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Der Dreißigjährige Krieg hinterließ seine Spuren in den Dörfern der Grafschaft Pyrmont

Zerstörte Höfe und verlassene Häuser

Das 17. Jahrhundert begann für die fünf Pyrmonter Bergdörfer auf der Ottensteiner Hochebene Baarsen, Eichenborn, Großenberg, Kleinenberg und Neersen äußerst folgenreich. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges vor fast genau 400 Jahren brachte auch für die Bewohner der Grafschaft Pyrmont großes Leid und Elend.

veröffentlicht am 21.07.2018 um 09:02 Uhr

Dieser Kupferstich zeigt die Belagerung der Festung Pyrmont in den Jahren 1629/30. Er ist 1736 in einem Buch von Johann Philipp Seip veröffentlicht worden. Repro: Warnecke

Autor:

Wolfgang Warnecke
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Mit dem Erwerb der beiden braunschweigischen Lehnsgüter Baarsen und Neersen 1598 durch Gräfin Walburga von Gleichen-Tonna, geb. von Spiegelberg-Pyrmont, gehörten die fünf „oberbergischen Gemeinden“ endgültig rechtskräftig zur Grafschaft Pyrmont. Nach ihrem Tod übernahmen ihre beiden Söhne Graf Philipp Ernst und Graf Hans Ludwig von Gleichen-Tonna gemeinsam die Herrschaft in Pyrmont.

Ausgelöst durch den Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618, als protestantische böhmische Stände unter anderen ihren König aus dem Hause Habsburg vorwarfen, die Religionsfreiheit zu verletzten, begann vor fast genau 400 Jahren der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648). Dieser zerstörende Konflikt brachte auch auf lokaler Ebene für die Bewohner in der Grafschaft Pyrmont großes Leid und Elend. Zu den enormen Kriegs- und Naturalschäden kamen Hungersnöte und Seuchen, sodass im Laufe der Auseinandersetzungen ganze Landstriche zum größten Teil verlassen und entvölkert waren. Die enormen Kriegsbelastungen hatte vor allem die Bevölkerung zu tragen, da sie zum großen Teil für die Ernährung und Bezahlung der jeweiligen durchziehenden Kriegsparteien aufzukommen hatte. Man nahm und plünderte, was gerade gebraucht wurde oder man ließ es sich bringen.

Da die beiden gräflichen Brüder von Gleichen-Tonna keinen direkten Nachfolger hatten, war für sie zeitlich absehbar, dass das thüringische Grafenhaus aussterben würde. Aus diesem Grund sagten sie bereits 1619 vertraglich zu, die ihnen gehörende Grafschaft Pyrmont testamentarisch den Grafen Christian und Wolrad von Waldeck zu übertragen.

Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert: Erst Graf Georg Friedrich von Waldeck-Pyrmont gelang es, aus Pyrmont einen Kur- und Badeort zu entwickeln. Der Kupferstich stammt aus der Sammlung des Museums im Schloss. Foto: Warnecke
  • Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert: Erst Graf Georg Friedrich von Waldeck-Pyrmont gelang es, aus Pyrmont einen Kur- und Badeort zu entwickeln. Der Kupferstich stammt aus der Sammlung des Museums im Schloss. Foto: Warnecke

Die verwandtschaftliche Verbundenheit der beiden Herrschaftshäuser bestand darin, dass sich Graf Günther von Waldeck-Wildungen 1582 in zweiter Ehe mit der Schwester der beiden Gleichen-Brüder, Margarethe von Gleichen-Tonna, vermählt hatte. Dieser Ehe entstammte der 1584 auf Schloss Friedrichstein in Alt-Wildungen geborene Sohn Wilhelm Ernst, der jedoch schon im Alter von 14 Jahren 1598 verstarb. Trotz dieser eher weitläufigen Verwandtschaft übergab Hans Ludwig von Gleichen, nachdem sein Bruder Philipp Ernst 1619 verstorben war, den beiden gräflichen Brüdern aus der Linie Waldeck-Eisenberg, Christian I. und Wolrad IV., am 7. Mai 1625 das „völlige Commando und Besitz in besagter Vestung und Grafschaft Pyrmont“. Dieser Herrschaftswechsel wurde offiziell am 7. Mai 1625 mit der feierlichen Übergabe aller zehn zur Grafschaft Pyrmont gehörigen Dörfer Oesdorf, Holzhausen, Löwensen, Thal und das Bergdorf Hagen sowie die Dörfer Baarsen, Eichenborn, Großenberg, Kleinenberg und Neersen auf der Ottensteiner Hochebene vollzogen. Seinen frühzeitigen Herrschaftsverzicht rechtfertigte Graf Hans Ludwig von Gleichen damit, dass es infolge seiner angegriffenen Gesundheit und den anhaltenden und sehr unruhigen Kriegszeiten für ihn unmöglich sei, „alle Zeit nach besagter Grafschaft Pyrmont zu reisen“.

