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Mit dem Rentenalter stellt sich vielen Migranten die Frage: Zurück ins Herkunftsland oder bleiben?

Heimat hier oder Heimat dort?

Rinteln. Sie gehören zum Stadtbild, ebenso selbstverständlich wie die zahllosen Fahrradtouristen. Ältere Herren, manche mit einem Rosenkranz in der Hand, die vor Backshops oder Cafés sitzen; Frauen mit oder ohne Kopftuch, die sich in Gruppen angeregt unterhalten. Begonnen haben die meisten ihr Leben in Deutschland als Gastarbeiter, geplant war lediglich ein kurzer Arbeitsaufenthalt. Über mehr machte man sich keine Gedanken.

veröffentlicht am 01.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 22.09.2014 um 11:35 Uhr

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Autor:

von Jakob Gokl

Heute sitzen sie hier im hohen Alter und genießen ihren Ruhestand in einem Land, dessen Staatsangehörigkeit sie in vielen Fällen nicht besitzen. In einem Staat, für den sie aber den Großteil ihres Lebens gearbeitet, Steuern gezahlt und das öffentliche Leben mitgestaltet haben. Andere wiederum sind mit dem über Jahrzehnte erarbeiteten Geld zurück in die Heimat gegangen, verbringen ihren Ruhestand dort, wo sie vor 40 Jahren begonnen haben. Burhan Özalpuk und Mijo Gaspar haben sich nach ihrer Zeit in Rinteln unterschiedlich entschieden.

Für Özalpuk, der mit langsamer, ruhiger Stimme von seinem Leben erzählt, stellte sich die Frage, zurück in die Türkei zu ziehen bisher noch nicht. „Ich bin doch glücklich hier.“ Mit 29 Jahren und einem Ein-Jahres-Vertrag bei einer Teppichfabrik begann der gebürtige Türke seine Existenz in Deutschland. „Es war das Interesse für Europa“, betont er, das ihn nach Deutschland geführt habe, „nicht das Geld“. Doch dann kam der Jom-Kippur-Krieg, die Weltwirtschaft wankte, die Aufträge bei seinem Arbeitgeber brachen ein. Aber Özalpuk blieb in Deutschland. Später fand er Anstellungen in der Kunststoffproduktion, bei der Firma Vogt in Krankenhagen und der Firma Gerdes in Bösingfeld. Doch sein Arbeitsleben, das scheint den seit 2009 im Ruhestand lebenden Rintelner heute kaum noch zu beschäftigen. Viel wichtiger ist ihm das menschliche Miteinander. „Ohne Geld kann man leben“, sagt er, „aber ohne Bildung nicht.“ Er ist stolz auf seine Kinder, die etwas aus sich gemacht haben. Sein Sohn, der arbeitet als Radiologe, seine Tochter ist Sozialpädagogin. Beide gingen in Rinteln aufs Gymnasium. Für Özalpuk selbstverständlich, dass er dann auch im Förderverein tätig wurde. „Und in dem bleibe ich, bis ich sterbe“, sagt er. Denn nicht nur das Schicksal seiner Kinder, sondern das von allen liegt ihm am Herzen. „Ohne Kinder macht alles keinen Sinn“, sagt er in seinem markant-gebrochenen Deutsch. Er, als Migrant erster Generation, habe nie die Chance gehabt, richtig Deutsch zu lernen. Bei der zweiten Generation sei das anders gewesen. Und auch wenn der Zusammenhalt unter den türkischen Gastarbeitern noch außerordentlich gut gewesen sei, als Özalpuks erste Rintelner Wohnung kurz nach dem Einzug abbrannte, waren es seine deutschen Nachbarn, die ihn aufnahmen, und mit Kleidung, Essen und allem für das Leben Notwendige eindeckten.

Was er vermisst, das ist vor allem das Meer und den großen Hafen seiner Heimatstadt Izmir, der drittgrößten Stadt der Türkei. „Dann gehe ich an der Weser entlang, und die Erinnerung kommt hoch“, erzählt er.

Mijo Gaspar dagegen wird das Meer in seinem Leben wohl nicht noch einmal vermissen. Er hat, nachdem er sein Rintelner Restaurant „Croatia“ 2002 an seinen Sohn übergeben hatte, den Sprung zurück nach Kroatien gewagt. Doch dort liegt er heute nicht den ganzen Tag am Strand auf der faulen Haut. Mit dem in Rinteln erwirtschafteten Geld kaufte er bereits 1980 in seiner Heimatstadt ein Grundstück, um dort ein Gasthaus zu eröffnen. „Da kam der blöde Krieg in Jugoslawien. Und was wollte ich mit einem Speiselokal ohne Gäste“, erzählt Gaspar. Also wurden die Pläne aufgeschoben. Aber nicht aufgehoben. Heute hat er eine Pension mit 30 Betten, nur 90 Meter vom Strand entfernt. „Wir verdienen gut“, freut er sich. Auch viele Gäste aus Rinteln genießen die Gastfreundschaft ihres ehemaligen Mitbürgers.

„Außerdem bin ich fast jedes Jahr für zwei Monate in Rinteln. Auch meine Rente bekomme ich in Deutschland.“ Bis heute habe er sein Konto bei der hiesigen Sparkasse. Ähnlich bei seiner Frau. Probleme damit, dass er in Kroatien lebe, gebe es da nicht. Auch bevor Kroatien ein Teil der EU wurde, sei das nicht der Fall gewesen. Nachdem Gaspar 1964 aus der kroatischen Marine entlassen wurde, zog es ihn in die Ferne. „Mir gefiel das kommunistische Klima nicht, man durfte nichts offen sagen. Und natürlich wegen dem Geld“, sagt er heute. Gedanken über eine Heimkehr machte er sich damals noch nicht. „Ich war jung, da denkt man darüber nicht nach.“ Trotzdem war für ihn immer klar, seinen kroatischen Pass zu behalten. „So viele haben ihr Leben gelassen, für das eigene Land.“ Außerdem habe er in Deutschland doch alle Rechte. Nur wählen dürfe er nicht, aber das war ihm nie ein Anliegen. „Ich liebe ja Deutschland, nur Kroatien eben ein bisschen mehr.“ Und einen kleinen Seitenhieb muss er sich dann doch noch erlauben: „Bei uns hat es seit Monaten keinen Tropfen geregnet. Ich kann jeden Tag schwimmen gehen und bin gesund wie ein Kind.“

Am Marktplatz, seinem Lieblingsort in Rinteln, genießt Burhan Özalpuk seinen Ruhestand.jak/pr



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