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Zweieinhalb Taler für jede Enthauptung

Oft erzählt Angelika Bödeker vom Rintelner Henker, wie er im typisch roten Mantel sein Haus in der Herrengasse verlässt und schnellen Schritts zur Gastwirtschaft wandert, wo er einen nur für ihn reservierten Tisch zugewiesen bekommt, und aus einem Krug trinkt, den sonst niemand benutzt. Unehrenhaft ist sein Beruf, unrein wird, wer ihn berührt, unheimlich sind die Geschäfte, denen er nachgeht. Dass Rinteln damals in den Jahren zwischen 1300 und 1850 höchstwahrscheinlich niemals einen eigenen Henker besaß, ist dabei nicht so wichtig. Angelika Bödeker ist Stadtführerin und will den Leuten nahebringen, was es mit der Arbeit eines Scharfrichters auf sich hatte.

veröffentlicht am 01.11.2011 um 19:21 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:00 Uhr

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Gehenkt, geköpft, gerädert, verbrannt und gefoltert wurde überall in den Städten der Grafschaft Schaumburg und in Hameln, ob auf dem „Galgenanger“ von Hessisch Oldendorf, dem „Köppeberg“ in Rehburg, dem Heinkamp in Rinteln oder dem Galgenberg in Hameln. Stadthagen und Hameln besaßen zeitweise ihre eigenen, von der Stadt angestellten Henker, für die Grafschaft Schaumburg war der „Schaumburger Scharfrichter“ aus der Familie Farneck zuständig. Der hatte seinen Amtssitz in Hessisch Oldendorf und reiste mit zwei Henkersknechten an, wenn irgendwo im Land seine Tätigkeit benötigt wurde.

Im Archiv von Bückeburg findet sich ein Protokoll, das den Lohn eines Henkers dokumentiert, der im Jahr 1635 im Zusammenhang mit den Hexenprozessen für die Stadt Rinteln tätig wurde: Einen Taler gab es pro Folterung eines Verdächtigen ebenso wie für die Hexen-Wasserprobe; musste ein Scheiterhaufen vorbereitet und darauf eine Hexe verbrannt werden, wurden zwei Taler fällig; für das „Abhauen“, das Köpfen also mit Beil oder Schwert, bekam der Scharfrichter von der Stadt zweieinhalb Taler. Hätte es täglich etwas für die Henker zu tun gegeben, sie wären bald wohlhabende Männer geworden. Das war aber selbst in den Hochzeiten der Hexenverfolgung nicht der Fall.

So mussten sich die Henker Nebentätigkeiten suchen, und davon gab es mehr als genug. Sie waren zum Beispiel zuständig für die Abdeckerei, das heißt, für die Entsorgung von Tierkörpern, deren Felle einzig ihnen zustanden. Kein Bürger in der gesamten Grafschaft durfte totes Vieh selbst häuten und vergraben, immer waren es die Henkersknechte, die sie für den Schaumburger Scharfrichter abholten, um die Häute zu gerben und Hufe und Hörner zu verwerten. Dass in Hessisch Oldendorf das Schuh- und Lederhandwerk seine Blüte erlebte, hat unmittelbar mit der „Fillerei“, der Gerberei zu tun, die recht bald aus der Stadt hinaus an die „Fillegruben“ verlegt wurde, um den ungeheuerlichen Gestank möglichst fern zu halten.

Insgesamt übergab man den Henkern, die schon des Hauptberufs wegen „unrein“ waren, gerne alle Arbeiten, die zur Unreinheit führten: die Totengräberei; das Reinigen der Klärgruben und der kotverdreckten Straßen; die Beaufsichtigung der Huren und das Vertreiben von Aussätzigen aus der Stadt. Außerdem betrieben die Henker einen durchaus regen Handel mit allerlei dem Aberglauben dienlichen Gegenständen, die sie frisch von den zum Tode Verurteilten abzwackten: „Totenhände“ etwa, die abgehackten Hände der Delinquenten, deren Knöchelchen besondere Kräfte als Talisman oder Heilmittel zugesprochen wurde, und das „Armsünderfett“, echtes Menschenfett zur Herstellung wertvoller Salben. Apotheker waren dafür dankbare Kunden.

Vor allem aber wurden die Henker als Mediziner tätig, die man oft, wenn auch heimlich, noch vor den offiziellen Ärzten aufsuchte, besaßen sie doch aufgrund ihrer Tätigkeit als Folterer und Hinrichter ein Wissen über den menschlichen Körper wie sonst nur wenige. Mussten sie einem Dieb die Hand abschlagen, hatten sie eine heilende Salbe gleich mitzubringen: Schließlich sollte der Übeltäter ja nur empfindlich bestraft, nicht aber einem Tod durch Verbluten überantwortet werden. Vor jeder Folter begutachteten sie den Gesundheitszustand ihres Opfers, damit dieses im Falle seiner Unschuld überleben und überhaupt in der Lage sein würde, nach den ersten Anwendungen noch ein Geständnis auszusprechen.

