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Wie seine Heimatstadt versucht, mit dem Erbe von Heinrich Göbel umzugehen

Zum 200. Geburtstag: Springe und der Göbel-Kult

Ist er nun ein Erfinder und ein Held? Ein Betrüger? Oder nur ein Puzzleteil im großen Stromkrieg des 19. Jahrhunderts? Zu seinem 200. Geburtstag am 20. April ringt seine Heimatstadt Springe immer noch mit dem symbolischen Erbe von Heinrich Göbel. Nun soll er erst mal beides bekommen – einen Festakt am Freitag (20.4.) und danach neue Plaketten an Denkmälern und Gebäuden.

veröffentlicht am 20.04.2018 um 07:00 Uhr

Heinrich Göbel auf einer Aufnahme aus seiner Zeit in New York im Jahr 1893 – kurz vor seinem Tod. Foto: Archiv

Autor:

Christian Zett und Marita Scheffler
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Die Stadtverwaltung will diesen Spagat zwischen Gedenken und Einordnung stemmen: Einerseits mit dem Geburtstags-Festakt samt Vortrag von Hans-Christian Rohde, der 2006 mit seiner Doktorarbeit zur „Göbel-Legende“ die Debatte um Göbels Erfindung in Springe anstieß.

Und andererseits mit einem Schulprojekt am Otto-Hahn-Gymnasium, an dessen Ende Bürgermeister Christian Springfeld die historischen Göbel-Orte in Springe mit neuen Plaketten versehen möchte. Die Botschaft: „Wir wollen darauf hinweisen, dass bezweifelt werden darf, dass Göbel der Erfinder der Glühlampe ist“, sagt Springfeld.

Den Festvortrag am Freitag hält – ausgerechnet, mag manch einer sagen – Hans-Christian Rohde. Der Historiker und inzwischen pensionierte Lehrer hatte 2006 eine umfangreiche wie aufsehenerregende Doktorarbeit vorgelegt. Tenor: Dass Göbel die Glühlampe erfunden hat, sei eine Legende – entstanden aus einer Mischung aus Wirtschaftskrimi, Blenderei und Ideologie.

Spuren im Springer Stadtbild: Die Göbelbüste am Amtsgericht (1266). Foto: christian zett
  • Spuren im Springer Stadtbild: Die Göbelbüste am Amtsgericht (1266). Foto: christian zett

Springfeld versichert nun, Rohde wolle ein durchaus vielfältiges Bild von Göbel zeichnen: „Es geht darum, warum wir stolz auf ihn sein können als Lokalhelden. Aber eben auch darum, dass er nicht der Erfinder der Glühbirne sein kann.“ Denn diesen Umstand, das räumt Springfeld freimütig ein, hält er für wissenschaftlich nicht haltbar: „Das darf bezweifelt werden.“ Laut Springfeld wird eine lokale Bäckerei extra für den Anlass ein Göbel-Gebäck produzieren. Mit einem ähnlichen Vorschlag war Rohde selbst vor einigen Jahren noch am Veto der Politik gescheitert.

Es geht darum, warum wir stolz auf ihn sein können als Lokalhelden. Aber eben auch darum, dass er nicht der Erfinder der Glühbirne sein kann.

Christian Springfeld, Bürgermeister

Über den Göbel-Geburtstag hinaus will sich Springfeld dann an die andere Seite der Medaille machen: an die Aufarbeitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Und an den offiziellen Abschied von Springe als Geburtsort des Erfinders der Glühbirne, der an zahlreichen Stellen im Stadtgebiet noch beworben wird. „Wir möchten darauf hinweisen, dass es inzwischen neue Erkenntnisse gibt“, sagt der Bürgermeister. Rohdes Arbeit zufolge ist die in verschiedenen Patentstreitigkeiten mit Thomas Alva Edison von Göbel aufgestellte Behauptung, bereits 1854 (25 Jahre vor Edison) eine elektrische Glühlampe mit einem Glühfaden aus verkohlter Bambusfaser erfunden zu haben, nicht haltbar. Rohde hatte für seine Doktorarbeit auch in Quellen in den USA geforscht. „Die Behauptung hielt jedoch einer Beweisführung nicht stand und wurde sowohl in Patentprozessen 1893 in den USA als auch von Historikern in jüngerer Zeit als unwahr zurückgewiesen. Gegner Edisons streuten die Legende später weiter; besonders in Deutschland konnte sie sich lange halten“, schreibt beispielsweise der aktuelle Brockhaus.

