weather-image
„...die auch durch Disziplinlosigkeit auffiel“: Juventus wurde aus Rezession geboren

„Eine Mannschaft mit Hitzköpfen“

Obernkirchen. Die 1950-er und 1960-er Jahre waren die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Nicht zuletzt aufgrund des erforderlichen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg brummte die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen aller Art. Um den großen Bedarf an Arbeitskräften seitens etwa der Industrie zu decken (es herrschte Vollbeschäftigung), wurden damals im großen Stil „Gastarbeiter“ ins Land geholt – darunter zahlreiche Italiener, von denen einige eine Beschäftigung bei der Obernkirchener Glasfabrik fanden. Untergebracht wurden diese italienischen Gastarbeiter seinerzeit in der Nähe des Betriebsgeländes in Wohnheimen in der Piepenbreite.

veröffentlicht am 18.09.2014 um 23:59 Uhr

270_008_7422583_oMigranten_Juventus_1109.jpg

Autor:

Michael Werk

Ein allgemeiner konjunktureller Abschwung in den Jahren 1966 und 1967 war dann sozusagen der Geburtshelfer für die Gründung der Herren-Fußballmannschaft „Juventus Obernkirchen“. Denn „nachdem die Krise im zweiten Halbjahr 1966 bei Obernkirchens größtem Arbeitgeber Heye-Glas die Anzahl der dort beschäftigten Italienern halbiert hatte, schob sich die Frage der Freizeitgestaltung immer mehr in den Vordergrund“. So jedenfalls ist es auf der Homepage der Kicker zu lesen, die formal zunächst als „II. Herrenmannschaft“ des SV Krainhagen gestartet waren, sich kurze Zeit später aber im Sportverein Obernkirchen organisierten (bis 1989), dann als eigenständiger Verein liefen und seit 2000 als Sparte dem MTV Obernkirchen angeschlossen sind.

Michele Massaro kann sich selbst zwar nicht aus eigener Anschauung an die Anfänge erinnern, da er damals noch nicht mal geboren war. Von seinem Vater und anderen Gründungsmitgliedern aber hat der seit 1989 als Spartenleiter von Juventus Obernkirchen aktive 43-jährige Außendienstmitarbeiter einiges zur Historie erfahren. So hatten sich die italienischen Gastarbeiter damals mit finanzieller Unterstützung von Heye-Glas, der Stadt Obernkirchen und dem in Hannover ansässigen Italienischen Konsulat einen ehemaligen Schuttabladeplatz der Glasfabrik als Fußballplatz hergerichtet. Sowohl von den Abmessungen her als auch wegen dessen topografischer „Schieflage“ und den immer wieder zutage tretenden Glasscherben sei dieser Fußballplatz zwar „völlig an jeder Norm vorbei“ gewesen, habe aber immerhin bis 1975 als Trainingsplatz gedient, erzählt Michele Massaro. Erst danach habe sich die Gelegenheit ergeben, im Sportstadion an der Obernkirchener Kreissporthalle zu trainieren, wo zudem Heimspiele ausgetragen wurden.

Die in Anlehnung an das große Juventu“-Vorbild aus Turin benannte und bis in die 1970-er Jahre hinein ausschließlich mit Italienern besetzte Mannschaft zeichnete sich jedoch nicht nur durch ihre große Fußballleidenschaft aus, sondern auch durch ihr besonderes Temperament: „Emotionen gehören ja beim Fußball dazu, und der Südländer ist halt etwas heißblütiger“, befindet der Spartenleiter. Bis in die 1980-er Jahre hinein sei Juventus Obernkirchen daher „eine Mannschaft mit Hitzköpfen, die auch durch ihre Disziplinlosigkeit auffiel“, gewesen. Aber: „Wir haben stark an uns gearbeitet, um eine hohe Akzeptanz in der Schaumburger Fußballszene zu erreichen.“ Und von einigen Spielern, die immer wieder negativ aufgefallen waren, habe man sich bewusst getrennt, um dieses Ziel zu erreichen.

Unverändert ist indes, dass der Fußballsport für die in der Bergstadt lebenden italienischen Migranten eine identitätsstiftende Komponente hat: Früher wie heute stehe Juventus Obernkirchen für „Verbundenheit und Tradition“, sagt Michele Massaro, der – verheiratet mit einer Deutschen und Vater eines gemeinsamen Kindes – gerne in Obernkirchen lebt, sich aber immer noch als Italiener fühlt. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen ist für ihn daher kein Thema, und eine andere Fußballsparte als Juventus Obernkirchen zu leiten, kann er sich ebenfalls nicht vorstellen.

Der „Stolz, in einem italienischen ,Verein‘ zu spielen“, war übrigens bei Giuseppe Porcello (26, Spielertrainer) der maßgebliche Beweggrund dafür, dass er 2008 vom ungleich erfolgreicheren VfL Bückeburg zu Juventus Obernkirchen wechselte. Zwar bedeutete dieser Transfer für ihn in sportlicher Hinsicht einen Abstieg von der Niedersachsenliga in die 1. Kreisklasse, letztlich war es aber eben eine echte „Herzensangelegenheit“.

Ein generelles Problem vieler Migranten indes bleibt: „Wenn wir nach Italien fahren, sind wir dort die Deutschen, und hier in Obernkirchen sind wir die Italiener“, formuliert es Giuseppe Porcello mit Blick auf seine familiäre Herkunft.

Ein Drama ist dies jedoch weder für den noch jungen Maschinenbautechniker noch für Michele Massaro: „Irgendwann sind wir ja eh alle Europäer“, prognostiziert der 43-Jährige.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt