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SZ/LZ-Serie „So bunt ist Schaumburg“: Migranten in der Altenpflege – als Angestellte und Klienten

Nur bunt sollte das Kopftuch sein

Landkreis. Viele Zuwanderer, die etwa noch als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, gehen im Alter nicht mehr in ihre erste Heimat zurück, sondern bleiben hier. Das heißt, dass immer mehr pflegebedürftige Menschen im Alter einen Migrationshintergrund haben. Gleichzeitig lassen sich auch immer mehr Migranten zu Altenpflegern ausbilden. Unsere Zeitung ist der Frage nachgegangen, welche Besonderheiten im Alltag damit einhergehen.

veröffentlicht am 20.10.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 20.10.2014 um 15:24 Uhr

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Autor:

Michael Werk

Bis eine türkische Familie den Offenbarungseid abgibt und sagt, wir schaffen das mit der Pflege nicht mehr, da müssen schon Himmel und Hölle zusammenbrechen. Denn das wird als Schande empfunden“, sagt Aziz Ipek, diplomierter Pflegewirt (FH) und geschäftsführender Gesellschafter der in der Konrad-Adenauer-Straße 7 in Rinteln ansässigen I&K Ambulante Pflege GmbH. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass viele russische Familien eine ähnliche Einstellung haben. Das bedeutet: „Solange die Strukturen in den Familien vorhanden sind, versorgen sie ihre Senioren ebenfalls bis zu deren Lebensende.“

Doch dieses Modell ist nicht in Beton gegossen: Probleme ergeben sich heutzutage dann, wenn in den Familien die für die häusliche Pflege erforderlichen „Gefüge“ nicht mehr vorhanden sind. Sei es, weil die Kinder und Enkel der pflegebedürftigen Großeltern wegziehen mussten, um eine Arbeit zu finden oder dieser hinterherzuziehen. Oder etwa weil in den jungen Familien beide Elternteile – also der Vater und die Mutter – arbeiten müssen, damit das gemeinsam erwirtschaftete Geld zum Überleben reicht, und sie deshalb keine Zeit für die häusliche Pflege ihrer Angehörigen haben.

In solchen Fällen, in denen das traditionelle System nicht mehr funktioniert oder die pflegenden Familienangehörigen (üblicherweise die Frauen und Mädchen) an ihre Grenzen kommen, springen Pflegedienstleister wie die I&K Ambulante Pflege ein.

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  • In einem Unterrichtsraum der BBS Rinteln zeigen die beiden angehenden Examinierten Altenpflegerinnen Aysel Balci (l.) und die aus einem russischsprachigen Land stammende Elmira Zoschke an einer speziellen Puppe, wie bettlägerige Senioren fachgerecht gewaschen werden. wk (2)

Was den Anteil der Migranten an der Gesamtzahl seiner Klienten betrifft, betreue man aktuell rund 30 türkischstämmige Personen, von denen circa 20 noch in „familiären Gefügen“ leben, berichtet Aziz Ipek. Von seinen ausgebildeten Pflegekräften übernommen wird dabei vor allem die „behandlungspflegerische Versorgung“ der Klienten, zu der unter anderem die Gabe von Medikamenten, Verbandswechsel und das Legen von Kathetern gehören. Ebenso die Palliativpflege, wenn dies geboten ist.

Die weiblichen Familienangehörigen der zu pflegenden Personen kümmern sich dagegen nach Möglichkeit weiterhin um all die anderen Aufgaben – so etwa um die Körperhygiene und die Ernährung der Senioren –, während die männlichen Familienangehörigen mitunter den hauswirtschaftlichen Part erledigen, zum Beispiel das Einkaufen und das Aufräumen der Wohnung.

„Die pflegerischen Arbeiten sind für uns ja Routinearbeiten, aber wenn die alten Menschen Sorgen haben, oder beispielsweise hinsichtlich der Pflegekasse rechtliche Fragen zu klären sind, dann ist es schon wichtig, dass bei uns ein türkischer Hintergrund vorhanden ist“, führt Aziz Ipek weiter aus. Denn zum einen könne man sich dadurch besser in die Gefühlslage der betroffenen Senioren hineinversetzen und zum anderen schaffe dies auch mehr Vertrauen.

Nicht zuletzt aus diesen Gründen hat das (im ambulanten Pflegedienst rund 195 Mitarbeiter, davon zehn Prozent männliche Mitarbeiter, beschäftigende) Rintelner Unternehmen einige „spezielle Betreuungskräfte“ für türkisch- und russischsprachige Klienten im Einsatz, die sich – als mit den kulturellen Besonderheiten vertraute Muttersprachler – um diese Kundengruppe kümmern. Wobei die zu pflegenden Migranten „keinen Sonderstatus“ bei der vom Personal her „multinational“ aufgestellten I&K Ambulante Pflege GmbH innehaben, wenngleich man aber selbstverständlich auf deren persönliche Belange Rücksicht nehme, betont Aziz Ipek.