Bürgermeister Springfeld wurmt, dass Springe nach außen hin mitunter so wirke, als ignoriere man hier den Stand der Forschung. Beispiel: Im Reiseführer „111 Orte rund um Hannover, die man gesehen haben muss“, 2016 erschienen, ist das große Göbelbirnen-Denkmal Ort Nummer 81. Untertitel des Kapitels: „Neues aus Lügenlampenhausen“.

An Orten wie eben jener Göbel-Birne, die bis Freitag restauriert wird oder an der Göbel-Büste am Amtsgericht sollen nach Springfelds Plan entsprechende neue Plaketten angebracht werden. Wie genau diese aussehen sollen, will Springfeld zusammen mit dem Otto-Hahn-Gymnasium erarbeiten: Die Schule habe sich dankenswerterweise zu einem gemeinsamen Projekt bereit erklärt: „Mit den Schülern wollen wir erarbeiten, welche Botschaften wir wie kundtun wollen“, sagt Springfeld.

Unbezweifelbar“ stehe fest, schreibt Hans-Christian Rohde auch in seiner Göbel-Doktorarbeit, dass der Springer als Johann Heinrich Christoph Conrad Göbel geboren wurde – und zwar am 20. April 1818 „mittags um ein Uhr“. So habe das Kirchenbuch der St.-Andreas-Gemeinde vermerkt.

Am 13. November 1848 wanderte Göbel mit seiner Familie in die USA aus, wo er schließlich als „Henry Goebel“ die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangte. Später wurde er dann bekannt, weil er behauptete, bereits in Springe die Glühlampe erfunden, aber kein Patent angemeldet zu haben.


Rohdes Arbeit ist 2007 im Völksener „Zu Klampen“-Verlag als Buch „Die Göbel-Legende“ erschienen und bis heute im Buchhandel für 29,80 Euro erhältlich.

Information

Edison startete die industrielle Massenfertigung der Glühbirne

Das Prinzip der Glühbirne ist simpel: Ein dünner Draht – zuletzt meist aus Wolfram – wird durch elektrischen Strom so stark erhitzt, dass er leuchtet. Die Glasbirne war in der Regel mit einem Gasgemisch gefüllt, um ein Verdampfen des Glühdrahts zu verhindern. Die Glühbirne ist ein Energieverschwender: Nur etwa 3 bis 5 Prozent des verbrauchten Stroms setzt sie tatsächlich in Licht um – der Rest verpufft als Wärme.

Das erste Patent für eine Glühlampe erhielt 1841 der Engländer Frederick de Moleyns, der Holzkohlepulver zwischen zwei Platindrähten erhitzte. Als Entwickler der ersten brauchbaren Glühlampe gilt der deutsche Uhrmacher und Optiker Heinrich Göbel, der 1854 eine Lampe mit einem Bambuskohlefaden baute. Der wirtschaftliche Durchbruch kam erst mit der langlebigen Kohlenfadenlampe, die der US-Amerikaner Thomas Alva Edison 1880 patentierte.

Die Presse verkündete 1879 Edisons Erfindung als Sensation – aber da war sie eigentlich schon ein Vierteljahrhundert alt. Zwar entwickelte Edison 1879 seine Kohlenfadenlampe und startete mit dieser Glühbirne die industrielle Massenfertigung. Edison bastelte dann weiter an dem Prinzip der Glühlampe und machte sich auf die intensive Suche nach einem geeigneten Glühdraht. 2000 Materialien soll er getestet haben, bis er es dann mit einem verkohlten Baumwollfaden versuchte. Seine Birne brannte 40 Stunden lang.



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