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Zirkus mit der Familie? Aber klar doch!

Sie lieben bereits den Applaus, die dreijährige Alischa und ihr ein Jahr älterer Bruder Antonio, ein aufgeweckter blonder Knabe, der mit Leichtigkeit vor großem Publikum einen Handstand auf den ausgestreckten Armen seines Großvaters macht. Der heißt Klaus Köhler (63) und ist Direktor des „Circus Belly“, eines traditionellen Familienzirkus’, der zurzeit in Rinteln gastiert.

veröffentlicht am 17.06.2011 um 13:27 Uhr

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„Ich war ebenfalls schon als Kind dabei“, sagt er. „Wir sind Komödianten von je her, wir sind damit so tief verwurzelt, dass selbst die Kleinsten sich richtig danach sehnen, in der Manege aufzutreten.“ Das stimmt. „Treten Sie ein!“ kräht der blonde Antonio, während er über das Wagenburg-Gelände flitzt. „Lassen Sie allen ihren Kummer draußen!“ Es ist, als warte er nur darauf, selbst einmal der Direktor des Circus Belly zu sein.

Sein Großvater Klaus Köhler war wohl auch mal so ein breit lächelnder kleiner Kerl, der darauf brannte, wie seine älteren Brüder einen eigenen, wichtigen Teil zur Familienarbeit beizutragen. Dabei sah es zuerst fast so aus, als hätte seine Mutter dem Zirkusleben abgeschworen. Sie war eine wunderschöne Frau gewesen, Seiltänzerin im „Circus Belly“, der im Jahr 1920 von ihrem Vater, der selbst aus einer Zirkusfamilie stammte, in Pommern gegründet wurde. Während ihrer Vorstellung bezauberte sie den Studenten Max Köhler, der später Flugzeugkontrolleur wurde, so sehr, dass er ihr hinterher reiste, manchmal mit dem Fahrrad über 200 Kilometer weit, bis er endlich ihr Herz gewonnen hatte.

„O ja, sie liebte ihn sehr“, sagt Klaus Köhler. „Seinetwegen wurde sie sesshaft – das ist wohl der größte Liebesbeweis für eine Zirkusfrau.“

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Zirkusdirektor Klaus Köhler (63) führt Schimpanse Robby herum. Mit 14 Jahren bekam er drei junge Braunbären, die er dressierte.

Während ihre Familie weiter mit dem Zirkus durch die Lande zog, bekam sie ihre ersten vier Kinder (insgesamt wurden es acht), und konnte doch nur so richtig glücklich sein, wenn sie die Kleinen an die Hand nahm und lange Wanderungen mit ihnen machte. „Ich musste raus“, erzählte sie später oft. „Ich konnte das Leben im Haus einfach nicht ab!“

Dann kam der Zweite Weltkrieg, die Flucht, die die Mutter ohne ihren Mann bewältigen musste, und als sie in Westdeutschland anlandeten, gelang es ihr, von den Engländern ausgemusterte Pferde und einen Wagen zu organisieren. Das Komödiantenleben, das auch für die anderen Zweige der Familie erst einmal zusammengebrochen war, es begann von Neuem.

Von Dorf zu Dorf zogen die Bellys, traten mit kleinen Artistennummern in den Sälen der Gastwirtschaften auf, hörten sich um, wo Schützenfeste und Feuerwehrbälle stattfanden, um ihre Einlagen anzubieten, und überall wurden sie in dieser Zeit ohne Fernseher und fast ohne Kinos mit Freuden aufgenommen, diese Truppe, die überwiegend aus ganz jungen Leuten bestand. Max, der Flugzeugkontrolleur, der dann dazu stieß, ließ seinen bürgerlichen Beruf sausen und entwickelte ein großes Talent als Zauberer und Conferencier, der ganze Säle unterhalten konnte. Auch in den Hafenkneipen von Hamburg und Kiel waren die Bellys oft zu Gast. Die Kleinsten, darunter Klaus Köhler, liefen nach den zehnminütigen Vorstellungen herum, um ein Benefit, ein Trinkgeld, einzusammeln.

„Ja, so bin ich aufgewachsen“, sagt er. „Für uns Kinder war es eine Welt, in der wir ständig staunten. Und ja auch selbst bewundert wurden. In den Gaststätten und auf den Schützenfesten machten wir zugleich Werbung für unseren Zirkus, denn bald hatten wir wieder ein kleines Zelt und einen Traktor, der die Wagen zog. Wir brauchten ja auch Geld, um unsere Tiere über den Winter zu bringen. Jeder von uns musste das entdecken, was in ihm steckt, damit wir alle überleben konnten. Niemals haben wir eine Kommune zur Last gelegen, auch nicht in den wirklich harten Zeiten.“

Dass der heute so große, gepflegte, perfekt organisierte Zirkus mit seinen vielen Tieren und dem riesigen Zelt so klein begonnen hatte, kann man sich kaum mehr vorstellen. Noch erstaunlicher ist im Nachhinein, dass Direktor Klaus Köhler, der mit seinen einfühlsamen Tierdressuren das Publikum regelrecht bezaubern kann, niemals einen wirklichen Lehrer hatte, der ihm gezeigt hätte, wie man sich auch wilde Tiere so vertraut macht, dass sie bereit sind, in der Arena ihre Kunststücke zu zeigen.

