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Zeitung, die man nicht liest, sondern hört

Für viele von uns gehört sie zum morgendlichen Ritual: die Lektüre der lokalen Tageszeitung. Wir gehen zum Briefkasten, kochen uns einen Kaffee und schlagen gespannt die erste Seite auf. „Na, so was“, sagen wir dann oder „Das habe ich mir schon immer gedacht.“ In einer halben Stunde haben wir die meisten Artikel überflogen und fühlen uns gut informiert. Was uns sehenden Lesern leichtfällt, hat blinden und sehbehinderten Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten große Probleme bereitet.

veröffentlicht am 06.03.2011 um 18:43 Uhr

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„Da gab es die vielen Erleichterungen wie das Internet, Scanner oder Screen-Reader für Computer noch nicht“, erinnert sich Dr. Wilfried Gutschke aus Stadthagen. Für den 75-Jährigen – er litt an einem Tunnelblick und ist seit 20 Jahren vollblind – bot das Abonnement der heimischen Hörzeitung deshalb einen echten Mehrwert. „Durch das Hören von ,Nachrichten aus dem Schaumburger Land‘ habe ich einen guten Überblick über alle aktuellen Entwicklungen. Außerdem muss ich meine Frau nicht immer bitten, mir vorzulesen.“ Was sich durchaus positiv auf das familiäre Umfeld auswirken kann. Denn oft seien, so Gutschke weiter, Angehörige von Blinden überbeansprucht. „Manch einem fällt um drei Uhr nachts ein, dass er unbedingt noch diesen Artikel vorgelesen haben muss. Die Hörzeitung biete da die Freiheit, sich jederzeit selbst zu informieren.“ Zufrieden ist Gutschke aber nicht nur mit dem Medium an sich – die Qualität der Hörzeitung überzeugt ihn ebenfalls. „Die Auswahl ist sehr gut geworden, das war früher nicht immer so. Inzwischen kommen die Berichte aus Bereichen, die mich interessieren. Und der Ton stimmt auch.“ Bevor Gutschke die Zeitungs-CD in Händen hält, legt diese einen weiten Weg zurück. Erste Station ist ein großes gelbes Haus in Bückeburg. Hier, wo die Paritätische Gesellschaft ihren Sitz hat, treffen sich einmal in der Woche neun Damen zur Redaktionskonferenz. Bei Kaffee und Kuchen wird dann beschlossen, welcher Artikel zum Beispiel aus unserer Zeitung auf Band gesprochen wird. „Wir achten vor allem auf eine gute Mischung und umfassende Information“, erklärt Team-Mitglied Annegret Meyer. „Außerdem müssen wir darauf achten, ausgewogen zu berichten und Artikel nicht einfach wegzulassen, auch wenn wir den einen oder anderen Politiker vielleicht mal nicht mögen.“

Ein Blick auf die Uhr zeigt: Die Deadline rückt näher, noch am selben Abend muss das fertige Tonband beim „ATZ e.V. (Aktion Ton Zeitung) – Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde“ in Holzminden vorliegen. Dort werden die Aufnahmen dann aufbereitet und schließlich versendet.

In dem kleinen Redaktionsraum der Schaumburger Hörzeitung wird es langsam hektisch. „Das ist wie in einer echten Redaktion“, erklärt Annegret Meyer, „wir haben immer die Zeit im Nacken“. Damit es nicht zu eng wird, hat das Team die meisten Arbeitsschritte zu Hause vorbereitet. Das heißt vor allem: kürzen, kürzen und noch mal kürzen. „Weil wir nur einmal in der Woche erscheinen, müssen wir sechs Ausgaben auf 90 Minuten bringen. Da wollen wir natürlich möglichst viel abbilden“, erläutert Meyer.

