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SZ/LZ-Serie „So bunt ist Schaumburg“: Betina Hartmann im Interview zu ihrer Arbeit als Integrationsbeauftragte

„Einige haben auch Angst vor Fremdheit“

Landkreis. Betina Hartmann ist die Integrationsbeauftragte des Landkreises Schaumburg. Noch. Denn schon jetzt arbeitet sie nur noch fünf statt der ehemals 25 Stunden die Woche für den Landkreis. Die Stelle der Integrationsbeauftragten bleibt jedoch erhalten. Eine Nachfolgerin gibt es bereits und soll in Kürze vorgestellt werden. Derweil hat Hartmann im Mai eine Stelle im Niedersächsischen Sozialministerium in Hannover übernommen, wo sie für den Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen arbeitet. Im Interview mit unserer Zeitung lässt Hartmann ihre achteinhalb Jahre als Integrationsbeauftragte Revue passieren.

veröffentlicht am 09.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Was ist die Aufgabe einer Integrationsbeauftragten?

Damals wurden die Aufgaben vom Niedersächsischen Innenministerium vorgegeben: von der kommunalen Steuerung der Erstintegration nach dem Zuwanderungsgesetz über die Feststellung von Integrationsdefiziten bis zur Öffentlichkeitsarbeit. In der konkreten Umsetzung dann hat sich sehr schnell gezeigt, dass Integration eine Querschnittsaufgabe ist, die in fast alle Bereiche einer Kommunalverwaltung wirkt. Vorrangige Aufgabe war es, alle Integrationsakteure kennenzulernen, zu erfahren, wie sie miteinander vernetzt sind, was es noch braucht, um gemeinsam zielorientiert agieren zu können und Menschen Mut zu machen, sich zu engagieren. Ansprechpartner in verschiedenen Institutionen zu haben, war genauso wichtig wie Menschen zu finden, die bereit sind, Projekte mit zu fördern und zu unterstützen.

Welche Erfahrungen haben Sie 2005 für die Stelle in Schaumburg mitgebracht – oder war es für Sie ein Sprung ins kalte Wasser?

Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Als abgeordnete Landesbedienstete in einer Kommune zu arbeiten, birgt schon gewisse Herausforderungen. Außer meiner 20-jährigen Verwaltungserfahrung hatte ich keine Kenntnisse. Hilfreich waren aus meiner Sicht, meine Erfahrungen mit Menschen und Gruppen, die ich durch meine Tätigkeit im Fortbildungsbereich im Studieninstitut des Landes Niedersachsen in Bad Münder gemacht habe, die Tatsache, dass ich im Landkreis Schaumburg aufgewachsen bin und jetzt hier lebe und dadurch viele Menschen kenne, und vor allem, dass ich neuen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen bin, auf Menschen zugehen und gut vernetzen kann und Synergieeffekte nutze.

Was für Projekte haben Sie in Ihrer Zeit in Schaumburg ins Leben gerufen?

Die Liste der Projekte ist sehr umfangreich – immerhin waren es achteinhalb Jahre. Ich habe immer versucht, gemeinsam mit Kooperationspartnern Projekte anzuschieben, die diese dann in der Zukunft selber weiter gestalten können. Nennen möchte ich die Integrations- und Elternlotsen in Kooperation mit der VHS, dem Präventionsrat Lindhorst und der Oberschule am Schlosspark. Lotsen sind Menschen, die ehrenamtlich Menschen mit Migrationshintergrund unterstützen. Das erste Projekt startete 2006. Mittlerweile haben wir insgesamt fünf Integrationslotsen und zwei Elternlotsenprojekte durchgeführt. Heute laufen regelmäßige Netzwerktreffen aller Lotsen in Form von Nachhaltigkeitsschulungen.

Was machen „Elternlotsen“ eigentlich?

Elternlotsen sind Ehrenamtliche, die Menschen mit Migrationshintergrund unterstützen, dies aber in erster Linie für, mit und in einer Schule machen. Anliegen der Elternlotsen und der Schulen sind: Eltern mit Sprachschwierigkeiten bei Elternsprechtagen, an Elternabenden und sonstigen Veranstaltungen als Übersetzer behilflich zu sein, Eltern über das hiesige Bildungssystem zu informieren, generelle Eltern zu motivieren, sich auf dem Bildungsweg ihrer Kinder einzubringen. An der Oberschule am Schlosspark wird auf Initiative der Elternlotsen einmal im Monat ein gesundes Frühstück für die Schüler angeboten. Ein tolles Projekt mit einer Lotsin und einem Kindergarten war „Mama lernt Deutsch und mehr“, das über einige Jahre erfolgreich durchgeführt wurde.
Und dabei ging es um was?

Die Eltern sind der Schlüssel für den Bildungserfolg der Kinder. Deshalb sollen gerade Mütter in das Geschehen der Kindertagesstätte (Kita) eingebunden werden und dabei auch noch Deutsch lernen. Es liegt kein starres Konzept zugrunde: Einmal in der Woche treffen sich Mütter auf freiwilliger Basis in der Kita. Sie singen und spielen gemeinsam, lernen in Übungen den Umgang mit Sprache und somit auch die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen. Sie lernen alltägliche Dinge, machen Exkursionen zur Bücherei, zur Bank oder zu bestimmten Treffen für Frauen. Ziel ist es, die Mütter zu stärken, ihnen Selbstvertrauen in das eigene Handeln zu geben und Mut zu machen, selber aktiv zu werden. Dieses Projekt, das ungefähr fünf Jahre lief, gibt es aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Außerdem gibt es die „Interkulturellen Wochen“, ein Projekt, das dieses Jahr zum achten Mal stattfindet. Hier wirken viele Akteure mit, ständige Kooperationspartner sind in jedem Fall die Alte Polizei und die Arbeiterwohlfahrt (AWO). Total klasse war auch der Jugendkongress 2012, der in Kooperation mit der Kreisjugendpflege durchgeführt wurde. Schüler der Jahrgänge 7 und 8 erlebten Demokratie und Vielfalt im Jugend-, Bildungs- und Freizeit-Centrum.