„Nun, ich war schon immer ein verrückter Reiter und überhaupt, ich kam von unseren Tieren sowieso nicht los. Ich ging ja nicht in Discos, ich war den ganzen Tag bei den Tieren, habe sie gefüttert, mit ihnen gespielt, sie geputzt und mein allergrößter Wunsch war es, Bären zu besitzen. Das sind nämlich echte Akrobaten, schlauer, viel schlauer als die Raubkatzen.“

Er war gerade mal 14 Jahre alt, als er drei junge Braunbären bekam. „O – ich wurde geschubst und gezerrt, gekratzt und angefaucht“ sagt er lachend. „So manches Mal schon habe ich mein Ende gesehen.“ Aber auch die Bären waren ja noch Kinder, gewiss unerfahrener als der Teenager, der sie dressieren wollte. „Man muss ein Händchen für den respektvollen Umgang mit ihnen haben“, so Köhler. „Und ein Auge ebenfalls. Man spürt, welches Tier klug und interessiert ist, welches was lernen will und damit den anderen voran geht. Die Dummerchen, die müssen mitlaufen.“

Sein Lieblingsbär wurde ein richtiger Star, weil er nämlich auf einem Pferd reiten konnte, ja, er wurde auf dem Rücken eines Pferdes mitten durch die Stadt Oldenburg geführt – eine Sensation.

Da hatte Klaus Köhler aber auch schon seinen ersten Zirkuspreis erhalten, für seine Vielfältigkeit als Artist und Tierlehrer und dafür, dass sein Engagement dazu beitrug, die Tradition der Familienzirkusse mit ausgezeichneten Nummern und sorgfältigem Umgang mit Mensch und Tier am Leben zu erhalten. Sein Pferd „Feuerpfeil“ sprang durch brennende Reifen und wurde damit richtig berühmt. „Ich sage ihnen, mein Pferdchen, dem gefiel das! Es war ganz wild darauf, ständig neue Sachen zu lernen. Heute hört man oft, das sei Tierquälerei. Nein! Tiere wollen herausgefordert und beschäftigt werden.“

„Feuerpfeil“ galt als der beste Steiger in Deutschland, ein gemaltes Porträt des hübschen Arabers hängt noch immer im Wagen des Zirkusdirektors.

Das Gelände im Rintelner Industriegebiet Süd, wo der Zirkus derzeit seine Wagen und das Zelt aufgebaut hat, wo Außengehege eingerichtet wurden für die Kamele, Lamas, die vielen Pferde, Löwen und Tiger auch und den alten Schimpansen Robby, es wirkt wie ein Dorf, eine kleine eigene Welt. Gordon, einer der Söhne, der in der neuen Show als geheimnisvoller Abkömmling des Urvolkes aus dem Film „Avatar“ durch die Lüfte fliegt, er steht gerade auf einem Wagendach und schrubbt den Staub herunter. Die Kinder laufen spielend von einem Gehege zum anderen, eine der erwachsenen Töchter bereitet das gemeinsame Mittagessen vor und Sohn Ruwen, der Amphibien über alles liebt und in seinem Auftritt Krokodile und Riesenschlangen wie niedliche Haustiere aussehen lässt, er überlegt, ob er ausnahmsweise mal einen Kaffee in der Stadt trinken soll, weil er sowieso zum Optiker gehen muss.

„Ich war schon in fast allen Städten Norddeutschlands“, sagt er, „aber eigentlich habe ich immer nur die Plätze kennengelernt, wo wir unsere Wagenburg aufschlagen. Irgendwie kommt man hier gar nicht weg.“ Seinem Vater Klaus Köhler geht das nicht anders. Urlaub, bei diesem Stichwort lacht er nur. Noch niemals in seinem ganzen Leben habe er Urlaub gemacht.

Der Zirkus, das ist die Welt, in der sich die Familie bewegt. Als seine sechs Kinder noch klein waren, hatten sie eigens eine Lehrerin engagiert (das Land Nordrhein-Westfalen stellt dazu gewisse Mittel bereit). Jetzt sind es zwei Au-pair-Mädchen, die bei der Kinderbetreuung helfen, quasi die Kindergärtnerinnen für Alischa und Antonio. Der elfjährige Lorenzo lernt über ein spezielles Internetprogramm, was er für seinen Schulabschluss braucht.

Da fragt man sich doch, wie Klaus Köhler und seine Kinder überhaupt andere Menschen näher kennenlernen und ihre Lebensgefährten finden. Wieder kann der Zirkusdirektor nur lachen. Seine Frau Waldtraut, die an der Kasse sitzt und ihm bei der tollen Nummer mit dem Schimpansen und dessen beiden quirligen Hundefreunden hilft, sie stammt zwar aus einer Bäckerfamilie, arbeitete aber bereits als Tierpflegerin, als sie sich vor vielen Jahren in den charmanten Tierlehrer verliebte. Eine seiner Töchter ist mit Rudi Althoff aus der berühmten Althoff-Zirkusfamilie verheiratet, und überhaupt: Es sei gar nicht so wichtig, wen man liebt, sondern, dass man von ganzem Herzen liebt, so der Zirkusmann. „Dann ergibt sich der Rest meist von ganz allein.“

Weitere Shows: Die Zirkusshow, deren Artistennummer Szenen aus großen Kinofilmen aufnehmen (wir berichteten am vergangenen Freitag), sie kann in Rinteln noch an diesem Wochenende in der Heisterbreite im Industriegebiet Süd (ehemaliges ASR-Gelände, gegenüber Aldi) bestaunt werden: heute und morgen um 16 Uhr, am Sonntag, 19. Juni, um 11 Uhr. Der Weg ist gut ausgeschildert.

Ermäßigungskarten gibt es in einigen Rintelner Geschäften und über das Internet: www.circus-belly.de.

Das Unternehmen von Klaus Köhler ist ein echter Familienbetrieb: Seine sechs Kinder arbeiten darin ebenso wie deren Partner, auch seine zwei Enkelkinder sind bereits eingespannt. Sie alle zusammen sind der „Circus Belly“. Besuch bei einer Familie der beinahe magischen Art.



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