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Weil Mediziner fehlen, kommen junge Ärzte oft aus dem Ausland – nicht immer sind sie auch geeignet

Mangelware

Stadthagen. Nein, das Gefühl von Heimweh beschleicht sie eigentlich nie, sagt Rita Lisuina. Nur manchmal, nicht sehr oft, da habe sie das Gefühl, dass „ich jetzt gern zu Hause wäre“. Als Zuhause bezeichnet Rita Lisuina den Wohnort ihrer Eltern in Lepaja an der lettischen Ostseeküste. Höchstens einmal im Jahr kehrt sie dahin zurück. Für häufigere Reisen in ihre Heimat nach Lettland reicht meistens die freie Zeit nicht aus. Die 28-Jährige ist Medizinerin, Assistenzärztin am Kreiskrankenhaus in Stadthagen. Die junge Lettin gehört zu den Medizinern mit Migrationshintergrund, die gleich nach dem Studium in einem deutschen Krankenhaus eine Anstellung gefunden haben. Seit knapp drei Jahren lebt Rita Lisuina nun schon in der Kreisstadt.

veröffentlicht am 07.10.2014 um 00:01 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:13 Uhr

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Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Junge Ärzte, gut ausgebildet zudem, sind Mangelware in der deutschen Kliniklandschaft. Seit vielen Jahren schon klagen Krankenhäuser über zu wenig Nachwuchs beim medizinischen Personal. „Wir marschieren in einen enormen Mangel“, bestätigt Klinikumsgeschäftsführer Dr. Achim Rogge. Wenige junge Ärzte haben in der Vergangenheit nach Schaumburg kommen wollen, sagt er. Das habe insbesondere an der Größe der Krankenhäuser gelegen. Um Assistenzärzte anleiten zu dürfen, bräuchten Chefärzte sogenannte Weiterbildungsberechtigungen, erklärt er. Und das sei in den kleinen Häusern eben viel seltener zu realisieren.

Die Gründe des Mangels liegen also nicht zwingend in der vermeintlichen Unattraktivität ländlicher Regionen, sondern eher in den Perspektiven der persönlichen Karriereplanung. Bei Rita Lisuina waren es die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich in einer deutschen Klinik angeboten haben. Zwar gebe es in Lettland „die gleichen Grundvoraussetzungen“ für die medizinische Arbeit, sagt sie, aber weil Deutschland ein viel größeres Land als Lettland ist, habe sie dementsprechend ein größeres Angebot bei der Wahl der späteren Fachrichtung gehabt, meint die angehende Internistin.

Nach vier Jahren Medizinstudium in der lettischen Hauptstadt Riga wechselte sie zunächst für zwei Auslandssemester an die Universität Lübeck und beendete ihr Studium dort. Auf dem lettischen Gesundheitsmarkt brauchte sich Rita Lisuina gar nicht erst bewerben – in Stadthagen ist die Lettin sofort eingestellt worden.

Viele Bewerber entsprächen „unseren Anforderungen“, erklärt der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Inneren Medizin, Dr. Lutz Dammenhayn. Die größte Barriere sei die Sprache. Deshalb müssten alle Bewerber vor einer Einstellung einen Sprachtest ablegen und darin fließende Verständigung im Deutschen nachweisen. Rita Lisuina habe von Beginn an wenig Schwierigkeiten gehabt, sagt Dammenhayn. „Einige tun sich da schwerer.“

Aus dem Ausland gebe es gewöhnlich zwar „massenhaft Bewerbungen“; der Anteil von Ärzten mit Migrationshintergrund ist in den drei Schaumburger Krankenhäusern dennoch gering. Im Krankenhaus Bethel in Bückeburg liege er bei 13 Prozent; in den Kreiskrankenhäusern Rinteln und Stadthagen hat nach Angaben des Klinikums Schaumburg etwa jeder fünfte Arzt Wurzeln im Ausland.

In Dammenhayns E-Mail-Postfach gehen wöchentlich etwa fünf Bewerbungen von ausländischen Ärzten ein. Den überwiegenden Teil davon verschiebt der Ärztliche Direktor nach der ersten Sichtung gleich als ungeeignet in den Papierkorb. „Die haben zwar ein Zertifikat, aber die Ausbildungsstandards sind eben nicht überall dieselben.“

Mittlerweile ist die Krankenhausleitung dazu übergegangen, Bewerber nicht mehr selbst zu suchen. Sie arbeitet mit einer Agentur zusammen, die bei Bedarf Ärzte nach Schaumburg vermittelt. Überwiegend in Osteuropa gehen die Personalvermittler auf Nachwuchssuche. „Es kommt vor, dass auch nicht so gute Bewerber dabei sind“, berichtet Dammenhayn. Sprache sei eben ein zentrales Thema in den Krankenhäusern.

Dazu kämen kulturelle Unterschiede: Russen etwa seien es gewohnt, „mehr direktiv“ auf die Patienten zuzugehen. Bei deutschen Medizinern sei es üblich, „eher partnerschaftlich“ mit den Kranken umzugehen. „Das führt manchmal auch zu Problemen“, sagt der Chefarzt. „Der Patient ist dann völlig irritiert.“

Rita Lisuina, die nach drei Jahren in Stadthagen zwar immer noch mit einem Akzent, aber fließend Deutsch spricht, fehlen trotzdem manchmal die Worte. „Ich weiß dann, was ich sagen will, aber mir fällt das richtige Wort nicht ein“, meint sie.

Die 28-Jährige versteht ihre Patienten auch dann, wenn mal das richtige Wort fehlt – daran lässt Rita Lisuina jedenfalls keinen Zweifel. Damit das allen ausländischen Medizinern, die in Deutschland arbeiten, so ergehen kann, wurde Mitte dieses Jahres eine alle Bundesländer übergreifende Regelung beschlossen, wonach eine einheitliche Prüfung für die Zulassung ausländischer Mediziner eingeführt werden soll. Ein Zeitpunkt dafür ist bislang nicht bekannt.



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