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Woher die Britengelände in Hameln ihre Namen haben

HAMELN. Hunderte Male darüber geschrieben, x-fach davon gesprochen, eines nie getan: Die Namen der ehemaligen Briten-Gelände in Hameln erklärt – was auch, wie sich herausstellte, gar nicht so einfach ist. Es gibt niemanden, der sagt: So war’s, deshalb heißen sie, wie sie heißen. Doch es gibt Vermutungen und Naheliegendes.

veröffentlicht am 01.11.2018 um 09:00 Uhr

Britengelände Bild für Online
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Ortschaften in Großbritannien spielen dabei eine Rolle, ebenso wie Generäle, und auch ein Bischoff ist Namensvetter für ein Areal.

Insgesamt sind im Hamelner Stadtgebiet elf Flächen verteilt, auf denen nach dem Zweiten Weltkrieg britische Soldaten stationiert waren oder die sie als Übungsflächen nutzten: zwei Kasernenstandorte, zwei Wasserübungsplätze und zwei weitere Areale, die als Depotstandorte für Geräte und Fahrzeuge dienten. Daneben gibt es vier weitere Übungsplätze, die jedoch nicht mit besonderen Namen verknüpft sind: den Schießstand und eine Waldfläche in Holtensen, eine Fläche in Welliehausen und ein Gelände am Düth.

Der Hamelner Richard Smith vom British-German-Club (der auch als „Weihnachtsmann-Busfahrer“ bekannt ist) und Arnd Wöbbeking, Fotograf und langjähriger Begleiter der Briten in Hameln haben bei der Recherche geholfen. Ins Boot geholt wurde von Richard Smith außerdem John Muggeridge, der Soldat der Royal Engineers war und in der Nähe einiger namensgebender Orte lebt. Diese wiederum liegen nahe der Ortschaft Chatham, wo sich ein Militärmuseum der Geschichte der Royal Engineers widmet – der Pioniere, die eben auch eine Vergangenheit in Hameln haben.

Bindon- und Gordon Barracks 

Pano103 Britengelände Linsingen 0111

Was in Hameln als Scharnhorst-Kaserne bekannt war und ist, trug unter den Briten den Namen „Bindon Barracks“. General Sir Bindon Blood (7. November 1842 bis 16 Mai 1940) war ein Kommandeur der Britischen Armee, der in Ägypten, Afghanistan, Indien und Südafrika eingesetzt war. Arndt Wöbbeking hat auf seiner Internetseite zusammengefasst: „Er war ein hoch dekorierter Offizier der britischen Armee und hat diverse Auszeichnungen während seiner Dienstzeit erhalten.“ Winston Churchill diente laut Wöbbekings Recherchen unter Bindon als Zweiter Leutnant in Indien. Bekannt geworden sei Sir Bindon Blood auch durch die Entwicklung einer Ponton-Brücke beziehungsweise deren Bauteile.

„Scharnhorst“ wiederum war Gerhard Johann David von Scharnhorst (1755 – 1813) – ein preußischer Generalleutnant und laut Wikipedia der entscheidende Organisator der Preußischen Heeresreform. Neben der Hamelner sind etliche weitere Kasernen der Bundeswehr nach ihm benannt worden.

Für die einstigen Gordon Barracks (vor- und hinterher Linsingen-Kaserne) stand der Major General Charles George Gordon (28. Januar 1833 – 26. Januar 1885) Pate. Bekannt ist er laut John Muggeridge auch als Chinesischer Gordon, Gordon Pascha und als Gordon von Khartum. Zu militärischem Ruhm gelangte er als Oberbefehlshaber in der „Immer Siegreichen Armee“ in China, wo er maßgeblich an der Niederschlagung der Taiping-Rebellen beteiligt war.

Hinter dem Namen Linsingen verbirgt sich Alexander Adolf August Karl von Linsingen (1850 – 1935), ein preußischer Generaloberst im Ersten Weltkrieg, der in Hildesheim geboren wurde und in Hannover starb.

Gundulf

Pano104 Britengelände  Gundolph  0111

Ja, richtig gelesen, Gundulf. Arnd Wöbbeking ist sich sicher: Es ist überall falsch geschrieben. Das Gelände am Reimerdeskamp werde nicht mit o geschrieben, sondern mit u, nicht Gundolph, sondern Gundulph und eigentlich sogar Gundulf. Dass alle Welt, also die Stadt Hameln, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und auch Arnd Wöbbeking selbst bislang „Gundolph“ geschrieben hat, ist eine Randnotiz. Wöbbeking jedenfalls will es auf seiner Seite bald ändern.

„Gundulf“ war ein Normannischer Mönch, der im Jahr 1075 zum Bischoff von Rochester ernannt wurde. Er besaß ein besonderes Talent für Architektur, was von König William I entdeckt wurde. Von ihm wurde Gundulf damit beauftragt, den Bau des Weißen Tower, der heute Teil des Towers in London ist, zu beaufsichtigen. Drei Königen hat er als Baumeister gedient – auch an der Kathedrale von Rochester/Kent hat er mitgewirkt – und gilt als erster „King’s Engineer“. Beeinflusst wurde sein Wirken immer von der normannischen Architektur wie jene der Burgen in Ivry oder Caen. Gundulf ist der einzige Architekt des 11. Jahrhunderts, von dem Name und Werdegang bekannt sind.