Im Sprechzimmer hat derweil Gisela Dohmann Stellung bezogen. Seit 19 Jahren ist die alte Dame für die Hörzeitung aktiv, ihr Interesse für Geschriebenes rührt schon aus Kindheit und Jugend. „Mein Vater war Buchhändler und meiner im Alter von 58 Jahren erblindeten Mutter habe ich später einmal in der Woche vorgelesen“, sagt sie und spricht dann laut und artikuliert einen Text aus unserer Zeitung ins Mikrofon. „Keiner will am Südharrl bauen“, intoniert sie die Überschrift. „Der Ausschussvorsitzende Bernd Insinger (SPD) stellte fest: Der Preis ist der wesentliche Hinderungsgrund.“ Nach rund 40 Sekunden ist es geschafft, Annegret Meyer drückt den Stopp-Knopf. „Das geht ja richtig fix heute“, meint sie verschmitzt und rückt sich den großen Kopfhörer zurecht.

Rund drei Stunden brauchen die ehrenamtlichen Helferinnen dann aber doch, bis alles sitzt. Denn der Artikel über die Bebauungs-Situation ist nicht der einzige, der an diesem Tag auf das alte Kassettendeck gesprochen wird. „Es gibt auch Berichte über Aldi, das Storchen-Nest in Petzen und das Klinikum Schaumburg“, teilt Meyer mit. Die Mischung macht’s, davon sind die Mitarbeiterinnen überzeugt. „Jeder hat bei der Auswahl eigene Vorlieben. Wir hatten mal eine Kollegin, die sich besonders für die Polizeiberichte interessierte“, schildert Annegret Meyer. „Frau Dohmann beispielsweise mag besonders die Kultur und Frau Zagorc die Heimatgeschichte. So hat jeder seinen Bereich und bleibt es immer interessant.“

Abwechslungsreich werden die einzelnen Ausgaben der Hörzeitung zudem durch die zahlreichen Stimmen der verschiedenen Vorleserinnen. „Mir ist es einmal passiert, dass ich einen blinden Mann angesprochen habe, um ihn zu fragen, ob er sich für ein Abo interessiert und er zu mir sagte: ,Ich habe ihre Zeitung schon und erkenne auch ihre Stimme, Frau Zagorc‘“, erzählt Roswitha Zagorc. Trotz solch schöner Erlebnisse – ein wenig mehr Resonanz würden sich Damen schon wünschen. „Wir hoffen, dass wir wieder mehr Abonnenten bekommen“, sagt Annegret Meyer. „Einige haben wohl die Umstellung auf das neue digitale System nicht mitgemacht.“ Das belegen auch die überregionalen Zahlen von ATZ, die Anfang 2010 ein Minus von 15 Prozent bei den Abonnementszahlen hinnehmen mussten (8081 Abonnements gegenüber 9335 im Vorjahr).

In Schaumburg kann man das verstehen – „viele trauern ihrem alten Tonbandgerät nach, mit dem sie auch nachts umgehen konnten“, sagt Meyer, meint aber auch: „Die Vorteile der CD sind sowohl für uns als auch für den Hörer groß.“ Das Problem liegt aber auch in der Altersstruktur: „Manch ein Älterer möchte oder kann sich nicht mehr umstellen.“ Ein Service, den die Schaumburger Hörzeitung anbietet, soll dem entgegenwirken. Meyer: „Wir bieten nicht nur CD-Geräte zum Verleih an, sondern kommen auch vorbei und erklären das neue System.“

Ein Blick in die Geschichte zeigt, weshalb die Kompaktkassette so viele Anhänger hatte und immer noch hat. Damals, Anfang der 70er Jahre, bot das neue Medium Blindenhörbüchereien und Selbsthilfevereinen die Möglichkeit, Tonbänder schnell und unkompliziert zu vervielfältigen. Die Idee, Artikel aus Lokalzeitungen auf Band zu sprechen und zu versenden, war geboren. War die Kassette bis vor einigen Jahren noch „state of the art“, wurde ab 2004 mit der Umstellung auf CDs im Daisy-Format begonnen. Daisy steht für „Digital Accessible Information System“ und ist der Name eines weltweiten Standards für navigierbare und barrierefrei zugängliche Multimedia-Dokumente. Das Besondere an dieser Software: Sie bietet umfassende hierarchische Navigationsfunktionen, der Benutzer kann einzelne Kapitel, Seitenzahlen, Sätze oder Fußnote direkt „anspringen“. Außerdem kann die Sprechgeschwindigkeit kontrolliert werden und die Sprache mit Texten oder Bildern verknüpft werden. Die Möglichkeiten sind schier unendlich. Einziges Manko ist der hohe Preis eines speziellen Players. Die Hörzeitung kann der Hörer aber auch mit einem normalen MP3-Gerät verarbeiten. Tipp: Zur Anschaffung eines Daisy-Players kann Unterstützung beantragt werden.

