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Für Pollenallergiker gab es nur eine kurze Schonfrist: In einigen Teilen Deutschlands hat der Flug der Haselpollen rund zwei bis drei Wochen früher als üblich begonnen. Im westlichen Niedersachsen wurde nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bereits ein sehr schwacher Pollenflug gemeldet. „Es ist kein explosionsartiger Pollenflug zu erwarten, viele Allergiker spüren aber bereits die ersten Anzeichen“, sagt die Medizinmeteorologin Angelika Grätz vom DWD.

veröffentlicht am 05.01.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Andrea Hentschelund Lars Lindhorst

Es ist eine Auswirkung des milden Winters: Die Heuschnupfenzeit beginnt in diesem Jahr früher als in kalten Wintern. Millionen Allergikern bescherten die klassischen «Frühblüher» nun wieder tränende Augen, Niesreiz, Schnupfen oder gar Atemnot und in schlimmen Fällen sogar Bronchialasthma. Den Pollenflug könnte nur ein plötzlicher Kälteeinbruch stoppen, doch der sei in den nächsten Tagen nicht zu erwarten, in den kommenden Tagen könnten laut DWD auch noch Erlen- und Birkenpollen fliegen.

Die Pflanzenwelt ist früh dran in diesem Jahr. Das bestätigt auch Matthias Großmann, Inhaber des Gärtnereibetriebs „Stauden Junge“ in Hameln. Weil „der Winter sehr warm“ ist, zeigen einige Zwiebelpflanzen bereits ihre Köpfchen. Bleibt es noch einige Tage mild, so werden sie austreiben, sagt Großmann. Zu allererst seien die Schneeglöckchen erste Botschafter des Frühlings. Problematisch allerdings werde es, wenn es plötzlich frostig wird und zu hohen Temperaturschwankungen komme. „Dann bekommen die Pflanzen regelrecht einen drauf. Blumenzwiebeln können das verkraften, bei manchen Sträuchern sieht das anders aus. Sie sterben ab“, sagt Großmann.

Wegen der milden Temperaturen sind auch viele Vogelarten in großer Zahl in der Region geblieben. Sie finden noch reichlich Futter wie Saaten, Regenwürmer und Insektenlarven. Eine Stechmückenplage etwa ist trotz der bislang milden Temperaturen im kommenden Sommer indes nicht zu erwarten. Die landläufige Meinung, je strenger der Frost desto weniger Mücken, stimme nicht, meint der Insektenforscher Frank Menzel. Die Eier der Stechmücken überwintern auf feuchten Wiesen. „Denen ist es egal, ob zehn Grad plus oder minus 15 Grad Celsius herrschen, sie trotzen sogar Temperaturen bis zu minus 40 Grad“, sagt der Experte vom Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg. Im Übrigen sind Mücken in Deutschland übers ganze Jahr und auch in der kalten Jahreszeit präsent – die sogenannten Wintermücken stechen allerdings nicht.

Die Meteorologen schließen nicht aus, dass es Ende Januar oder im Februar noch sehr kalt wird. Noch aber sei „keine richtige Kälte“ in Sicht, sagt der Sprecher des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach, Uwe Kirsche. Damit habe sich bislang die Jahreszeiten-Vorhersage bestätigt, die für dieses Jahr von einem insgesamt zu milden Winter ausgeht.

Der Landwirtschaft könnte der milde Winter dagegen noch einige Probleme bereiten. Mit den frühlingshaften Temperaturen setzt eine Mausplage ein, die in der Folge zu Ertragsausfällen führen kann, sagt der Agrarmeteorologe Franz-Josef Löpmeier vom DWD. Auch Blattläuse vermehren sich verstärkt. Die wiederum übertragen Viren, die das Getreide schädigen. Wintersaaten wie der Raps hingegen wachsen in milden Wintern zu schnell und werden krankheitsanfälliger, wie Löpmeier erläutert. Nicht zuletzt vermissen die Landwirte einen ordentlichen Frost, weil dieser den Boden auflockert. Etwas Positives sieht Schaumburgs Kreislandwirt Heinz Schweer angesichts der Temperaturen und Niederschläge dennoch: „Der Regen ist gut für die Neubildung des Grundwassers“, sagt er. Deshalb könne die Landwirtschaft mit dem milden Januarwetter noch „relativ gut leben“. Problematisch wird es nach Ansicht des Kreislandwirts, wenn sehr plötzliche Temperaturschwankungen auftreten würden. Getreide und Pflanzen stünden derzeit „voll im Saft“, ein Temperatursturz von mehreren Grad Celsius könnte dazu führen, dass das Getreide „auswintert“, also abstirbt, befürchtet Schweer. „Aber 14 Tage soll sich diese Wetterlage ja noch halten“, so der Kreislandwirt. „Und wenn es sich nur langsam abkühlt, sollte das für die Pflanzen kein Problem sein.“

Beim Handwerk herrscht indes kaum gedrückte Stimmung. Das Baugewerbe etwa profitiert von den gemäßigten Temperaturen, die Auftragsbücher seien „ganz gut gefüllt“, sagte die Sprecherin des Zentralverbands des deutschen Baugewerbes (ZDB). Da es weder Frost noch Schnee gebe, könne auf den meisten Baustellen weitergearbeitet werden, sagte die Sprecherin des Baugewerbes. Dies betreffe vor allem den Wohnungsbau, in dem es 2011 ohnehin „extrem gut“ gelaufen sei. Dass aber Straßenbauprojekte dank der milden Temperaturen möglicherweise früher fertig werden, das bezweifelt Ulrich Wichmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hameln-Pyrmont. „Dafür ist stetige Trockenheit notwendig“, meint er. Ähnlich sehe es im Bereich der Wärmedämmung aus, wo ebenfalls Temperaturen von über sechs Grad erforderlich seien – und das durchgängig.

