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Zum Anbeißen und Einschenken

Erntezeit, und die Bäume hängen prall voll mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen. Was aber, wenn die Früchte nicht im eigenen Garten, sondern an öffentlichen Straßen und auf Wiesen wachsen? Darf man dort einfach zugreifen? Man darf! Wenn man zuvor einige Spielregeln beachtet.

veröffentlicht am 08.09.2015 um 17:29 Uhr
aktualisiert am 09.02.2016 um 08:29 Uhr

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Erntezeit, und die Bäume hängen prall voll mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen.

Was aber, wenn die Früchte nicht im eigenen Garten, sondern an öffentlichen Straßen und auf Wiesen wachsen? Darf man dort einfach zugreifen? Man darf! Wenn man zuvor einige Spielregeln beachtet.

Immer im Herbst ist Bernhard Solasse zum Weinen zumute. Und zwar dann, wenn überall am Straßenrand Äpfel und Birnen im hohen Gras verfaulen oder auf der Fahrbahn zu Matsch gefahren werden. „Was für eine Verschwendung“, denkt der 75-Jährige dann, greift zu Fahrrad, Maurerkübel und Bollerwagen und zieht los zur Apfelernte.

Seit sechs Jahren hat es sich der Lauenauer zur Aufgabe gemacht, jenes Obst an öffentlichen Straßen und Wiesen zu pflücken oder zu sammeln, für das sich sonst niemand zuständig fühlt. „Es gibt so viele Apfelbäume an den Straßen. Und wenn ich dann sehe, dass diese schönen Äpfel alle einfach so vergammeln, könnte ich ausrasten. Das tut mir in der Seele weh“, erklärt Solasse. Unterwegs ist der Lauenauer vor allem zwischen Hülsede und Meinsen, um den Kofferraum seines Autos oder eben den zum Fahrradanhänger umfunktionierten Bollerwagen mit reifen Früchten zu füllen. Das Obst erntet der rüstige Senior nicht etwa zum Eigenbedarf. Statt Kuchen zu backen oder die Äpfel im Keller zu lagern, bringt er seine Ernte zur Mosterei. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 3000 Kilo. Und was macht er mit dem Saft? „Den verschenke ich an Kindergärten.“

Solasse ist mit seinem Engagement, das Straßenobst aufzusammeln und zu verarbeiten, nicht allein. Immer mehr Menschen überdenken das eigene Konsumverhalten und bevorzugen Obst, das nicht aus dem Supermarktregal, sondern vom Baum um die Ecke kommt und zudem komplett gratis ist. Auf den Trend ist jüngst auch die Bundesregierung aufgesprungen. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka rief Mitte August dazu auf, verstärkt öffentliche Obstbäume und Streuobstwiesen als „umweltfreundliche Quelle für schmackhaftes Essen“ zu nutzen. Und im Internet vernetzen sich Fans von Straßenobst unter anderem auf der Online-Plattform mundraub.org und sammeln die Orte, an denen Äpfel, Birnen, Pflaumen, Nüsse, Kräuter und Beeren zu finden sind, in einer interaktiven Landkarte. Nach fünf Jahren haben dort mehr als 23 000 Nutzer bundesweit 15 000 Fundorte eingezeichnet – auch für Schaumburg und Hameln-Pyrmont.

Ist das alles legal? Darf man an Straßen und Wiesen einfach so zugreifen? „Im Prinzip entscheidet das der Eigentümer“, sagt Martina Engelking, Leiterin des Amtes für Naturschutz in der Schaumburger Kreisverwaltung. Im Falle von Straßenbäumen ist das der jeweilige Straßenbaulastträger. „Überhaupt kein Problem“, antwortet Bernd Hugo auf die Frage, ob die Obsternte an den Schaumburger Kreisstraßen erlaubt ist. Der Leiter des Amtes für Kreisstraßen, Wasser- und Abfallwirtschaft in der Kreisverwaltung betont: „Weder ernten noch vermarkten wir die Früchte, deshalb darf jeder gern pflücken.“ Wichtig sei dabei allerdings, auf den Straßenverkehr Rücksicht zu nehmen und bei der Ernte sich und andere nicht in Gefahr zu bringen.

