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Zurzeit stopfen sie Schlaglöcher im Akkord

Der harte Winter hat Niedersachsens Straßen in einen Flickenteppich verwandelt. Die Männer der Straßenmeistereien stopfen die Löcher jetzt im Akkord. Die Arbeit ist körperlich schwer, der Erfolg oft nur kurzfristig und der Dank der Autofahrer überschaubar.

veröffentlicht am 16.02.2011 um 18:04 Uhr

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Die Männer in Orange holen Hacke, Besen, Eimer und Stampfer aus dem Auto und legen los: Das Loch wird zunächst mit der Hacke bearbeitet. „Erst reinigen wir die Schlaglöcher, entfernen Wasser und lose Bestandteile. Dann füllen wir das Loch mit Wintermischgut auf, verdichten es und sanden es ab, damit das Mischgut nicht an den Autoreifen kleben bleibt. Es dauert nämlich etwas, bis die Mischung abgebunden hat“, erklärt Ralf Schmidt (38). Für die drei, relativ kleinen Löcher auf der Kreisstraße 80 zwischen Krankenhagen und Möllenbeck werden knapp 15 Kilogramm aufgewendet.

Ralf Schmidt und Lothar Güttlein (49) sind als eines von vier Kontrollteams der Straßenmeisterei Rinteln damit beschäftigt, Straßen in der Region auf Schlaglöcher abzusuchen. Vor allem Wetterwechsel ist tödlich für den empfindlichen Straßenbelag. Sollte es wieder frieren und dann tauen, wie es derzeit im Tag-und-Nacht-Wechsel geschieht, müssten die beiden abermals auf der K 80 anrücken. „Spielt das Wetter aber mit, dann halten die Reparaturen schon ein paar Wochen“, erzählt Schmidt.

Straßenwärter – so lautet die offizielle Berufsbezeichnung. „Das ist ein Lehrberuf wie jeder andere auch“, merken Schmidt und Güttlein einstimmig an. Und die Straßenwärter bekämpfen nicht nur Winterschäden. Unweit der Schlaglöcher auf der K 80 entdecken Schmidt und Güttlein einen umgefahrenen Leitpfosten am Straßengraben. „Das ist noch ein altes Modell, ein Holzleitpfosten“, schildert Schmidt. „Die neuen Leitpfosten haben einen Kunststoffkern.“ Nach wenigen Minuten ist der neue Leitpfosten, den Schmidt aus dem Anhänger holt, fest anstelle des alten verankert.

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Ralf Schmidt (l.) und Lothar Güttlein von der Straßenmeisterei Rinteln bei der Arbeit: Hier stopfen sie Schlaglöcher auf der Kreisstraße 80 zwischen Krankenhagen und Möllenbeck. Das Hamelner Kennzeichen erklärt sich dadurch, dass die Rintelner Straßenmeisterei zum Geschäftsbereich Hameln gehört. Fotos: pk

Auch im Sommer prüfen die Straßenwärter die Straßen regelmäßig. Verkehrszeichen richten oder Bäume beschneiden gehört zu den Aufgaben der Teams. Zusätzliches Personal gebe es im Winter nicht, erklärt der Geschäftsbereichsleiter in Hameln, Markus Brockmann. Deshalb schließen die Männer momentan Löcher im Akkord. „Wir haben vier Kontrollrouten à circa 90 Kilometer“, sagt der gegenwärtige Leiter der Rintelner Straßenmeisterei Ulrich Lösch. Somit kommt die Straßenmeisterei auf eine Gesamtroute von rund 360 Kilometern. Zweimal wöchentlich fahren die Männer die Strecke ab. Entdecken sie ein Schlagloch, halten sie an. Die gelb blinkenden Warnleuchten sind noch weithin zu sehen.

Die Männer von der Straßenmeisterei seien eine Art „Feuerwehr“ für Sofortmaßnahmen, sagt Markus Brockmann. Wenn nötig, bremsen sie Autofahrer mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung aus oder erteilen ein Lkw-Fahrverbot, sollten die Schäden an der Straße zu umfangreich sein. Für einen Lastwagen könnten Brockmann zufolge auch 10 000 Autos über eine Straße fahren – die Belastung wäre die gleiche. Lkw sind aus Sicht der Straßenmeistereien das schwerwiegendste Problem auf Niedersachsens Straßen. Alle Straßenschäden und ihre Sofortmaßnahmen protokollieren die Männer akribisch. Stark sanierungsbedürftige Straßenzüge werden am Ende des Winters ausgeschrieben. Externe Firmen übernehmen dann die Bauarbeiten. Die Kosten trägt der jeweilige Straßeneigner.

Ob sie manchmal das Gefühl hätten, Sisyphusarbeit zu leisten, werden die Männer der Kontrolle gefragt. „Unsere Arbeit ist eben absolut wetterabhängig und darum natürlich manchmal auch etwas frustrierend. Aber die Verkehrssicherheit muss eben gegeben sein“, sagt Ralf Schmidt. Folglich müssen die Männer jeden Tag oder auch mal des Nachts raus. „Nachts geht es schon um zwei Uhr früh los“, schildert Schmidt.

„Wir haben eine Verkehrssicherungspflicht. Sie ist der Grund, warum wir die Streckenkontrollen fahren“, erklärt Markus Brockmann. „Die Straße muss für jeden Auto-, Lkw- oder Motorradfahrer sicher befahrbar sein.“ Man könne mit den kleineren Reparaturen nicht einfach bis zum Sommer warten.

Schlaglöcher entstehen, wenn es einen häufigen Wechsel zwischen Tau- und Frostwetter gibt. Das geschmolzene Wasser dringt in Poren und Hohlräume ein, gefriert und sprengt dann den Belag. Das Winter- beziehungsweise Kaltmischgut, mit denen die Löcher geflickt werden, besteht aus Steinen, Zementanteilen und stark klebendem Bitumen. Fluxöle sorgen dafür, dass das Material in feuchten Löchern aushärtet, erklärt Norbert Schaaf, Leiter der Straßenmeisterei Hameln. So übersteht das gestopfte Schlagloch im Idealfall die Zeit bis zum nächsten Winter.

Mit einer aktuellen Schadensbilanz hält sich die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr zurück: „Einschätzungen zur Schadenshöhe werden wir erst mit dem Ende des Winters geben können“, sagt ein Sprecher der Behörde. Die Schadensbeseitigung des vergangenen Winters habe im Zuständigkeitsbereich der Behörde, zu dem Bundesautobahnen, Bundes- und Landesstraßen in Niedersachsen, nicht aber die Kreis- und Gemeindestraßen gehörten, rund 40 Millionen Euro gekostet.

Die Bautechnikexperten vom TÜV Rheinland schätzen, dass derzeit rund 40 Prozent aller Straßen in Deutschland stark geschädigt sind. Die Fachleute führen bundesweit im Auftrag von Ländern und Kommunen Straßen- und Radwegeuntersuchungen durch und kontrollieren dabei weit über 50 000 Kilometer jährlich. Der ADAC in Niedersachsen geht davon aus, dass nach diesem Winter zwischen 30 und 40 Prozent der niedersächsischen Straßen sanierungsbedürftig sind.

Als Dank für ihre Arbeit fliegen den Straßenwärtern schon mal böse Worte oder gar andere Dinge an den Kopf. „Der fährt aber schnell“, kommentiert Güttlein kopfschüttelnd ein sich mit hoher Geschwindigkeit näherndes Auto. „Aber wer nicht durch Schlaglöcher fahren will, der muss auch mal bremsen können“, befindet Schmidt.



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