türkei stammende Suna Baris pflegt ihre aufgrund eines Schlaganfalls halbseitig gelähmte Mutter Aysel Baris bereits seit mehr als zwei Jahren daheim.wft



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