Da aber weniger an den Kreisstraßen, sondern vor allem an Gemeindestraßen Obstbäume wachsen, verweist Hugo auf die Städte und Gemeinden im Schaumburger Land. „Viele Kommunen sind aber dankbar, wenn das Obst nicht auf Straßen und am Wegesrand verfault.“ Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Homepage der Stadt Stadthagen, dass die Verwaltung alle Bürger dazu einlädt, auf den heimischen Streuobstwiesen zuzugreifen. Fünf Areale mit unterschiedlichen Obstsorten wie Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen sind unter der Rubrik „in Stadthagen“ und dort unter „Umwelt und Natur“ verzeichnet. Dazu die Aufforderung: „Hier darf jeder kostenlos Obst pflücken.“

Eine andere Regelung hat man im Coppenbrügger Ortsteil Brünnighausen gefunden. „Traditionell werden die Obstbäume im Meyerweg einmal im Jahr versteigert“, erklärt Gerald Mehrtens vom Coppenbrügger Bauamt. Für ein bis zwei Euro könne man dann die Äpfel pflücken, vermosten oder selber verspeisen. Nach der Versteigerung werden die Bäume entsprechend gekennzeichnet. Für die anderen, nicht versteigerten Bäume des Fleckens hält man es dann wieder ganz unkompliziert: „Da kann sich jeder bedienen.“

Ähnlich sieht es Marion Passuth, Bürgermeisterin von Hülsede, mit den Straßenbäumen zwischen ihrer Gemeinde und Meinsen. „Jeder, der möchte, darf dort pflücken.“ Allerdings sei es angebracht, kurz vorher bei der Gemeinde nachzufragen. Das macht auch Bernhard Solasse jedes Jahr aufs Neue. „Frau Passuth ist immer Feuer und Flamme und sagt sofort ja“, sagt der 75-Jährige. Und die Kommunalpolitikerin erklärt: „Ich freue mich, wenn jemand Verwendung für das Obst hat. Und wenn es dann an den Kindergarten geht, ist das natürlich doppelt schön.“

Mundraub stand unter Strafe

Obst an der Straße zu pflücken, war früher verboten. Damals wurden die Bäume oft verpachtet, nur der Pächter hatte das Recht, die Früchte zu ernten. Bis 1975 war Mundraub ein eigener Straftatbestand, der mit einer Geldstrafe bis 500 Mark oder einer Freiheitsstrafe bis sechs Wochen geahndet wurde. Auch heute ist es tabu, die Kirschen aus Nachbars Garten zu essen, wenn dieser es nicht ausdrücklich erlaubt hat. Nach geltendem Recht ist das Diebstahl geringwertiger Sachen, der aber nur auf Strafantrag verfolgt wird. Das heißt: wo kein Kläger, da kein Richter.

Wie das Obst in die Flasche kommt

Wem im Herbst nach dem zehnten Apfelkuchen langsam, aber sicher der Appetit vergeht, und wer keine Lust mehr auf Apfelmus oder Kompott hat, kann seine Früchte zu Saft verarbeiten lassen. Der Direktsaft ist nicht nur gesund und lecker, sondern auch lange haltbar. Ansprechpartner dafür sind die Lohnmostereien in der Region, die die angelieferten Früchte ihrer Kunden wiegen, waschen und entsaften. Das Gewicht der Äpfel wird dann meist in einer Gutschrift festgehalten, die entweder sofort oder später in abgefüllten Saft eingetauscht werden kann. Äpfel mit Schorf oder Druckstellen dürfen mit in die Presse, faule Früchte oder Laub sind tabu.

Wilkening Kelterei, Brinkstraße 16, Bad Münder/Eimbeckhausen, Telefon (0 50 42) 85 05.

Mosterei Ockensen, Bergstraße 6, Salzhemmendorf/Ockensen, Telefon (0 51 53) 80 18 24.

Löffler Fruchtsäfte, Wittelsbacherallee 84, Minden, Telefon (05 71) 25 0 66.

Obsthof Gestorf, Gografenwinkel 4, Springe/Gestorf, Telefon (0 50 45) 4 78.

Hof Schneider, Hauptstraße 34, Pollhagen, Telefon (0 57 21) 7 94 10, Annahme für die Mosterei Rüter Fruchtsaft in Eimke.



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