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Viele Flüchtlinge lernen Deutschland in Friedland kennen / Ein Bericht aus dem Durchgangslager

Zwischenstation Hoffnung

Stopp! Schluss mit den Fragen!“ Keine fünf Minuten hat Fadya F., die 44 Jahre alte muslimische Grundschullehrerin aus Syrien, gesprochen und damit den Vorhang zum Fenster der Welt, aus der sie gerade geflohen ist, geöffnet, und schon ist es einfach zu viel. „Das können wir niemals auffangen“, sagt Pastor Martin Steinberg. Er ist ein Profi im Umgang mit Flüchtlingen. Seit elf Jahren arbeitet er als evangelischer Lagerpastor im Grenzdurchgangslager Friedland, der ersten Anlaufstation in Deutschland für Menschen aus aller Welt, die vor Krieg, Mord und Verfolgung fliehen. Er selbst bleibt ruhig bei der Erzählung von Fadya F., doch sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und den anderen Zuhörern stehen ebenfalls Tränen in den Augen.

veröffentlicht am 29.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 11:29 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Fadya F.s Mann, der Vater ihrer fünf Kinder, wurde entführt, und um die Lösegeldforderung drastisch zu untermauern, erhielt sie ein Video, das zeigt, wie man ihn foltert. „Ich weiß nicht mal, wer die Leute sind, ob es Rebellen sind, ob Männer vom Islamischen Staat oder einfach Verbrecher, die ihre Chance nutzen“, sagt sie. „Wo ist mein Mann? Lebt er noch? Werden wir ihn jemals wiedersehen?“ Sie konnte sich um nichts mehr kümmern, musste auch ihre Kinder in Damaskus zurücklassen, ihr Leben war in höchster Gefahr, nachdem einige Grundschüler Sprüche gegen Syriens Präsidenten Baschar Al-Assad an die Tafel geschrieben hatten und die Polizei sie dafür verantwortlich machte. Was für eine Absurdität, von allen Seiten gleichzeitig bedroht zu sein: der Regierung, den Rebellen, den fanatischen IS-Kämpfern.

Neben ihr im Büro des Lagerpastors Steinberg sitzt Huzama Alhmod, 33 Jahre alt, Rechtsanwältin aus der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens, und ebenso wie Fadya F. auf eigene Faust in höchster Not geflohen, mit gefälschtem Pass und – das ist ungewöhnlich – einem Flugticket direkt in die Türkei. Auch ihre Geschichte ist ein Beispiel für die umfassende Chaotisierung innerhalb Syriens, wo es keinen Ort der Sicherheit mehr zu geben scheint.

Als die Luftwaffe des Assad-Regimes das von islamistischen Rebellen kontrollierte Deir ez-Zor bombardierte, war Huzama Alhmod mit ihrer Familie zu ihrem Onkel geflüchtet, nur um dort in doppelte Lebensgefahr zu geraten. Sie ist, wie die Rebellen, wie die Mitglieder des IS, Sunnitin, der Onkel aber ein Schiit. „Als wir zurückkehrten, dachte man, wir wären zu den Schiiten konvertiert, eine Todsünde und vom IS mit dem Tod zu bestrafen“, sagt sie. Es gab keine Chance, irgendetwas richtigzustellen. Hals über Kopf wurde die Flucht in die Türkei organisiert, wo jetzt ihr Mann und die drei Kinder darauf hoffen, bald auch im Durchgangslager Friedland anzulanden.

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Das Grenzdurchgangslager in Friedland ist oft erste Anlaufstation in Deutschland. Derzeit sind die Unterkünfte voll belegt. dpa

„Für Huzama Alhmod sieht es insgesamt ganz gut aus“, meint Pastor Steinberg. „Ich denke, die Familie wird bald zusammengeführt sein, Friedland verlassen können und ihr Asylverfahren durchbringen.“ Dann wirft er einen Blick auf Razwan Shadoud, 40 Jahre alt, Kaufmann aus Syrien, der ebenfalls zur Gesprächsrunde gehört; ein großer, starker Mann, der ruhig lächelt, wenn man mit ihm spricht, und doch auch beinahe geweint hätte, als Fadya F. ihre Geschichte erzählte. Razwan Shadoud hat eine halbe Weltreise hinter sich gebracht, um dem Tod zu entkommen. Ob er in Deutschland bleiben darf, ist trotzdem ungewiss.