Zudem war das richtige Köpfen eine Kunst für sich. So schaulustig die Bürger heranströmten, wenn auf einem Galgenfeld oder „Köppeberg“ das Urteil ausgeführt wurde, so handgreiflich konnten sie werden, wenn der Scharfrichter versagte und den Kopf nicht mit einem Streich vom Körper trennte. Zwischen dem zweiten und dritten Halswirbel musste der kraftvolle Hieb angesetzt werden, damit alles gut gelang. Die Söhne der Henker, die, ob sie wollten oder nicht, den Beruf des Vaters erlernen mussten, übten von Jugend an fleißig an Kohlköpfen, Hühnern und Hunden, bis sie nach einer militärischen Ausbildung so weit waren, eine Art „Meisterprüfung“ zu bestehen, ohne die sie keine feste Anstellung erhalten konnten.

Wenn Stadtführerin Angelika Bödeker die Besucher in die nahe an der Rintelner Stadtmauer gelegene Herrengasse führt, dorthin, wo die Menschen mit den „unehrlichen“ Berufen ihre Häuser hatten, dann lässt sie genau hier die Henkersfamilie leben, neben Hebamme und Hure, Nachtwächter (er schleicht ja nachts im Dunkel umher), Schäfer

(der könnte Sodomie treiben), Müller (wer weiß, ob der nicht unrechtmäßig Getreide abzwackt) oder Schneider (der verdächtig war, Stoffreste für sich zu behalten).

Wer in eine Henkersfamilie hineingeboren wurde, hatte keine Chance, sich anders zu orientieren. Man durfte nur innerhalb des Berufszweiges heiraten, keinen anderen Beruf wählen, man machte seine Lehre beim Vater, verdingte sich dann als wandernder Henkersknecht in den Henkersbetrieben der weiteren Umgebung und erhoffte sich, einst als bestallter Scharfrichter die Nachfolge des Vaters antreten zu können. Allerdings, so Angelika Bödeker: Man dürfe sich die Henker nicht als blutgierige, brutale Menschen vorstellen. „Sie hatten keine Wahl“, erklärt sie. „In alten Dokumenten über Henker in Deutschland kann man nachlesen, dass sie oftmals tranken, depressiv waren oder Selbstmord verübten.“

Dass es einigen Persönlichkeiten aus den großen Henker-Dynastien sogar gelang, ein in Grenzen bürgerlich-anerkanntes Leben zu führen, beweist der „Scharfrichter von Lemgo“ David Clauss (1628-1698), der ein geachteter Mann war, sich Kir-

chenstühle erwarb, frommen Stiftungen Geld zukommen ließ und großen Grundbesitz einkaufte. Sein Schwiegervater war ein begehrter Chirurg, er selbst galt als ein Mann, der fair, ja mitleidig mit seinen Delinquenten umging. Was Letzteres betrifft, so war er darin nicht der Einzige. Häufig wurden zum Scheiterhaufen Verurteilte zuvor mit betäubenden Tränken ruhiggestellt, brachte mit den armen Teufeln, die aufs Rad gebunden werden sollten, schon mit dem ersten Hieb den Tod oder sorgte dafür, dass ein zu Hängender nicht unnötig litt.

Im Jahr 1755 trat der Schaumburger Scharfrichter aus Hessisch Oldendorf letztmals zu einer öffentlichen Hinrichtung an. Eine junge Kindsmörderin wurde auf dem Schafott des Galgenangers bei Welsede enthauptet, ein Deckberger Pastor berichtet ausführlich darüber in seinen Kirchenpapieren.

Als 1837 der berühmte Johann Gottlieb Seidenfaden aus Obernkirchen zehn Jahre nach dem Mord an einem Spießgesellen doch noch seiner Strafe zugeführt und in Rinteln geköpft werden sollte, musste man bereits einen sehr alten, schon schwachen Scharfrichter engagieren, der fünf Hiebe brauchte, um Kopf und Körper zu trennen. Nur knapp entkam er dem Lynchen durch aufgebrachte Zuschauer. Schließlich fand die letzte öffentliche Hinrichtung im Jahr 1850 in Rehburg statt, ausgeführt von einem Stadthäger Scharfrichter aus der Farneck-Familie, der einem Vatermörder den Kopf abschlug. Das Richtschwert des Schaumburger Scharfrichters befindet sich heute im Rintelner Museum Eulenburg.

Ausgestorben war der Beruf des Scharf-

richters mit Aufhebung der öffentlichen Hinrichtungen ab 1851 allerdings nicht. Die Todesstrafe wurde erst im Jahr 1949 mit der neuen Verfassung der Bundesrepublik Deutschland abgeschafft. Einer der bekanntesten Scharfrichter der Nachkriegszeit war der Brite Albert Pierrepoint, der in Hameln in den Jahren 1945 bis 1949 an die 200 Kriegsverbrecher hinzurichten hatte. Er, ein Henker im wahren Sinne des Wortes, brachte sein ganzes Wissen als Sohn einer englischen Henker-Familie ein, um die Verurteilten schnell und sicher am Galgen vom Leben zum Tode zu bringen. Auch Pierrepoint übrigens galt, wie es der Hamelner Historiker Bernhard Gelderbloom weiß, als rücksichtsvoller Mensch, der sorgfältig Körpergröße und Gewicht ausmaß, um dem Strick genau die richtige Länge zu geben, damit der Tod nicht durch langsames Erwürgen, sondern durch einen Genickbruch eintreten würde.

Noch bis ins 19. Jahrhundert gab es im Weserbergland Scharfrichter. Angesehen war der Beruf des Henkers zwar nicht, beliebt waren Hinrichtungen bei Zuschauern dennoch. So grausam die Arbeit der Scharfrichter damals war – aus Geschichten über die Städte im Weserbergland sind sie heute nicht wegzudenken.



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