Auch die ATZ bietet die 70 von ihr vertriebenen Titel (Spiegel, Zeit, Taz und viele mehr) in der Regel im Daisy-Format an. Gegründet wurde der Holzmindener Verein der Blindenselbsthilfe im Jahr 1972 – der Blindenvereins-Vorsitzende Hans-Dieter Seiler wollte beim Zeitungslesen nicht länger auf seine Familienangehörigen angewiesen sein.

Inzwischen ist aus kleinen Anfängen eine große Organisation geworden, der etwa 400 Menschen ehrenamtlich zuarbeiten. Neben den Magazinen kann man über das Netz der ATZ auch lokale Hörzeitungen aus vielen verschiedenen Regionen Deutschlands beziehen. Auf Band gesprochen werden diese von den verschiedenen Arbeitsgruppen – etwa aus Bückeburg in Schaumburg oder Holzminden und Höxter. Zwei leistungsfähige Kopiertürme, jeweils bis zu 15 CD-Brenner, selbst entwickelte Computerprogramme für die Gestaltung oder Kopiervorbereitung von Daisy-Medien und moderne Roboter zum Kopieren und Bedrucken von CDs sorgen dafür, dass wöchentlich über 8000 Abonnenten ihre Zeitung hören können.

Sorge bereitet dem Verein allerdings die weitere finanzielle Entwicklung. Der Einbruch bei den Abonnentenzahlen Anfang 2010, die große Konkurrenz durch die Gratiskultur des Internets und fast kostenlose Hörzeitungen von Wohlfahrtseinrichtungen schmälern den Umsatz.

„Unsere Preise müssen die Kosten decken – und sie sind so kalkuliert, dass wir auch weiterhin sehr kleine, für sich unrentable Hörzeitungsprojekte möglich machen. Denn nur dadurch ist eine vergleichbare Informationsversorgung auch abseits der Metropolen möglich: Die lokale Information bleibt uns ein wichtiges Anliegen“ heißt es seitens des Vereins. Auch in Bückeburg gibt man sich keinen Illusionen hin: „Wir machen eher ein Angebot für Ältere. Junge Menschen sind mit dem Computer oder im Internet unterwegs.“ Trotzdem wollen die neun Damen definitiv weitermachen: „Auch dann, wenn wir nur noch ganz wenige Abonnenten haben.“

„Nachrichten aus dem Schaumburger Land“ bekommt man für monatlich 4 Euro, die örtliche Presse stellt die Texte kostenlos zur Verfügung. Über den Paritätischen Schaumburg gibt es nähere Infos unter (0 57 22) 9 52 20.

Weitere Informationen: ATZ – Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde, Postfach 1421, 3 75 94 Holzminden, Telefon (0 55 31) 71 53, Fax (0 55 31) 71 51, E-Mail: atz@blindenzeitung.de.

Wie informieren sich eigentlich Blinde oder Sehbehinderte über das aktuelle Geschehen vor Ort – vor allem in der Provinz, wo die lokale Tageszeitung oft die wesentliche Informationsquelle ist? Über eine Hörzeitung natürlich. Unsere Zeitung hat den Schaumburger Machern bei der Arbeit über die Schulter geguckt.

Die Artikel, hier einer aus unserer Zeitung, können aus Kapazitätsgründen nicht ganz übernommen werden. Deshalb wird gekürzt, außerdem schreiben sich die Damen Regieanweisungen auf. Fotos: mig



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