Dass die Pflegekräfte den gleichen Migrationshintergrund wie die zu betreuenden Kunden haben, ist jedoch kein Muss. Im Gegenteil: „Die türkischen Klienten haben sehr gerne deutsche Pflegekräfte, da diese sehr akkurat, gebildet und kultursensibel sind“, sagt der 41-Jährige. Denn: „Viele Migranten sind ja assimiliert.“ Und: „Die hier lebenden Türken sind meistens deutscher geworden, als es ihnen bewusst ist!“

Den umgekehrten Fall, also dass deutsche Senioren von Pflegekräften mit Migrationshintergrund betreut werden, gibt es auch. Und Sabine Nolte, die bei den Berufsbildenden Schulen (BBS) Rinteln die Leitung der Abteilung Altenpflege innehat, weiß hierzu – bezogen auf die Absolventen der dortigen Berufsausbildung – nur Gutes zu berichten: Probleme habe man mit den Migranten unter den Schülern bislang noch nicht gehabt – ganz im Gegenteil, meint sie. Üblicherweise seien diese nämlich sehr ehrgeizig und mit Interesse bei der Sache.

Eine wichtige Voraussetzung, um die „anspruchsvolle Ausbildung“ bestehen zu können, sei allerdings das Beherrschen der deutschen Sprache. Denn andernfalls falle es den Teilnehmern schwer, dem Unterricht inhaltlich zu folgen sowie sich fachlich korrekt und fehlerfrei auszudrücken. Etwa bei Klausuren und Hausarbeiten in der Schule, aber beispielsweise auch beim Dokumentieren von durchgeführten Pflegemaßnahmen, was in der Praxis zu den täglichen Pflichten der Pflegekräfte gehört.

Aber: „Wenn wir helfen können, machen wir das gerne“, sagt Sabine Nolte. So bieten die BBS Rinteln den Altenpflegeschülern bei Bedarf einen ergänzenden Förderunterricht an, im Rahmen dessen die Teilnehmer sowohl ihre Deutschkenntnisse als auch ihre Kenntnisse der – ebenfalls auf dem Lehrplan stehenden – englischen Sprache verbessern können. Und bei denen, die dieses Angebot angenommen haben, da hat es mit der dreijährigen Berufsausbildung zum examinierten Altenpfleger bislang immer gut geklappt, berichtet die BBS-Mitarbeiterin.

Während der sechsmonatigen Probezeit eines jeden Ausbildungsjahrganges verzeichne man indes eine rund 20-prozentige Fluktuation, wobei es verschiedene Gründe gebe, warum die Altenpflegeschüler ihre Ausbildung abbrechen. Nach der Probezeit steige in der Regel jedoch keiner mehr aus. Motivierend mag hier auch wirken, dass die examinierten Altenpfleger laut Nolte auf dem Arbeitsmarkt „mit Kusshand genommen“ werden, beziehungsweise die Übernahmequote bei 100 Prozent liegt. Noch ein paar ergänzende Zahlen: Alle drei Ausbildungsjahre zusammengerechnet, durchlaufen derzeit 81 Altenpflegeschüler (überwiegend Frauen) bei den BBS Rinteln eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger. Davon haben zwei Schülerinnen einen türkischen Migrationshintergrund, fünf stammen aus russischsprachigen Ländern und eine Schülerin hat familiäre Wurzeln in Italien.

Aysel Balci ist eine der beiden Auszubildenden mit türkischer Abstammung. Schon früh wusste sie, dass sie in einem der vielen Gesundheitsberufe tätig sein möchte. Ein vierwöchiges Praktikum bei dem von deutschen Senioren bewohnten Altenheim, in dem sie mittlerweile den praktischen Teil ihrer Berufsausbildung absolviert, hatte sie darin bestärkt, examinierte Altenpflegerin zu werden: „Die Arbeit ist sehr interessant, und jeden Tag lernt man etwas dazu“, begründet die 20-Jährige ihre Entscheidung. „Außerdem macht es mir Spaß, mit alten Menschen zu arbeiten.“

In der Bevölkerung werde dieser Beruf allerdings oftmals unterschätzt, führt Aysel Balci weiter aus. Denn als examinierte Pflegekraft sei man ja nicht den ganzen Tag über mit der Körperhygiene der Heimbewohner befasst. Vielmehr kümmere man sich – anders als die geringer qualifizierten Pflegeassistenten – auch um die „Behandlungspflege“ der anvertrauten Menschen, indem man ihnen etwa Insulinspritzen verabreicht, Infusionen setzt oder eben Katheter anlegt: „Das ist auch eine große Verantwortung“, betont sie.

Das Kopftuch, das Aysel Balci ständig trägt und anhand dessen sie als Muslima zu erkennen ist, war übrigens nur am Anfang ihres damaligen Praktikums ein Thema. Darauf von den Altenheimbewohnern angesprochen, hatte sie deren Fragen offen beantwortet, womit dieses Thema auch schon wieder erledigt war, zumal da sie mit ihrer sympathischen Art und der Qualität ihrer Arbeit in kurzer Zeit eine große Akzeptanz bei den Senioren erlangt hat. „Sie zeigt wirklich einen professionellen Umgang in der Pflege“, bestätigt Sabine Nolte.

Exemplarisch verweist die BBS-Lehrerin darauf, dass Aysel Balci sofort Abstand davon genommen hat, bei der Arbeit ein schwarzes Kopftuch zu tragen, nachdem ihr gesagt worden sei, dass die Farbe Schwarz bei den alten Leuten „negative Assoziationen“ – sprich: Gedanken an Tod, Beerdigung und Trauer – auslösen könne. Seitdem trägt sie in dem Altenheim nur noch bunte Kopftücher.



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