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Im Dienst spielen Herkunft und Religion für Soldaten mit Migrationshintergrund keine Rolle

Die deutsche Heimat verteidigen

Landkreis. Die Schäferkaserne in Achum, Standort der Heeresfliegerwaffenschule, liegt an diesem Morgen ruhig da. Nur die Schranke bewegt sich im Takt des Lieferverkehrs – auf der Theke des Wachhäuschens liegt eine Katze. „Das ist unsere Wachkatze“, meint ein Soldat schmunzelnd. „Bei Regen flüchtet die immer auf die Theke.“ Weiter geht es durch den Stützpunkt. Durch Straßen und Gänge bis zum Zimmer, in dem Stabsunteroffizierin Alexandra W. und Stabsunteroffizier Hamza F. warten (Die Namen wurden von der Redaktion geändert.).

veröffentlicht am 15.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 20.10.2014 um 15:27 Uhr

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Autor:

Michael Grundmeier

Zwei junge Gesichter, beide in Uniform, beide mit einer ganz unterschiedlichen Karriere. Alexandra W. wurde in Moskau geboren und kam mit 6 Jahren nach Deutschland. Das war 1996, erinnert sie sich: „Meine Eltern hatten es satt für kriminelle Oligarchen zu arbeiten.“ Die junge Frau erzählt von Korruption und Inflation, die es damals in Russland gegeben habe. Kurzum: „Das war keine schöne Zeit, meine Eltern wollten nur weg aus dem Land.“

In Deutschland angekommen, hätten ihre Eltern sofort einen Sprachkurs gemacht hat und schnell Arbeit gefunden. „Das ging alles unglaublich schnell, schon nach zwei Monaten gab es keine Sprachschwierigkeiten mehr“, weiß Alexandra W. zu berichten. Und auch sie selbst habe unglaubliches Glück gehabt, „beispielsweise bei meiner Ausbildung“.

Heute mache sie genau das, was sie immer habe machen wollen, „ich habe super Aussichten und super Kollegen.“ Und dann? Will die junge Zeitsoldatin – sie hat sich für acht Jahre verpflichtet – ein Studium zum Bildingenieur antreten.

Dennoch sei die Bundeswehr mehr als ein Karrieresprungbrett. „Ich empfinde Deutschland als meine Heimat, die ich auch verteidigen würde“, sagt die junge Frau. Und: „Ich kann mir durchaus vorstellen, später wieder zur Bundeswehr zu gehen, wenn ich gebraucht werde.“

Stabsunteroffizier Hamza F. ist Kind einer ezidischen Familie. Die Eziden (auch: Jesiden) sind eine kurdische religiöse Minderheit aus Syrien, dem Irak und der südöstlichen Türkei. Hamza F. teilt die Meinung von Kameradin Alexandra W. Egal, wo ein Soldat geboren werde – er müsse das Land verteidigen, in dem er lebe, sagt Hamza F., der aus dem Rhein-Sieg-Kreis stammt.

Zur Bundeswehr wollte Hamza F. schon als kleines Kind. „Das war ein Traum von mir“, erinnert er sich. „Das wollte ich von klein auf tun.“ Später habe ihm vor allem das Körperliche gefallen, die Märsche und der Sport. „Ein bisschen ist die Bundeswehr ja auch Spielplatz für Erwachsene“, meint Hamza F. lächelnd. „Man erfährt seine Grenzen.“

Seine Familie hat ihn in seinem Berufswunsch unterstützt, „nur meine Mutter, die wollte das nicht, die hatte Angst um mich.“ Doch Hamza F. setzte sich durch und verpflichtete sich als Zeitsoldat – „das war schließlich mein Wunsch und meine Entscheidung“, sagt er heute.

In zweieinhalb Jahren ist seine Zeit um – dann möchte er studieren und Betriebswirt werden. Seine Entscheidung Soldat zu werden, habe er jedenfalls nie bereut. „Ich bin mit Leib und Seele Soldat, es hat mir viel Spaß gemacht“, so Hamza F. Zwar werde die persönliche Freiheit eingeschränkt und man müsse auf engstem Raum zusammenleben. „Mir hat aber gerade das Kameradschaftliche sehr gut gefallen“, weiß Hamza F. zu berichten. Gerade weil man so eng zusammenlebe, „muss man sehen, wie man miteinander auskommt“.

Das gilt insbesondere für Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören. Hat es da vielleicht mal Streit gegeben? Pressestabsoffizier Gunter Feuerbach verneint das entschieden: „In acht Jahren Innere Führung ist mir da nichts untergekommen. Es spielt überhaupt keine Rolle, welche Religionszugehörigkeit jemand hat.“ Zwar menschele es mal hier und da, „aber in der großen Masse sind das alles ganz normale Fragen, die da verhandelt werden“.

Diese Fragen spielten im alltäglichen Zusammenleben eben keine Rolle, gibt Feuerbach zu bedenken. „Hierher kommen Leute, die eine Bereitschaft haben, Probleme gemeinsam anzupacken und im Team zu arbeiten. Die Religionszugehörigkeit sei unerheblich – weder für den Vorgesetzten, noch für den Kameraden.“

Das heißt aber nicht, dass Religion bei der Bundeswehr keinen Platz hat. Die Soldaten dürften ihre Religion frei ausüben, sagt Feuerbach, „wir stehen voll auf dem Boden des Grundgesetzes.“ Und wenn es besondere Wünsche gebe, etwa was religiöse Rituale betrifft, dann werde das möglich gemacht. So habe man für eine muslimische Lehrgruppe aus Jordanien schon einmal einen Gebetsraum eingerichtet, so Feuerbach. „Aktuell gibt es aber keinen Bedarf.“ Und für etwaige Essensvorschriften? Ist gesorgt: „Unsere Verpflegung ist komponentenorientiert. Da kann sich jeder aussuchen, was er mag.“

Während die Zahl der Soldaten mit Migrationshintergrund steigt – laut einer Umfrage des Verteidigungsministeriums liegt der Anteil der Wehrdienstleistenden bei 26 Prozent und damit so hoch wie der Anteil der Gesamtbevölkerung diesen Alters –, sinkt die Zahl fremdenfeindlicher Delikte innerhalb der Bundeswehr.

Listete der jährliche Bericht des Wehrbeauftragten für das Jahr 2000 noch 196 Fälle auf, waren es 2012 67 solcher Fälle auf – ein Großteil davon sogenannte Propagandadelikte, wie das Hören rechtsextremer Musik.

Ob das daran liegt, dass der Soldat mit „Migrationshintergrund“ längst der Normal- und nicht mehr der Sonderfall ist? Von Problemen dieser Art wissen Stabsunteroffizier Hamza F. und Stabsunteroffizierin Alexandra W. jedenfalls nicht zu berichten.

So etwas sei ihr bisher nicht untergekommen, sagt Alexandra W. Im Gegenteil: „Es gibt hier eine sehr kameradschaftliche und freundliche Atmosphäre, ich bin hier mit offenen Arme empfangen worden.“

Die Zahl der Bundeswehrsoldaten mit Migrationshintergrund wächst – und sie wird, Experten zufolge, weiter steigen. Schon jetzt sind 26 Prozent der Wehrdienstleistenden ausländischer Abstammung, einen Unterschied zur Gesamtbevölkerung gibt es in dieser Altersklasse demzufolge nicht mehr. Doch wie „bunt“ ist die Truppe wirklich? Ein Besuch bei Stabsunteroffizierin Alexandra W. und Stabsunteroffizier Hamza F.



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