Ein Erbfolgekonflikt führte in diesen unruhigen Kriegszeiten zu einem viermaligen Herrschaftswechsel innerhalb der Grafschaft Pyrmont

Im Oktober 1621 marschierten erstmals neugeworbene Söldnertruppen des Herzogs Christian von Braunschweig, auch der „Tolle Christian“ genannt, in die Grafschaft Pyrmont ein, als ihnen die Herrschaft in Wolfenbüttel keine weitere Aufenthaltsgenehmigung mehr gestattete. Überliefert ist, dass sich eine dieser Abteilungen eigenmächtig in der „Oberen Grafschaft“ im Kirchdorf Neersen auf der Ottensteiner Hochebene einquartieren wollte, worauf aber von den Neersener Einwohnern Sturm geläutet wurde und sich daraufhin die ängstlich gewordenen Söldner nach Eichenborn zurückzogen.

Um sich hier Unterkunft zu verschaffen, verjagten sie gewaltsam die Eichenborner Bewohner und plünderten anschließend in den Häusern. Ein Großteil der Männer kampierte „bey verschiedenen großen angezundeten feuern“ in einem Feldlager außerhalb des Dorfes auf freiem Feld. Als den Eichenbornern etwa 30 Männer aus Großenberg zu Hilfe eilten, kam es zu den ersten Kampfhandlungen des Dreißigjährigen Krieges im Bereich der Pyrmonter Bergdörfer. Die Dörfer Eichenborn, Großenberg und Neersen sowie die Orte Oesdorf und Löwensen im Pyrmonter Tal sollen in diesem Zusammenhang komplett ausgeplündert worden sein. Im Oktober 1623 besetzten Regimenter des berüchtigten Heerführers Johann T’Serclaes Tilly die gesamten zehn Dörfer der Grafschaft Pyrmont.

Einen Kur- und Badeort Pyrmont mit komfortablen Kur- und Badeeinrichtungen und großzügigen Logierhäusern gab es noch nicht. Das Zentrum bildete die 1526 von Graf Friedrich von Spiegelberg erbaute Festungsanlage, die er in der Nähe zu der damals aber bereits weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannten Hylligen-Born-Quelle anlegen ließ. Sein Sohn Philipp ließ 1557 die Festungsanlage mit dem Bau eines großzügigen Renaissanceschlosses ausbauen.

Für die Grafen Christian und Wolrad von Waldeck gestaltete sich die Inbesitznahme der Grafschaft Pyrmont als äußerst schwierig, denn wie in den Jahrzehnten zuvor meldete im Zuge der Gegenreformation im Juli 1629 das Bistum Padernborn für das Hochstift seine Ambitionen an. Dieser innerliche Erbfolgekonflikt zwischen dem Bistum Paderborn und dem protestantisch geprägten Haus Waldeck führte in diesen unruhigen Kriegszeiten zu einem viermaligen Herrschaftswechsel innerhalb der Grafschaft und brachte zusätzlichen Zündstoff und weitere hohe Kriegsbelastungen für die Bevölkerung.

Die Festungs- und Schlossanlage, in der auch die gräfliche Verwaltung untergebracht war, erfuhr eine mehrmonatige Belagerung durch bischöfliche Truppen Paderborns. Hierbei soll auch das Hausarchiv der einstigen Grafen von Pyrmont, dass wohl seit 1536 in einem westlichen Schlossturm untergebracht war, durch angeblich „vorsetzlichen“ Beschuss Paderborns in Brand gesetzt und zum größten Teil vernichtet worden sein.

Sogar der kaiserliche Generalfeldmarschall Graf Gottfried Heinrich von Pappenheim griff im Spätsommer 1630 in diesen Erbstreit persönlich in das Geschehen pro Waldeck ein. Denn als sich die Schlossbesatzung unter dem waldeckischen Schlosskommandanten, Drost Bernhard Heinrich von Dalwigk, bereits gezwungen sah, aufgrund des Mangels an Lebensmitteln zu kapitulieren, konnte der Generalfeldmarschall die Festungsanlage beinahe in letzter Sekunde den Paderborner Belagerern entreißen und sie somit für das Waldecker Grafenhaus sichern.

Durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges war die Grafschaft Pyrmont in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von einem wirtschaftlichen Niedergang betroffen. Erst allmählich erholte man sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte davon. Die Höfe und Häuser in den Dörfern waren weitgehend unbewohnt und zerstört. Die Äcker waren zum größten Teil unbestellt und die Viehbestände der Bauern beinahe vollständig vernichtet. Konkrete und weitsichtige Aufbaumaßnahmen der bäuerlichen Verhältnisse erfolgten erst maßgeblich unter der Regentschaft des späteren Fürsten Georg Friedrich zu Waldeck-Pyrmont, der mit dem Pyrmonter Hauptvergleich von 1668 eine Neuordnung der inneren Verwaltung einleitete und die Struktur für den späteren Kur- und Badeort Pyrmont entwickelte.



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