Was hat der Jugendkongress mit Integration zu tun?

Ganz viel. Integration beinhaltet den Umgang mit Vielfalt, mit demokratischen Entscheidungen und Respekt untereinander. In verschiedenen Workshops wurden unterschiedliche Themen, wie Rassismus, Extremismus, Respekt, Toleranz, Zivilcourage, Ausgrenzung und so weiter behandelt, um Jugendlichen bestimmte Dinge bewusst zu machen und sie im Umgang damit zu stärken. Gerne erinnere ich mich auch an die Projekte für Frauen, die wir gemeinsam mit dem Integrationsbeirat der Stadt Stadthagen und der Alten Polizei organisert haben: Fahrrad- und Schwimmkurse und ein immer noch währender Nähkurs für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund in der Alten Polizei.
Woran erinnern Sie sich nicht so gern?

Ich erinnere mich nicht so gerne an das letzte Jahr. Da wurde auf Landesebene die Entscheidung getroffen, die bestehenden „Leitstellen“ entsprechend der zwischen Land und Landkreis getroffenen Vereinbarungen aufzukündigen, um niedersachsenweit „Koordinierungsstellen für Migration und Teilhabe“ einzurichten. Das war ein nervenaufreibender Prozess, weil es zumindest in meinem Fall hin und her ging. Am Ende hätte ich nur zu für mich ungünstigeren Konditionen bleiben können. Und das wollte ich nicht. Schade, es war eine tolle Tätigkeit.

Vor welchen besonderen Herausforderungen steht Schaumburg in puncto Migration beziehungsweise und Integration?

Der Landkreis steht im Moment vor der großen Herausforderung, die Flüchtlinge und Asylbewerber so gut wie möglich unterzubringen und in Schaumburg einzubinden. Dafür gibt es seit Jahren viele gute Angebote, die immer wieder verbessert werden. Fakt ist allerdings, die Menschen, die sich nicht integrieren wollen, können auch nicht integriert werden, egal was man macht. Das muss man einfach berücksichtigen.

Warum wollen sich manche Menschen nicht integrieren?

Diese Frage kann ich leider nicht beantworten, weil ich es nicht weiß. Es ist schwierig, zu hinterfragen, warum jemand etwas nicht möchte, wenn er oder sie sich nicht öffnet.

Von deutscher Seite aus gibt es keine Hindernisse?

Natürlich gibt es diese Hindernisse, die vielfach auf Vorurteilen basieren. Ich kann vieles davon nicht teilen. Ist es nicht toll, wenn jemand schon mehrere Sprachen sprechen kann, offen ist und Hintergrundwissen einbringen kann? Ich wünsche mir sehr, dass Vielfalt, Migrationshintergründe und andere Kulturen als Chance und Bereicherung empfunden werden und diese Potenziale auch genutzt werden würden.

Noch mal zu den Flüchtlingen: Der Landkreis hat derzeit alle Mühe, die vielen Flüchtlinge dem Leverkusener Modell entsprechend dezentral unterzubringen. Offenbar sind nicht ausreichend Schaumburger bereit, ihre Wohnungen dem Landkreis und damit Asylbewerbern zur Verfügung zu stellen. Was können Sie als Integrationsbeauftragte in diesem Fall tun?

Ich kann eigentlich wenig machen, weil jeder Schaumburger selber entscheidet, ob und wem er Wohnungen vermietet. Ich habe in der Vergangenheit immer darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, die Schaumburger Bevölkerung detailliert über das gesamte Prozedere im Zusammenhang mit der Aufnahme und Unterbringung von Asylsuchenden zu informieren und offen mit Fragen umzugehen. Aus meiner Sicht würden sich Info-Veranstaltungen anbieten. Viele Menschen sind verunsichert, auch durch das, was in den Medien zu lesen und zu hören ist. Einige haben auch Angst vor Fremdheit.

Es heißt, die Vorbehalte seitens der Vermieter seien schwarzen Afrikanern gegenüber besonders groß. Wo fängt die Integrationsarbeit an?

Ich würde versuchen, zunächst Treffen zu organisieren, in denen über die Herkunftsländer der Afrikaner erzählt wird, Menschen, die Erfahrungen im Umgang mit diesen Personen haben, berichten können und Fragen beantworten können. Dadurch sollen einfach Ängste abgebaut werden. Wie aber bei allen Menschen auf dieser Welt, kann man jedem nur vor den Kopf und nicht dahinter gucken. Ob die Vorbehalte dann abgebaut sind, ob sich alle Menschen auch so verhalten, wie es angekündigt wurde, zeigt sich erst hinterher. Aber ein Versuch ist es immer wert, Türen zu öffnen.

Sollten an solchen Treffen nicht auch Afrikaner teilnehmen, anstatt nur über sie zu sprechen?

Ich denke, es wäre gut, Afrikaner, die schon längere Zeit hier sind, in solche Veranstaltungen einzubinden, damit sie ihre Erfahrungen, Anregungen und Ideen weitergeben oder einbringen könnten. Menschen, die gerade hier ankommen und nichts kennen, können wenig mit einer Informationsveranstaltung anfangen. Sie zu informieren, wäre dann der nächste Schritt und wird ja auch bereits durch die Flüchtlingssozialberatung der AWO gemacht.



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