Das Handwerk gehe aufgrund der guten Auftragslage optimistisch ins Jahr 2012, sagt Wichmanns Kollege aus dem Kreis Schaumburg, Fritz Pape. Normalerweise würde die Auftragslage ab Oktober in den Handwerksbetrieben einbrechen – nicht zuletzt durch den einsetzenden Winter. „Vielfach können jetzt aber die Aufträge vom alten ins neue Jahr übernommen werden“, sagt Fritz Pape. Der milde Winter sei gut für die konjunkturelle Entwicklung im Handwerk, wenngleich einige Arbeiten wie Fassadensanierungen wegen der Niederschläge derzeit nicht ausgeführt werden könnten. Pape stellt für die Schaumburger Handwerksbetriebe auch einen Rückgang der Winter-Kurzarbeit fest – das nicht nur wegen der Temperaturen, sondern wegen der „allgemein guten Auslastung der Betriebe“.

Ziemlich kalt lässt der Winter offenbar die Mineralölbranche. Zwar werde zurzeit weniger Heizöl verbraucht, so Jochen Kernchen, Geschäftsführer beim Mineralölhändler Ebmeyer in Hameln, aber die Lage sei ohnehin angespannt. „Bei den hohen Ölpreisen im Moment überlegen sich die Kunden, wann und ob sie Heizöl kaufen“, sagt Kernchen. Die Wetterlage sei weniger ein Indikator für den Heizölkauf als die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt, den die Verbraucher gut beobachten würden.

Weniger erfreut über den lauen Winter ist der Einzelhandel. Die Nachfrage nach warmer Kleidung und Wintersportausrüstung war in den vergangenen Wochen „nicht so gut“, sagt ein Sprecher vom Handelsverband Deutschland (HDE). „Uns wären Schnee und Eis lieber. Letztes Jahr wurden uns die Schlitten aus den Händen gerissen.“ Der Einzelhandel hoffe weiterhin auf kälteres Wetter in den kommenden Wochen und setze zudem auf den zweiwöchigen Winterschlussverkauf, der am 30. Januar beginnt. „Der ist zwar inzwischen freiwillig, wird aber sehr gut angenommen“, betont der Sprecher. Bedenken, dass Kunden im Falle eines Kälteeinbruchs nach dem Winterschlussverkauf nicht mehr fündig werden, wies er zurück: „Auch dann wird man immer noch ’was Warmes finden.“

Ähnlich verhält es sich bei Schlitten, Schneeschiebern und Streusalz, die im letzten Winter noch reißenden Absatz fanden und Händler vor Nachschubprobleme stellten. Die Regale sind im Januar 2012 voll. „Im Moment läuft der Verkauf ruhig“, so Dirk Mohme, Marktleiter im Toom-Baumarkt in Rinteln. „Aber wenn dann Schnee fällt, ist der Absatz da.“

Zwar können die Mitarbeiter der Straßenmeistereien derzeit auf Sonderschichten verzichten, aber Entwarnung gibt die Straßenmeisterei trotz des milden Winters noch nicht. „Niemand weiß, wann der Winter kommt“, sagt der Leiter der Straßenmeisterei in Rinteln, Karl-Heinz Klages. Derzeit liegen in Hallen in Rinteln und Krückeberg rund 1200 Tonnen Streusalz auf Lager. „Es ist durchaus möglich, dass wir in zwei Wochen bereits Nachtschichten schieben.“ Im letzten Winter, der nach Klages’ Ansicht relativ früh zu Ende gegangen ist, habe die Rintelner Straßenmeisterei insgesamt rund 2500 Tonnen Salz auf den Straßen verstreut. Wenn der Winter in diesem Jahr so mild bleibt und zig Tonnen Salz in den Lagern bleiben, ist das kein Problem: „Das Streusalz können wir auch im nächsten Winter noch streuen“, sagt Klages. „Das Kochsalz ist mit sogenannten Anti-Back-Zusätzen vermengt. Das hält zwei Jahre.“

Das Schifffahrtsamt in Hannoversch Münden registriert seit Anfang des Jahres stetig steigende Wasserstände der Weser und rechnet aufgrund des unbeständigen Wetters und in Erwartung teils erheblichen Niederschlags mit schwankenden Weserpegeln. Gestern stand das Wasser in Rinteln bei knapp 3,80 Meter; in Hameln bei etwa 3,70 Meter.

Das sind immer noch Werte, die knapp einen Meter unter der ersten Hochwasser-Warnstufe liegen. Zum Vergleich: Vor einem Jahr trieben Schnee und einsetzendes Tauwetter die Pegelstände an der Weser in die Höhe. Am 10. Januar zeigte der Pegel in Rinteln nach dem verschneiten Dezember und anhaltenden Regenfällen gut 6,50 Meter an.

Sturm, Regen, Temperaturen zwischen fünf und acht Grad. Ein richtiger Winter mit viel Schnee und kräftigen Minustemperaturen ist weit und breit nicht in Sicht. Das hat Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen. Was viele nervt, ist anderen lieb: Die milde Wetterlage im Januar hat gute und schlechte Seiten.



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