„Es gibt die privilegierten Flüchtlinge aus Syrien, die im Rahmen des Sonderprogramms von 2013 ohne weiteres Asylverfahren aufgenommen werden“, sagt Pastor Steinberg. „Und es gibt die ’armen Schweine‘, die auf eigenes Risiko kommen und durch die Mühlen der Bürokratie wandern müssen.“ Die beiden Frauen am Tisch werden es etwas leichter haben als Razwan Shadoud, weil einige ihrer Angehörigen bereits in Deutschland leben. Der Syrer dagegen existiert im Moment in einer Art luftleerem Raum und weiß nicht, ob er bleiben kann oder wohin er eventuell zurückgeschickt wird. Tatsache ist nur: Seine Heimat Syrien, seine Heimatstadt in der Provinz Hama, das sind für ihn als Christ nur noch Todeszonen. „Wenn ich geblieben wäre, ich wäre schon längst tot, wie so viele andere Christen, die vom IS ermordet wurden“, sagt er. „Wir werden verfolgt, bedroht, vertrieben, entführt, getötet.“ Als Agrarhändler konnte Razwan Shadoud sich ein finanzielles Polster zulegen. Für 12 000 Dollar vertraute er sich Schleppern an, Zielort „Friedland“, landete in Marokko und Spanien, in der Türkei, Frankreich, Belgien und schließlich in Deutschland. Hier und jetzt ist das Durchgangslager wirklich ein „Friedland“ für ihn. Die beiden muslimischen Frauen Fadya F. und Huzama Alhmod haben keinerlei Berührungsängste zu ihrem christlichen Leidensgenossen, ebenso wenig wie er zu ihnen. Auf einem Gruppenfoto, zusammen mit dem jungen Dolmetscher Ishkhan Shahinian, sitzen sie dicht beieinander auf einer Bank und lächeln in die Kamera wie für ein Familienfoto.

Es ist überhaupt ein Wunder, dass diese drei Menschen, drei von Abertausenden mit ähnlichen Schicksalen, noch lächeln, lachen können, allen voran Fadya F., die vorhin noch so weinen musste, die am liebsten allen das Schreckensvideo von ihrem gefolterten Mann gezeigt hätte und gleichzeitig sofort verstand, dass das nicht geht. „Ja, ich will lächeln, wann immer es möglich ist“, sagt sie. „Man muss lachen, wenn es was zum Lachen gibt. Wie sonst sollte ich das Leben ertragen?“ Pastor Martin Steinfeld, der die ganze Zeit bei dem Gespräch mit den drei syrischen Flüchtlingen dabei war, er versteht durchaus, wie beunruhigend es für Außenstehende sein muss, drei Kurzversionen eines Lebens auf der Flucht zu hören, ohne weiter nachfragen zu dürfen.

Nicht nur Besuchern des Lagers, auch sich selbst setzt er Grenzen. „Meine Erfahrung ist: Die Menschen sind erleichtert, ja dankbar, dass sie überhaupt gehört werden und dass sich eine Öffentlichkeit für diese Flüchtlingsschicksale interessiert“, sagt er. Es wäre aber eine unverantwortliche Fahrlässigkeit, als psychologisch ungeschulter Mensch weiter in die Traumata der Verfolgten vordringen zu wollen. „Man kann nicht im Vorübergehen über Mord, Folter und Vergewaltigung sprechen, ohne Gefahr zu laufen, dass das Gegenüber einen völligen Zusammenbruch bis hin zur Psychose erleidet“, meint er. „Zu all dem Leid, das die Menschen durchmachen müssen, kommt außerdem und sehr erschwerend oft ein tief sitzendes Schuldgefühl hinzu: Ich habe es geschafft, und meine Freunde und meine Familie leben immer noch in der Hölle.“

Trotzdem gebe das Grenzdurchgangslager Friedland seit nun fast 60 Jahren denjenigen, die hier ankommen, wieder Hoffnung. Das sei bei den Heimkehrern aus der russischen Kriegsgefangenschaft so gewesen, ebenso wie bei den Spätaussiedlern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, bei Flüchtlingen aus afrikanischen Ländern, aus Asien, und eben dem Nahen Osten. „Für eine Weile treffen hier Menschen friedlich aufeinander – sehr eindrucksvoll sieht man das vor allem in unserem Speisesaal – die sich woanders vielleicht gegenseitig bekriegt hätten“, sagt er. Und dann seufzt er: „Ich mache hier unter anderem die Asylberatung und sehe, wie überfordert die Kollegen in den Ämtern sind, wie halbherzig die Flüchtlingspolitik, wo überall das Geld fehlt, um die vom Gesetz her geforderte zügige Abwicklung der Verfahren zu gewährleisten.“

Beim Rundgang durch das Lager mit seinen aktuell 850 Bewohnern (eigentlich ist es nur für 650 Menschen ausgelegt), gilt es, einen Zebrastreifen zwischen den beiden Lagerhälften zu überqueren. „Ja, der berühmte Zebrastreifen, der Lackmustest für Demokratie und Menschenrechte!“ Die meisten Flüchtlinge, die zum ersten Mal die kleine Autostraße überqueren müssen, sie würden einfach nicht glauben wollen, dass ein heranfahrender Wagen wirklich ihretwegen anhält und nicht etwa, weil der Fahrer vorher bestochen wurde. „Viele, die erstaunt sehen, dass ein Mercedes stoppt, um ein Flüchtlingskind heil über die Straße gehen zu lassen, können das gar nicht fassen.“ Und sie erhalten einen ersten Eindruck davon, dass hier, wo sie Zuflucht fanden, nicht umstandslos das bloße Recht des Stärkeren zählt.

Immer mehr Menschen, die vor Terror, Krieg oder Verfolgung fliehen, suchen auch im Schaumburger Land Asyl. Viele von ihnen – wie innerhalb von fast 60 Jahren 4,5 Millionen Flüchtlinge – kommen über das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen. Dort trafen wir uns mit drei syrischen Flüchtlingen, die auf eigene Faust den Weg nach Friedland fanden und nun auf ihr Asylverfahren warten.

Blick in den Speisesaal des Durchgangslagers: 850 Menschen werden hier zurzeit verpflegt.



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