Bailey

Pano108 Britengelände Bailey  0111

Klar ist: Es hat nichts mit einem Likör zu tun, der so ähnlich heißt. Donald Coleman Bailey ist der Namensgeber für das 6,7 große Lagergelände am Reimerdeskamp. Er war ein britischer Ingenieur, angestellt bei der Armee und hatte ein besonderes Hobby, das am Ende Geschichte schreiben sollte: Er baute Modellbrücken und erfand die nach ihm benannte Bailey-Brücke, die vor allem im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle spielte. Die erste Brücke dieser Art wurde 1944 in Betrieb genommen. Auch heute wird diese Konstruktionsart noch manchmal für Behelfsbrücken genutzt, zum Beispiel in Glashütte (Sachsen) im Jahr 2002 nach dem Elbehochwasser.

Die Bailey-Brücke ist transportabel und lässt sich aus vormontierten Einzelbauteilen zusammensetzen. Die Einzelteile sind verhältnismäßig leicht, halten zusammen aber großes Gewicht aus, und können auch von kleineren Fahrzeugen transportiert werden. Die Bailey-Brücke ist weltweit zu finden, wird aber nicht nur militärisch genutzt, sondern auch Organisationen wie das THW bauen diesen Brückentyp.

Upnor

Pano106 Britengelände Upnor 0111

Auch Upnor ist, wie Wouldham, eine Ortschaft in Kent. Genauer gesagt zwei: Lower Upnor und Upper Upnor. Der Name leitete sich im Laufe der Jahrhunderte ab von „atten ore“ des Mittelenglischen, was sich später in „uppan ore“ wandelte und letztlich zu „Upnor“ wurde mit der gleichbleibenden Bedeutung: „Am Ufer“

Upnor liegt am Fluss Medway, einem großen Nebenfluss der Themse – und haben das Upnor Castle zu bieten. Gebaut wurde es als Artellerie-Fort unter Königin Elisabeth I. zwischen 1559 und 1567, zu einer Zeit, als es zwischen England und Spanien erhebliche Spannungen gab. Einmal seit ihrem Bestehen, wurde die Burg für einen militärischen Einsatz genutzt: im Juni 1667. Die Holländer hatten die Stadt Sheerness eingenommen – als sie an Upnor Castle vorbeisegelten wollten, wurden die holländischen Schiffe von dort aus beschossen und zogen sich daraufhin zurück. Später, als stärkere Forts weiter unten am Medway-Fluss gebaut wurden, verlor „Upnor Castle“ seine Bedeutung und wurde überflüssig. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges diente es als „Ort für Lagerhäuser und Pulvermagazine“, von dort aus wurden Kriegsschiffe, die in der Nähe ankerten, mit Munition versorgt. 1691 war Upnor Castle laut Wikipedia „das führende Magazin mit 164 gusseisernen Kanonen, 62 Festlafetten, 100 Schiffslafetten, 7125 Stück Kanonenkugeln, über 200 Musketen unterschiedlicher Typen, 77 Spießen und 5206 Fässern Schießpulver. Dies war bedeutend mehr, als im nächstkleineren Magazin, dem Tower of London, lagerte.“

Heute kann Upnor Castle April bis Oktober besichtigt werden.

Ravelin-Camp

Pano105 Britengelände Ravelin 0111

Ausgesprochen „Räwelenn“-Camp mit englischem R Betonung auf Rä. Das Wort samt Bedeutung gibt es aber auch im Deutschen (dann französisch ausgesprochen: ravə’l˜e). Das deutsche Wort wiederum dafür ist „Wallschild“ und bezeichnet das Werk einer Festung, das die sogenannte Kurtine – den Wall zwischen zwei Bastionen – schützen sollte. Laut Wikipedia ist der Ravelin „das älteste und zugleich wichtigste Außenwerk des bastionären Befestigungssystems. Ursprünglich war der Ravelin zuerst nur ein kleines Werk, das lediglich den Zugang zur Brücke vor den Festungstoren erschweren sollte.“ Von dieser Bedeutung stammt auch der der ursprünglich italienische Name „Rivellino“ (das heißt kleines Uferwerk oder mit dem dafür üblichen deutschen Ausdruck: Brückenkopf).

Wouldham

Pano102 Britengelände Wouldham  0111

Im Gespräch mit Richard Smith wird sofort klar: Die Aussprache stimmt nicht. Es heißt nicht „Wuddhähm“, sondern „Wuhldemm“, natürlich mit englischem „W“ vorne und kurzem „e“. Jahrelange falsch gemacht, nun gut. Das Wouldham-Camp ist in Hameln der Wasserübungsplatz an der Ohrschen Landstraße – und in Großbritannien zunächst einfach eine 1000-Einwohnergemeinde im Südosten Englands, im Bezirk Kent.

Der Name könnte abstammen von den Begriffen „Wolde“, was so viel heißt wie „baumloser Höhenzug“ und Ham für „Siedlung“. Militärische Relevanz hatte die Ortschaft in der Vergangenheit, weil dort im späten 19. Jahrhundert in den Sommermonaten über viele Jahre Trainingscamps für die Soldaten der „Royal Engineers“ stattfanden. Dort lernten die jungen „Sappers“ – die Pioniere – Ponton-Brücken und Flöße zu bauen, Rudern und das „unbequeme Leben des Lager-Lebens“ kennen.

Daneben verfügt der Ort über eine weitere militärische Besonderheit: Auf dem Friedhof liegt Walter Burke begraben. Wem Burke nichts sagt, dem sagt vielleicht „Lord Nelson“ etwas oder die Schlacht von Trafalgar, in der 1805 die Briten die Franzosen und Spanier besiegten, 20 ihrer Schiffe zerstörten, ohne dabei selbst ein einziges zu verlieren. Verloren hat allerdings Lord Nelson, nämlich sein Leben, und besagter Walter Burke, der mit ihm auf der „HMS Victory“ war, hielt ihn dabei in seinen Armen. Burke lebte zuletzt in Wouldham und starb dort 1815.


Quellen:



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