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SZ/LZ-Serie: Was wäre Schaumburg ohne seine ausländische Küche? / Heute: französisch

Der frische Franzose

Hagenburg. Eigentlich will Azzedine Chemchem weg von der „Cuisine Française“, mit der er zurzeit noch auf seiner Visitenkarte wirbt. Viele Leute assoziierten mit der französischen Küche bloß Schnecken, Froschschenkel und vor allem Preise, die sich gegessen haben, erklärt er bei einem Espresso an dem original französischen und handangefertigten Jugendstiltresen aus Zinn in seinem Restaurant „C‘est la vie“. Aber: Der Koch und Gastronom Azzedine Chemchem – auf dem Kopf eine Baskenmütze, versehen mit einer kleinen Schneckenbrosche, die ihn als Anhänger der Slow-Food-Bewegung auszeichnet, kommt nun mal aus Frankreich, selbstverständlich beherrscht er die französische Küche – folglich landen natürlich auch französische Gerichte auf seiner Speisekarte.

veröffentlicht am 23.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Allerdings, und darauf legt der Deutsche mit französischem Migrationshintergrund großen Wert: „Ich verkaufe meinen Gästen keine französische oder deutsche Küche – ich verkaufe ihnen Freude!“ Und die bereitet er ihnen, betont er, mit ausschließlich frischen (Bio-)Produkten vom Markt und aus der Region zu – ob mit Fleisch oder vegetarisch.

In der Konsequenz bedeutet das: Wer bei „C‘est la vie“ in Hagenburg spontan vorbeischaut, muss mit den frischen Produkten vorliebnehmen, die Chemchem gerade da hat. „Aber die wenigsten Gäste kommen unangemeldet zu mir“, erklärt er. „Die meisten reservieren und sagen mir am Telefon oder per E-Mail, was sie zu essen wünschen. Dann kaufe ich die nötigen Zutaten frisch ein.“ Und natürlich: Wer gerne Schnecken oder Froschschenkel essen möchte, bekommt auch die.

Das atmosphärische Lokal, dessen Wände mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Straßenleben von Paris und anderswo verziert sind, gibt es bereits seit 25 Jahren. Zunächst in Bremen, wohin es den Bewunderer französischer Geistesgrößen wie Camus, de Beauvoir und Sartre irgendwann verschlug, seit 2008 in Hagenburg. Hier lebt er mit seiner, wie er sagt, „Madame“, eine Deutsche, und seinen „lieben Kindern Karim und Janissa“.

Zur professionellen Gastronomie kam er erst relativ spät, aber gekocht habe er schon immer, erzählt er. Das habe ihm seine Mutter in die Wiege gelegt. Als Student habe er sich in Informatik und Kunst versucht, sich mit 30 dann aber für seine Passion entschieden: das Kochen. „Ich machte mehrere Praktika in den großen Sternerestaurants in Paris, bevor ich in Bremen meine eigene Bistro-Galerie eröffnete“, schildert Chemchem.

Als Nachfahre von algerischen Berbern wuchs er in seinem Heimatland als Franzose mit Migrationshintergrund auf. Allerdings hat so ein „Hintergrund“ in Frankreich weit weniger Gewicht als in Deutschland: Wer in Frankreich geboren wird, ist automatisch Franzose.

Chemchem, der inzwischen längst über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügt, schert sich um solche Dinge nicht. „Heimat ist für mich da, wo ich mich wohlfühle – und das ist hier bei meiner ,Madame‘ und meinen Kindern in Hagenburg“, stellt er klar.

Ehrenamtlich gibt Chemchem in Schulen „Geschmacksunterricht“, um die Kinder für frisches Essen zu sensibilisieren. „Fertigprodukte gibt es bei mir nicht!“, betont er regelrecht angewidert. Neben dem Restaurant betreibt er überdies einen französischen (Bio-)Weinhandel und ein Hotel und bietet darüber hinaus Catering und Kochkurse an.

Zurzeit arbeitet Chemchem mit ein paar Kollegen daran, das Projekt „Colibri“ des französischen Bioagronomen Pierre Rabhi in Deutschland zu etablieren. Im Rahmen dieses umweltfreundlichen Konzepts will er dann auch Tagesgerichte anbieten und damit verstärkt die Menschen vor Ort erreichen. „Bisher kommen die meisten meiner Gäste aus Hannover“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Ich verkaufe wie gesagt Freude. Deshalb enden die meisten Verabschiedungen mit einer Umarmung.“



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