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Mit seinem Heimatland hat Haki M. auch seine Identität verloren – eine Odyssee

Die Staatenlosen

Landkreis/Stadthagen. Aus Scham will Haki M. (47) aus Stadthagen nicht, dass sein voller Name in der Zeitung steht. Er schämt sich für seine Staatenlosigkeit. „Ich fühle mich beiseitegeschoben“, sagt er. Staatenlose sind Menschen ohne Staatsangehörigkeit. Das heißt, es gibt keine Dokumente, die ihre Identität belegen. „Eigentlich existiere ich gar nicht“, sagt Haki M. – mit einem Lächeln zwar, aber die Verzweiflung darüber schwingt mit. Derzeit leben laut „Ausländerstelle“ des Landkreises 18 Staatenlose in Schaumburg. Weitere 105 Fälle sind derzeit noch ungeklärt.

veröffentlicht am 25.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Gründe, wie es zu Staatenlosigkeit kommt, gibt es viele, erklärt Stephan Hartmann von der Zuwanderungsberatung des Kreisverbands Arbeiterwohlfahrt in Stadthagen. Manche Menschen kommen aus Afrika nach Deutschland, haben keine Papiere und können somit nicht beweisen, dass sie aus dem Land kommen, das sie angeben. Dann werden die Botschaft des jeweiligen Landes und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingeschaltet, um die Angaben des Asylsuchenden zu prüfen: Was weiß er über das Land? Spricht er die Landessprache?

Das mit der Sprache ist dabei manchmal die Krux. „Manche Stammesgebiete ziehen sich durch mehrere Staaten, das heißt, die Muttersprache wird in mehreren Ländern gesprochen. Dadurch wird es schwierig einzuschätzen, ob der Betroffene die Wahrheit sagt oder nicht“, schildert Hartmann. „Aber solange jemand staatenlos ist, bekommt er keinen Aufenthaltsstatus, sondern nur eine Duldung oder Aufenthaltsgestattung.“

Andere Staatenlose sind Palästinenser aus den Palästinensischen Autonomiegebieten, die teilweise seit Jahrzehnten in Deutschland leben, ohne einen festen Aufenthaltsstatus zu bekommen – wegen ihrer Staatenlosigkeit. Oder Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, in deren Nachfolgestaaten die alten Bevölkerungsregister teilweise vernichtet wurden. Dadurch kann die Identität der vorab nach Deutschland gezogenen Menschen oft nicht mehr belegt werden.

Wieder anders, so Hartmann, verhält es sich bei in Deutschland geborenen und hier lebenden Türken, die den türkischen Wehrdienst verweigern und denen dadurch die türkische Staatsangehörigkeit entzogen wird.

Und dann gibt es noch die Asylsuchenden, die ihre Identität bewusst verschleiern, weil sie wissen, dass sie sonst wenig Aussicht hätten, in Deutschland bleiben zu dürfen.

Welche Gründe auch immer in die Staatenlosigkeit geführt haben, für die Betroffenen ist es in der Regel auch heute noch eine Odyssee, die an B. Travens Roman „Das Totenschiff“ aus dem Jahr 1926 erinnert. In dem Buch verliert ein Seemann seine Seefahrerkarte und kann infolgedessen seine Identität nicht mehr nachweisen. Da ihn deshalb kein Land mehr aufnehmen will, findet er auf einem sogenannten Totenschiff mit lauter anderen Staatenlosen Zuflucht. Dem ausbeuterischen Skipper ausgesetzt, ist er dazu verdammt, ein klägliches Dasein zu fristen.

Haki M. flüchtete 1991 mit seiner Frau – beide Roma – vor dem Bürgerkrieg aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. Seinen Pass musste er bei der Ausländerbehörde des Landkreises Schaumburg abgeben. Dort blieb er – solange er gültig war. Doch irgendwann war nicht nur die Laufzeit des Passes abgelaufen. Das Land, die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, gab es infolge des Bürgerkrieges nicht mehr.

Erst 2005 erhielt er in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis „aus humanitären Gründen“, eben weil er keine Staatsangehörigkeit vorweisen konnte. Denn niemand darf in ein Land abgeschoben werden, das nicht verpflichtet ist, ihn aufzunehmen. Jugoslawien gab es nicht mehr, und der damalige Nachfolgestaat Serbien- Montenegro – Haki M. stammt aus der nunmehr serbischen Stadt Novi Sad – wurde gegründet, als er schon lange in Deutschland lebte.

Doch 2006 sollte Haki M. mitsamt seiner Familie abgeschoben werden. Allerdings stellte sich heraus, dass Serbien-Montenegro sich nur dazu bereit erklärte, seine Frau und die Kinder aufzunehmen, nicht aber ihn, der seine Identität nicht beweisen konnte.

Er beauftragte eine Anwältin in Serbien-Montenegro, seine Geburtsurkunde zu finden – ohne Erfolg. Bei der Bombardierung Serbiens durch die NATO im Jahr 1999 seien viele Behörden und mit ihnen die Standesregister zerstört worden, merkt Haki M. an.

2006 schließlich trat ein neues „Bleiberecht“ in Kraft. Die Familie erfüllte die nötigen Voraussetzungen und durfte endlich in Deutschland bleiben. Ein Jahr später erhielt Haki M. den sogenannten „Reisepass für Staatenlose“. „Ich war außer mir vor Freude“, erzählt Haki M., „ich habe geweint.“ Mit dem Pass hat er immerhin seine Identität zurückgewonnen. Und abgeschoben werden kann er so auch nicht mehr – wohin denn auch?

Sein Ziel ist die deutsche Staatsangehörigkeit, schließlich lebt er schon seit 23 Jahren in Deutschland. Seine Kinder sind beide hier geboren, beide haben eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Doch für ihn ist der Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft noch weit.

Zwar war Haki M. die meiste über in Arbeit. Zurzeit arbeitet er bei der Ambulanten Hilfe des Diakonischen Werks als Betreuer von Wohnungssuchenden und Wohnungslosen. Aber um ganz auf staatliche Hilfeleistungen verzichten zu können, dafür hat es selten gereicht.

Um einen Antrag auf Einbürgerung stellen zu können, muss Haki M. unter anderem nachweisen, über einen Zeitraum von fünf Jahren keine Leistungen vom Staat in Anspruch genommen zu haben. Doch dafür hat ihm bislang nicht zuletzt sein Aufenthaltsstatus oft genug im Weg gestanden.

Aus Scham für seine Staatenlosigkeit möchte Haki M. sein Gesicht nicht in der Zeitung zeigen. pk



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